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Im Gespräch: Kenneth Branagh : Sind Sie ein alter Schwede, Mister Branagh?

Der besessene Mann: Kenneth Branagh spielt Wallander Bild: ARD Degeto/Yellow Bird/Left Bank

Der besessene Mann, brillant im Beruf, hilflos zu Hause - Kenneth Branagh spielt jetzt den Kommissar Wallander. Im Gespräch mit der F.A.Z. verrät Branagh, wo er seine Texte übt, und erklärt, warum in Schweden ein wunderschöner Traum ermordet wurde.

          7 Min.

          Ein Hotel, Beuteltee, neun Uhr morgens. Kenneth Branagh redet trotzdem sofort drauflos. Manchmal geht mit ihm der Mime durch, dann spreizt er die Vokale. Keine Spur also vom maulfaulen Kommissar Wallander, den er jetzt spielt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mr. Branagh, woran denken Briten, wenn sie an Schweden denken?

          Da gibt es zwei oder drei Dinge. Erstens ABBA: Popmusik, wunderschöne, blonde Menschen, Spaß und Nonkonformismus. Für Briten sind Schweden entweder Popsänger oder Aupairs. Als ich zu Hause erzählt habe, dass ich in Schweden arbeiten werde, haben mich Freunde gefragt: Gibt es da nicht die höchste Selbstmordrate in Europa? Das ist das zweite. Ich weiß aber gar nicht, ob das stimmt. Und das dritte ist das Gefühl von einem Land, das nicht unbedingt in Aufruhr, aber doch in Sorge um sich selbst lebt.

          „Die Wüste, die hier die See ist”: Branagh als Wallander in Ystad
          „Die Wüste, die hier die See ist”: Branagh als Wallander in Ystad : Bild: ARD Degeto/Yellow Bird/Left Bank

          Die Deutschen sind verliebt in die Schweden. Fast in jeder Woche kann man eine Schmonzette im Fernsehen sehen, die in roten Holzhäusern am Vätternsee spielt, von Sorgen keine Spur.

          Wirklich? Bei uns sieht man Schweden als einen Ort, wo ein glamouröses, utopisches Projekt ausprobiert wurde, mit hohen Steuern und einem umfassenden Wohlfahrtsstaat. Aber dieser Traum wurde getrübt, wenn Sie an das Attentat auf Olof Palme denken und an die wirtschaftlichen und sozialen Probleme. Schweden ist für uns das Land, in dem ein wunderschöner Traum ermordet wurde.

          Machen die schönen Seiten Schwedens die dunklen Seiten am Ende sogar noch dunkler?

          Ja. Unser Interesse an schwedischen Krimis kommt zum Teil daher, dass wir das Gefühl haben, diese Bücher seien wie Selbstgespräche darüber, wie sich der schwedische Traum in einen Albtraum verwandeln konnte. Also, ich würde sagen: Der Brite denkt an ABBA, Selbstmord und den zerstörten Traum.

          Aber es laufen bei Ihnen keine Holzhausschnulzen im Fernsehen wie bei uns?

          Als ich in Ystad gedreht habe, waren die meisten Touristen Deutsche. Die sind in einem kleinen Zug herumgefahren. Vielleicht sitzen da in diesem Sommer lauter Briten drin.

          Sie spielen jetzt den schwedischen Kommissar Wallander. Die ersten drei Folgen sind in Großbritannien und in Amerika erfolgreich gelaufen, in zwei Wochen zeigt sie das deutsche Fernsehen. Es gab schon zwei Vorgänger auf Ihrem Posten. Sie spielen Wallander allerdings etwas weicher, irgendwie humaner.

