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Interview: ARD und Kino : „Wir müssen kein schlechtes Gewissen haben“

  • Aktualisiert am

Eben noch sahen wir sie in Afrika, schon kehrt sie zurück in die Berge: Christine Neubauer Bild: ARD Degeto/Reiner Bajo

Muss das Kino wegen des koproduzierenden Fernsehens in Deutschland zu viele Kompromisse machen? Ein Gespräch mit Bettina Reitz, Filmchefin des BR und Degeto-Chef Jörn Klamroth, die auch verraten, warum Christine Neubauer in jedem zweiten ARD-Film mitspielt.

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          Wenn es um Filme in der ARD und um Fernsehen und Kino geht, ist man bei der Filmchefin des Bayerischen Rundfunks, Bettina Reitz, und dem Chef der Produktionsfirma Degeto, Jörn Klamroth, richtig. Klamroth hat das Budget (250 Millionen Euro im Jahr), Bettina Reitz die Expertise. Wir wollen von ihnen wissen, ob das Kino vom Fernsehen wirklich profitiert und warum die ARD so sehr auf Christine Neubauer setzt.

          Bei der Berlinale spielt das deutsche Kino eine große Rolle. In den vergangenen Jahren ging es auf und ab. Ein Kritikpunkt lautet, der deutsche Kinofilm werde durch die Koproduktionsgelder des Fernsehens auf immer und ewig zu künstlerischen Kompromissen genötigt.

          Bettina Reitz: Der Vorwurf läuft ins Leere. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass eine Stärkung des künstlerischen Werks eher von uns ausgeht als vom Kinomarkt selbst. Wir bereiten etwa gerade einen Film vor, bei dem der Verleih auf eine zeitliche Begrenzung von unter zwei Stunden drängt, während wir sagen, die Länge ist egal. Bei „Das Leben der Anderen“ mit zweieinhalb Stunden Länge hat das ja auch wunderbar funktioniert.

          Sammelt Filmpreise ein: Bettina Reitz
          Sammelt Filmpreise ein: Bettina Reitz : Bild: Natasha-I. Heuse

          Jörn Klamroth: Wir wollen uns nicht exkulpieren. Die Kritik markiert eine Haltung, die wir kennen - diese Aversion gegen das Fernsehen, der kleine Schirm, das Prinzip Schnitt/Gegenschnitt. Das hängte sich zuletzt auf an der Diskussion, die Marcel Reich-Ranicki und ihr Kollege Peter Körte (Wer rettet den deutschen Film vorm deutschen Fernsehen?) angeregt haben. Doch ist es falsch, wie bei Reich-Ranicki von einer Veranstaltung wie dem Deutschen Fernsehpreis auf das gesamte Programm der Sender zu schließen. Wer die Qualität unserer Programme an sich in Frage stellt, verschließt sich den Tatsachen.

          Reitz: Ich würde weiter gehen und behaupten, dass es gerade in den Sendern viele Menschen gibt, die sich für das Kino stark engagieren. Der Bayerische Rundfunk hat durch zahlreiche Preise besondere Aufmerksamkeit bekommen - aber viele unserer Produktionen wären unter anderem ohne die Zusammenarbeit mit der Degeto, in großer künstlerischer Selbstverständlichkeit, gar nicht möglich. Solange es uns gibt, wird das Kino gefördert. Solange das Kino uns braucht und solange es der Kinomarkt selbst noch nicht schafft, ohne Senderbeteiligung zu produzieren, wird es so weitergehen.

          Also doch: das Kino am Fernsehtropf.

          Klamroth: Wenn man die Entwicklung nur einmal zehn Jahre zurückverfolgt, wird man sehen, dass der deutsche Film am Kinomarkt seine jetzige Bedeutung nur erlangt hat, weil das Fernsehen mitzieht und wir mit Kontinuität gemeinsame Interessen verfolgen.

          Reitz: Wir finanzieren bei Kinoproduktionen zwischen 20 und 30 Prozent der Herstellungskosten. Das ist so die Größenordnung. „Hanami“, „Nordwand“, „Im Winter ein Jahr“, auch der neue Film von Michael Haneke - das sind alles Produktionen von BR und Degeto. Oder denken Sie an das Engagement der ARD für den Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Ohne Unterstützung der Fernsehpartner, federführend des NDR, aber auch des BR, WDR und der Degeto, wäre der Film nicht zu stemmen gewesen. Das nötige Budget stellen Sie in Deutschland ohne ARD oder ZDF schwerlich auf die Beine. Und die Zusammenarbeit funktioniert, auf allen Ebenen. Das ist manchmal nur ein Anruf in Frankfurt bei der Degeto.

          Und der reiche Onkel aus Amerika zückt den Scheck. Wie ist das Procedere, wenn einer einen Film machen will?

          Klamroth: Wir sind natürlich nicht einfach der reiche Onkel aus Amerika. Wir haben einen relativ großen Etat, mit dem aber viel geleistet werden muss, unerschöpflich ist er nicht. Wir setzen Prioritäten. Die inhaltliche Bewertung leisten die Landesrundfunkanstalten. Ich muss nur den Etat verantworten. Wir haben 250 Millionen Euro im Jahr, aber dafür ist sehr viel abzuliefern. Viele Filme am Donnerstag, Freitag, Eventproduktionen.

          Was kostet ein Degeto-Fernsehfilm?

          Klamroth: 1,5 Millionen. Relativ viel ist für uns schon 1,6 Millionen, 1,7 Millionen Euro. Das klingt teuer, aber diese Filme sind Buyout-Produktionen und haben ein enormes Verwertungspotential innerhalb der ARD. Das rechnet sich. Wir haben mal ausgerechnet, dass eine Degeto-Minute auf alle Programme bezogen die Rundfunkanstalten 300 Euro kostet. Das sind also vertretbare Investitionen.

          Reitz: Nur zum Vergleich: Ein „Tatort“ kostet heute in der ARD zwischen 1,3 und 1,6 Millionen Euro brutto.

          Auf welche Koproduktionen ist denn die Degeto stolz?

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