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Kabarett-Zwist : Auf die Enterbung folgt der Vatermord

Im deutschen Kabarett ist Stimmung - nur leider schlechte: Der Zank zwischen Mathias Richling und Dieter Hildebrandt, der ihm den Titel „Scheibenwischer“ entzog, zeugt von der großen Verunsicherung einer ganzen Branche.

          Gerade erst vier Wochen ist es her, da war die deutsche Kabarettwelt noch in Ordnung. Mathias Richling war zu Gast bei Sandra Maischberger und erzählte gut gelaunt von seinen Plänen, den „Scheibenwischer“, den er nach dem Ausstieg Bruno Jonas' allein leiten würde, zu modernisieren. Dabei setzte Richling nicht nur auf altgediente Kollegen, sondern auch auf Comedians und Schauspieler, die sich in der ARD-Sendung an politischer Satire versuchen sollten. Bei Maischberger waren die Sektionen noch sauber getrennt: Die erste halbe Stunde gehörte allein dem Kabarettisten, und als die Moderatorin anschließend vier Comedians begrüßte, war „Mister Scheibenwischer“, wie Maischberger Richling nannte, nicht mehr mit von der Partie.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seither ist viel passiert. Den Titel „Mister Scheibenwischer“, wenn er denn je einem anderen gebührt hätte als Dieter Hildebrandt, dem Erfinder der Sendung, ist Richling los: Er dürfte sich nun allenfalls „Mister Satire Gipfel“ nennen. Zwei Wochen vor der Premiere der reformierten Sendung an diesem Donnerstag hat Hildebrandt über seinen Anwalt der ARD die Nutzung des alten Titels untersagt - aufgrund ebenjener Idee Richlings, Comedians auftreten zu lassen. Gezwungen, die Sendung in höchster Eile umzutaufen, war den Sendern BR und RBB lediglich das mäßig inspirierte „Satire Gipfel“ ein- und niemandem aufgefallen, dass ein Bindestrich der Sache gut angestanden hätte („Scheibenwischer“ wird „Satiregipfel“). Dem Wunsch des großen alten Herrn, verkündeten beide Sender einmütig, habe man gern entsprochen und hätte dies selbstverständlich auch ohne juristischen Druck getan.

          Der falsche Mann

          Doch wer meint, damit sei das letzte Wort gesprochen, verkennt das Wesen des Kabarettisten. Zunächst präzisierte Hildebrandt seine Bedenken gegenüber Richlings Reformen. Gewiss, so Hildebrandt, könne man Komiker auf den rechten Weg der Politsatire bringen, wie es der ZDF-Konkurrenz „Neues aus der Anstalt“ gelinge, nur sei Richling dazu der falsche Mann: Ihm traue er die Leitung einer politischen Kabarettreihe nicht zu. Das saß - und ließ Richling nicht auf sich sitzen: In Interviews beklagte er sich über Hildebrandts „Angriffe aus dem Hinterhalt“ und dessen „Humor-Fundamentalismus“ und rechnete, einmal in Schwung, gleich mit dessen Lebenswerk ab. „Das Problem ist auch, dass Altgenosse Dieter Hildebrandt kein politisches Kabarett kann, sondern immer nur parteipolitisches“, höhnte Richling und hielt dem Kollegen vor, der SPD hörig zu sein - was „eines Kabarettisten eigentlich unwürdig“ sei.

          Fühlt sich vorverurteilt: Mathias Richling

          Dieter Hildebrandt, seit mehr als fünfzig Jahren auf der Bühne, Mitbegründer der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, Kopf der „Notizen aus der Provinz“ und des „Scheibenwischers“, kann kein politisches Kabarett: Auf die Pointe muss man erst mal kommen. Sie von einem Kabarettisten zu hören wäre bis unlängst undenkbar gewesen. Scharf schießt die Zunft traditionell nur gegen die, die sie als gemeinsame Gegner ausmacht. Nun aber ahnt man, dass die kleine, vermeintlich heile Kabarettfamilie tief zerstritten ist. Schon die Fluktuation beim „Scheibenwischer“, den erst im Streit Georg Schramm, dann wegen anderer Pläne Richard Rogler und zuletzt Jonas verließen (Bruno Jonas: Eine lahme Ente will er nicht sein), hätte misstrauisch stimmen dürfen. Nun erleben wir die Eskalation: Der Patriarch Hildebrandt enterbt Richling, und der rächt sich mit Vatermord. Mord am Übervater der Branche.