          Das stimmt. Gestern Nacht habe ich auf meinem Laptop die Drehbücher der nächsten drei Folgen gelesen. Nach ungefähr fünfzehn Minuten saß ich so da (zieht die Schulter ein und fällt in sich zusammen). Nach zwanzig Minuten hatte ich keinen Hals mehr. Ich konnte nicht anders, ich habe mich sofort in ihn verwandelt. Ich habe eine große Sympathie für ihn, wahrscheinlich wie viele andere Leser auch. Er ist extrem gut im Beruf, ein origineller Kopf mit einem großen Spürsinn und Einfühlungsvermögen - aber er kann die gleiche Sensibilität nicht für sein eigenes Leben aufbringen. Ich weiß, das ist typisch für einen Kriminalbeamten: der besessene Mann, brilliant im Beruf, hilflos zu Hause. Aber Wallander ist eine besondere Version davon. Ein Jedermann. Bemerkenswert, ohne eitel zu sein.

          Sie lassen ihn ständig sagen: „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“ Das macht sein Erfinder Henning Mankell übrigens auch.

          Wallander scheint sich die Verbrechen sehr zu Herzen zu nehmen. Als ob er den Schmerz von jedem Verbrechen, von jedem Mord, von jeder Gefühllosigkeit am eigenen Leib spüren würde. Ich habe mich mit Polizisten im gleichen Alter wie Wallander in Ystad unterhalten, die sagten: Was in diesem Beruf wichtig und gleichzeitig schwer ist, ist abzuschalten. Du musst raus aus dem Revier. Du musst aufpassen, dass die Überstunden nicht überhand nehmen. Wallander fällt das nicht leicht, er kann sich nicht vom Job lösen, er nimmt ihn mit nach Hause. Er kann sich nicht so von ihm isolieren, dass es gesund für ihn wäre. Man muss ja eine Balance halten zwischen den Problemen auf der Welt - Afrika, Armut, Klima, die Finanzkrise - und dem eigenen Leben. Wallander scheinen die Probleme anderer Leute aber zu überwältigen. Das hat mich interessiert. Und dass er denkt, etwas tun zu können. Ich glaube, er hat ein Pflichtbewusstsein.

          Vielleicht ist ja das seine Eitelkeit: Dass er denkt, nur er allein könne den Mordfall lösen. Wenn es ihn nicht gäbe, würde er nicht gelöst.

          Eine gute Beobachtung, ja. Seine Frau und seine Tochter würden das vielleicht auch so sehen. Wallander selbst würde wohl sagen: Es ist keine Pose. Trotzdem ist es kein besonders praktischer Lebensstil. Man braucht dazu Menschen, die einen bei diesem Martyrium begleiten. Aber es stimmt, er doziert schon oft, er grämt sich über die Welt, wie das Menschen von einem bestimmten Alter an nunmal tun.

          Kannten Sie Mankells Bücher schon vorher?

          Ja, ich hatte sie zum Vergnügen gelesen. Ystad wirkt bei Henning neblig, still und unheimlich, als würde man in der Nacht seltsame Stimmen hören. Möglicherweise ist es gar nicht das echte Ystad, aber Mankell hat da etwas geschaffen: eine poetische Dimension, die es dem Leser erlaubt, sich den Rest selbst zu denken. Als ich das erste Mal nach Ystad fuhr, stellte ich mir vor, dass es gerade nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und es war auch nicht so. Zuerst wirkte es normaler. Aber wenn man dort eine Zeit wohnt, fängt man an, die Dinge so zu spüren und zu sehen wie Henning. Ystad ist eine David-Lynch-Welt. Perfekt, poliert, sauber und aufgeräumt . . .

          . . . aber unter der Oberfläche . . .

          . . . brodeln gemeine, massive, brutale Leidenschaften.

          Sie haben Ihre Karriere als Shakespeare-Schauspieler begonnen. Hilft Ihnen Macbeth dabei, menschliche Abgründe besser zu verstehen?

