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Jörg Pilawa : Der Schmerzfreie

Mann ohne Eigenschaften: Jörg Pilawa Bild: David Smith

Ein netter, adretter Mann ohne Eigenschaften, der überraschungs- und schmerzfreie Ablenkung garantiert: Um den Fernsehmoderator Jörg Pilawa rissen sich ARD und ZDF wie Madrid und München um Ribéry. Wieso?

          Jörg Pilawa hatte die Qual der Wahl: Bei der ARD bleiben oder zum ZDF gehen? Jeden Abend im Ersten auftreten oder zwei- bis dreimal pro Woche im Zweiten? Auf dem roten Teppich bleiben, dem ihm sein alter Haussender, der Norddeutsche Rundfunk, ausbreitet, oder im Überflug in Mainz landen? Er entschied sich fürs Zweite. Im Ersten sehen wir ihn noch bis Ende des Jahres, dann macht er eine längere Pause, im Spätsommer 2010 gibt er sich als Nachfolger von Johannes B. Kerner die Ehre. In Hamburg tragen sie Trauer, auf dem Mainzer Lerchenberg knallen die Sektkorken. Für das deutsche Fernsehen ist es ein Megadeal. Mit Pilawa hat das ZDF einen Quotengaranten verpflichtet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dem sieht man auf den ersten Blick an, was ihn so wertvoll macht: Er ist schlank, groß, blond, hat ein gewinnendes Lächeln und ist stets picobello gekleidet. Ein Frank Plasberg bekommt neben ihm, trotz aller Schlagfertigkeit, eine Daseinskrise, zumindest was den Sitz des Anzugs angeht. Und natürlich in Sachen Publikumszuspruch. Alle lieben Pilawa, alle wollen Pilawa, inzwischen so sehr, dass ganze Sendungsstrecken nach seinen Wünschen ausgelegt werden. Senderchefs machen sich Gedanken über sein Befinden, Fachjournalisten spekulieren täglich darüber, was er macht. Ein Festmeter Papier ist schon lange vor seinem Wechsel von der ARD zum ZDF beschrieben worden mit all den Konsequenzen, die das haben würde: Ohne Pilawa scheint in der Unterhaltung im Ersten alles nichts zu sein; mit ihm macht das Zweite den omnipräsenten Kerner, den der blasse Markus Lanz nicht ersetzt, auf einen Schlag vergessen.

          Kein Angeber und kein Zocker

          Jörg Pilawa könnte sich benehmen wie ein Star, der er den Maßstäben der Branche nach ist, auch wenn die Kritiker das nicht verstehen und nicht ertragen. Wie eine Zicke dürfte Pilawa toben, doch das tut er nicht. Er ist höflich, er spielt sich nicht in den Vordergrund und behandelt seine Gäste mit Respekt, von Gleich zu Gleich. Deshalb lieben ihn die Leute. Er ist kein Angeber, nicht geldgierig und kein Zocker. Das Geld spielte bei seinem Wechsel dem Vernehmen nach nicht die Hauptrolle. Und fleißig wie ein Lieschen ist er auch. Jörg Pilawa moderiert am laufenden Band, auf 230 Auftritte kam er bei der ARD in seinem besten Jahr.

          Das wurde selbst ihm zu viel. Schon vor drei Jahren verkündete er seine persönliche „Agenda 2010“: weniger machen, mehr Zeit für die Familie haben, eine Auszeit nehmen. Die ARD war gewarnt, ließ Pilawa moderieren und selbst produzieren mit der Firma White Balance, die er gründete und an die große Produktionsgesellschaft MME Moviement verkaufte, die sich von ihm einen Umsatzzuwachs von zehn Millionen Euro versprach. Seinen eigenen potentiellen Nachfolger brachte Pilawa ins Spiel - Sven Lorig, den netten Blonden mit dem großen Grinsen aus dem Frühstücksfernsehen, der sein kleiner Bruder sein könnte. Und doch vermochte sich die ARD, dieses Riesenreich, auf den Auszug des Helden nicht einzustellen. Sie müsste schon Oliver Geissen bei RTL abwerben oder Kai Pflaume bei Sat.1 loseisen - so wie sie es vor Jahren mit Pilawa tat. Doch wir sehen die Sendergewaltigen einstweilen ratlos. „Pilawa ist der Beste“, rief ARD-Programmdirektor Volker Herres einmal aus. Vergebens.

          Pilawas Aufstieg lässt sich erklären: Er ist einer der Männer ohne Eigenschaften, die das deutsche Unterhaltungsfernsehen dominieren, weil sie perfekte, überraschungs- und schmerzfreie Ablenkung garantieren. Sie sind nett, sie sind adrett. Teflonmänner, an denen die professionelle Kritik, die Figuren mit Ecken und Kanten fordert, die das Publikum nicht will, abperlt. Schwiegersöhne im besten Alter, ob sie nun Geissen, Kerner, Lanz, Günther Jauch, Kai Pflaume oder (mit Abzügen in der Haltungsnote) Marco Schreyl heißen. Sie werden von den Sendern gehandelt wie Spielmacher und Mittelstürmer beim Fußball.

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