          Das Fallbeil ist unten

          Richling selbst sieht sich als Opfer, zu Unrecht verurteilt wegen des Missverständnisses, künftig Comedy machen zu wollen: „Das Fallbeil ist leider schon unten: Urteilsverkündung vor Beweisführung.“ Warum, fragt er, solle „ein Comedian nicht auch eine politische Überzeugung haben? Wenn er sie äußern möchte, kann er's bei mir tun. Und wenn er schlecht ist, kommt er halt nicht wieder.“ Die Übernahme des „Scheibenwischers“, so Richling gegenüber dieser Zeitung, habe er zuallererst als „Verpflichtung“ gesehen, Hildebrandts Erbe weiterzuführen: „Wenn er das nicht will, ist das in Ordnung.“ Gleichwohl zeigt er sich „völlig entsetzt“ ob des Verdikts über ihn: „Ich glaube, dass ihn jemand aufhetzt, der ihn in tiefstem Herzen nicht mag.“ Dass Hildebrandt ihm, der dreihundert eigene Sendungen gemacht habe, die Fähigkeit dazu abspricht, das habe „eine besondere Komik“.

          Besonders heiter klingen indes weder Richling noch Hildebrandt, der im Gespräch erklärt, dass ihm die Geschichte „an die Nerven“ gehe. „Hysterisch“ nennt er Richlings Reaktion: „Der ist mir zu aufgeregt, er strampelt zu viel.“ Den Kabarettkollegen bezeichnet er als „Äquilibristen, der die Worte tanzen lässt“, dabei aber „sehr auf sich fixiert“ sei. Sollte Richling, der von Anfang an im 1980 gestarteten „Scheibenwischer“ zu Gast war, diesen tatsächlich als „abgestandene, von der SPD gesteuerte Veranstaltung“ sehen, dann, so Hildebrandt, „hätte er früher aussteigen müssen“. Hildebrandts Nähe zur SPD ist kein Geheimnis; 1972 zog er für Willy Brandt in den Wahlkampf und 1976 für Helmut Schmidt - nachzuerleben durch ein skurriles YouTube-Filmchen, in dem der kurzbehoste Knabe „Fritze“ (Hildebrandt) den christlich-konservativen „Karli“ (Horst Jüssen) von den Vorzügen der Sozialdemokratie überzeugt.

          Nur noch vier Jahre

          „Wenn ich heute in der SPD bin, heißt das nicht unbedingt, dass ich links bin - und diesen Entwicklungsschritt ist Dieter Hildebrandt nicht mitgegangen“, kritisiert Richling. Hildebrandt verteidigt sich, er habe stets in alle Richtungen ausgeteilt. Richlings Behauptung, er habe die „Lach- und Schießgesellschaft“ 1972 aufgelöst, weil das Ziel der Inthronisierung Brandts erreicht gewesen sei, weist er zurück: Schon 1968, also noch vor der Amtsübernahme Brandts, habe die Gruppe beschlossen, nur noch vier Jahre weiterzumachen. Vom Lach- und Schießgesellschaftsleiter Sammy Drechsel indes ist die Aussage überliefert, die SPD-geführte Regierung habe die Kabarettisten seinerzeit in ein „Dilemma“ gestürzt, weil sie die jahrelang unterstützte Partei ungern attackieren wollten.

          Die beruflichen wie auch freundschaftlichen Bande zwischen Hildebrandt und Richling sind fürs Erste gerissen. Wenn zwei der profiliertesten deutschen Kabarettisten sich so heftig befehden, dann müssten sich ihre Gegner die Hände reiben. Dass einem nicht einfallen will, wo diese Gegner heute sitzen könnten, ist auch ein Indiz für den Bedeutungsverlust des Kabaretts. Comedians, sagt Richling, lade er auch deshalb ein, „weil das politische Kabarett nicht sehr breit gestreut ist“. Im ersten „Satire Gipfel“ wird Richling seine Gäste in einem Newsroom begrüßen; dass mit Ingolf Lück ein Comedian geladen ist, der einst Anchorman der Sat.1-„Wochenshow“ war, könnte für einen irritierenden Déjà-vu-Effekt sorgen.

          In einem Interview hat Dieter Hildebrandt einmal erklärt, wieso er sich immer Töchter wünschte: „Mit Söhnen, so dachte ich, bekomme ich Schwierigkeiten. Da entstehen Generationenkonflikte.“ Den „Satire Gipfel“ des verlorenen Sohnes Richling will er sich auf jeden Fall ansehen. Er dürfte nicht allein sein: Solche Aufmerksamkeit ist dem Kabarett schließlich seit Jahren nicht geschenkt worden.

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