          Ich glaube schon. Weil ich keine Angst davor habe, komplexe, philosophische Diskurse in Fernsehunterhaltung einzubringen. Die Landschaft rund um Ystad wirkt wie die Heide in Macbeth. Oder wie eine andere epische Welt: der Western. Ystad wirkt wie eine Grenzstadt am Rande der Wüste, nur dass die Wüste hier die See ist. Es ist ein Durchgangsort, wo die Schiffe aus dem Baltikum anlegen und viele ausländische Arbeiter herkommen, wo viel Handel getrieben wird. Aber lässt man Ystad einmal hinter sich, ist man in einer leeren, großen Landschaft: wogende Felder, hin und wieder ein Haus. Man kann kilometerweit sehen. Der Mensch wirkt auf einmal sehr klein. Und wenn man die Probleme vor die Stadt trägt, wie Wallander es oft tut, wirkt das schon kontemplativ. Hamletmäßig. Da ist so viel Platz, dass man sich fast zur Selbstreflexion gezwungen fühlt. Mein Vater hätte Wallander einen großen Denker genannt.

          Suchen Sie zur Vorbereitung in Ihrem Repertoire nach früheren Rollen? Nach Gefühlen, Stimmungen, Konflikten?

          Wenn ich meinen Text lerne, mache ich das am liebsten an ziemlich einsamen Orten. In Ystad bin ich immer an der Küste entlanggegangen, meilenweit. Und ich habe viele Bergman-Filme angeschaut.

          Wirklich?

          Viele Bergman-Filme! Ich habe Henning Mankell zum ersten Mal bei der Bergman- Woche getroffen, die zum Goteborg Film Festival gehört. Sie zeigten meine Version der Zauberflöte und natürlich auch die von Bergman. Er war noch am Leben, aber sehr, sehr krank, das war einige Wochen vor seinem Tod. Ich bin auch auf die Insel Fårö gefahren, wo Bergman zu Hause war. Da habe ich viele Fotos gemacht. Die Landschaft ist etwas anders als rund um Ystad, aber auch sehr schwedisch.

          Und das hat geholfen?

          Man macht alle möglichen Sachen. Ich habe versucht, eine Balance zu finden zwischen dem Poetischen, dem Philosophischen, dem Epischen und der Landschaft - ohne aus dem Blick zu verlieren, dass ich hier einen Krimi drehe, der den Zuschauer mit genug Action und Handlung bei der Stange hält. Man schreibt da ja kein Buch, man malt kein Bild - es ist eine Fernsehgeschichte, also versucht man, es ziemlich einfach zu halten. Wir haben auch nicht in den Krimis nachgelesen, als wir am Drehbuch arbeiteten, wir sind ziemlich frei mit ihnen umgesprungen und haben hier und da aus anderen Wallander-Büchern abgekupfert, wo es uns sinnvoll erschien.

          Weil Sie eher dem Fernsehformat gerecht werden wollten als dem Buch?

          Eher, um unseren eigenen Stil zu finden.

          Man kann Sie überall erleben: auf der Bühne, im Fernsehen, im Kino, sogar im Radio. Fürchten Sie gar keine Abnutzungserscheinungen?

          Es geht mir eigentlich immer um den Stoff. Manchmal sage ich ganz strikt: Nein, ich mache jetzt nur noch Sachen, die mich leidenschaftlich packen. Und ein anderes Mal lasse ich mich treiben, um überrascht zu werden, und das braucht man manchmal: andere Leute, anderes Material. Ich habe kürzlich in London den Iwanow von Tschechow gespielt.

          Der ist auch so eine Art Hamlet, auf Russisch.

          Das war eine Figur, ein Stück und ein Autor, mit dem ich schon seit vielen, vielen Jahren arbeiten wollte, und jetzt hatte es endlich geklappt. Iwanow war ein sehr persönliches Projekt, Wallander war ein sehr persönliches Projekt, genau wie die Zauberflöte oder Wie es euch gefällt. Und immer hatte das mit dem Autor zu tun, egal ob tot oder lebendig, ob es jetzt Mozart war oder Shakespeare oder Harold Pinter bei 1 Mord für 2. Das war eine große Ehre für mich, mit Pinter am Ende seines Lebens noch drehen zu dürfen. Aber ich sage mir nicht bewusst: Oh, jetzt habe ich Theater gespielt, jetzt muss ich ins Fernsehen.

