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Jauchs Premiere : Das Format hat Format

Ring frei zur ersten Runde: Matthias Döpfner, Jürgen Klinsmann, Elke Heidenreich, Tanja Menz, Peter Struck und Jürgen Todenhöfer (von links nach rechts) umringten Günther Jauch Bild: dpa

Günther Jauchs Premiere im Ersten löst keine Revolution aus. Aber die Sendung könnte tatsächlich die beste Talkshow im Ersten werden. Ansätze sind erkennbar, den vorab formulierten Unkenrufen zum Trotz.

          Am Tag danach sind alle zufrieden. Die Quote hat gestimmt - 5,1 Millionen Zuschauer, darunter eine erkleckliche Zahl Jüngerer. Die Sendung verplätscherte etwas, aber war nicht schlecht. Die ARD kann aufatmen, muss sich allerdings auch nicht gleich in Champagnerlaune selbst dafür feiern, dass sie Günther Jauch engagiert hat. "Die Präsenz und die journalistische Qualität des Gastgebers waren jederzeit spürbar", sagte der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das klingt zwar etwas seltsam, trifft die Sache aber ganz gut: Günther Jauch stand bei der Premiere seiner Talkshow im Ersten nicht im Vordergrund - nichts anderes sollte man von dem Moderator einer Gesprächssendung erwarten. Auch wenn die ARD, die pro Jahr 10,5 Millionen Euro für die Produktion ausgibt, den Star-Kult um Jauch mitentfacht hat, gilt: Nicht (allein) der Moderator macht das Format aus, das Format an sich muss Format haben. Das hat es schon jetzt. Und es hat Entwicklungspotential.

          Dieses liegt selbstverständlich in einer kraftvolleren Debatte und einem glücklicheren Händchen bei der Gästeauswahl als beim ersten Mal. Jürgen Klinsmann als Erkläronkel aus Amerika war beim Thema "Zehn Jahre 11. September. War es richtig, in den Krieg zu ziehen?" eine glatte Fehlbesetzung. Bei Elke Heidenreich muss die schiere Prominenz der Grund gewesen sein, sie einzuladen, sie war mit ihrem Pazifismus zwar schön plakativ, aber auch schnell am Ende. Der Springer-Vorsitzende Mathias Döpfner wiederum machte als differenzierter Nachdenker eine wesentlich bessere Figur.

          Ein Kreis schließt sich

          Doch hatte man mit diesen dreien und dem ehemaligen Verteidigungsminister Peter Struck und dem Afghanistan-Kenner Jürgen Todenhöfer schon einmal eine Gästemischung, die nicht ganz und gar zu erwarten war. Das kann schiefgehen, und das kann glücken, wenn es glückt, löst die Talkshow von Günther Jauch eine ihrer Hauptaufgaben - politische Themen für gesellschaftliche Debatten zu öffnen, das große Ganze mit dem Persönlichen zu verbinden und so zu zeigen, dass es alle angeht. Das ist seit je eine Stärke von Jauchs "Stern TV" bei RTL gewesen, und diese Stärke nimmt er mit, bei der Premiere erkennbar in den Gesprächen mit einer Überlebenden der Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und mit der Mutter eines in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten.

          Günther Jauch hat aber noch etwas mitgenommen, das ganz entscheidend werden könnte: ein Bild- und Schnittkonzept, hinter dem ein Mann steckt, den in der Branche viele für einen der weltbesten Live-Regisseure halten: Volker Weicker. Für diesen schloss sich, für die Zuschauer war das nicht zu bemerken, an diesem Sonntag ein Kreis: Vor zehn Jahren führte er, am 11. September, Regie bei RTL, bei der Sonderberichterstattung zu den Terroranschlägen. Er weilte gerade zu einem Gespräch beim Sender, als ihn der damalige Chefredakteur Hans Mahr vom Fleck weg in die Regie beorderte - der jetzige Chefredakteur und Moderator Peter Kloeppel hat an dieser Stelle davon erzählt.

          Nicht nur Kloeppel und seine Crew meisterten die Sache, sondern auch der Regisseur machte seine Sache so gut und souverän, dass er dafür im Jahr darauf einen Grimme-Preis bekam. Weicker, hieß es damals, setze "ein Ereignis und seinen Moderator ins Verhältnis - und er findet die passende Maßeinheit. Drama ohne Dramatisierung, Nähe ohne Voyeurismus, sehr sparsam sind die inszenatorischen Mittel eingesetzt." Die Sätze würden zur Premiere von "Günther Jauch" genauso gut passen.

          Kein hektisches Hin-und-Her

          Volker Weicker hat sein Können bei den größten Ereignissen unter Beweis gestellt. Er führte die Weltregie bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan (2002), richtete den Eurovision Song Contest in Athen aus (2006) und die "Kanzler-Duelle", die ARD, ZDF, Sat.1 und RTL gemeinsam übertragen haben. Er arbeitete mit Johannes B. Kerner zusammen, setzte die Champions League und Boxkämpfe in Szene, bewies dabei stets das richtige Gespür für den Augenblick und die richtige Nähe - zum Geschehen und zu den Protagonisten.

          Hektisches Hin-und-her-Schalten gibt es bei ihm nicht, keine abrupten Schnitte, am Sonntag setzte er bei Günther Jauch Absätze, indem die Kamera in der Totalen mit der Räumlichkeit spielte - dem renovierten Gasometer in Berlin-Schöneberg, in den man einen Kuppelbau integriert hat, welcher dem Reichstag nachempfunden ist. Das ist gewöhnungsbedürftig - insbesondere in die Bilder, die im Hintergrund an die Wände geworfen werden, muss man sich erst hineinsehen -, aber es hat Format. Ein Format, das zum Anspruch der Sendung passt und zum Getrommel der ARD und das den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. An Günther Jauch ist es, diese Arena zu beleben.

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