          Ich habe mich gefragt, wie der Südpolfahrer Shackleton zu Ihren anderen Rollen passt, und dann dachte ich: Der ist auch nur ein Mann in einer kalten Welt, der Menschen retten will. Wie Kurt Wallander.

          Genau.

          Sie haben 2002 aber auch den aufgeblasenen Hochstapler Gilderoy Lockhart in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ gespielt: Da konnte man quasi Ihrem Gesicht ablesen, wie sehr Ihnen das gefallen hat.

          Gilderoy Lockhart war ein Typ, der einfach alles an sich selbst genossen hat. Ein Typ, der sich selbst sehr, sehr liebt.

          Von wann an wussten Sie eigentlich, dass Sie Schauspieler werden wollen?

          Als ich sechzehn Jahre alt war, habe ich festgestellt, dass Schauspielerei etwas ist, das ich gut kann - und dann habe ich zu meiner Überraschung festgestellt, dass es das als Beruf gab. Meine Familie hatte nichts mit Showbusiness zu tun, ich hatte also keine Ahnung. Ich weiß, dass es wie ein Klischee klingt, aber es fühlte sich damals für mich an, als sei ich angekommen. Als sei ich zu Hause. Und da wurde mir klar: Mann, wenn ich davon leben könnte, wäre das wunderbar. Ich wollte nie etwas anderes als Spielen, ein Dach über dem Kopf und genug zu Essen - mehr nicht. Es ging nie darum, berühmt zu werden oder viel Geld zu verdienen. Es war meine Berufung. Und ich genoss alles, was damit zusammenhing: Ein Buch oder ein Stück zu lesen, das ich bald spielen würde - und plötzlich öffnet sich da eine Welt der Recherche, des Lesens, der Erkundung.

          Das gilt sicher für Henning von Tresckow, den Sie in „Operation Walküre“ gespielt haben, aber gilt es auch für Gilderoy Lockhart?

          Jede Rolle, selbst die eines Gilderoy Lockheart, gibt einem die Chance zu lernen, zu lesen und sich stimulieren zu lassen. Mir war schon mit sechzehn klar, was für ein Privileg es ist, so arbeiten zu dürfen. Weil ich schon damals viele Schauspieler kannte, die sich nebenher etwas verdienen mussten. Nach Arbeit hat die Schauspielerei aber nie für mich ausgesehen. Es ist Arbeit, aber was heißt das? Dass man ein Künstler ist. Ich meine das nicht großspurig, und bei mir geht es ja auch eher darum, die Werke anderer Leute zu interpretieren. Manchmal aber dringt man damit in höhere Sphären vor. Es gibt einige Schauspieler, die nicht nur Handwerker, sondern Künstler geworden sind. Und dorthin will ich.

          Zur Person

          Kenneth Branagh wird am 10. Dezember 1960 in Belfast geboren. Noch als Schüler schließt er sich einer Laienschauspielgruppe an. Von 1979 an besucht er die Royal Academy of Dramatic Arts in London.

          Sein Bühnendebüt feiert er 1982 mit „Another Country“. Dann wird Branagh zum Shakespeare-Wunderkind: Er spielt alle großen Rollen, wird als Hamlet und Heinrich V. gefeiert, später verfilmt er beide Stücke. 1989 schreibt er seine Autobiographie. 1990 gründet er die Renaissance Theatre Company. Er dreht mit Robert Altman und Woody Allen, führt Regie in „Frankenstein“, macht ein Musical aus „Verlorene Liebesmüh'“, verfilmt die „Zauberflöte“ und tritt immer auch im Fernsehen auf. Im Kino war er zuletzt in „Operation Walküre“ zu sehen - als Stauffenbergs Mitverschwörer Henning von Tresckow.

          Für seine Verkörperung von Henning Mankells Kommissar Wallander hat Kenneth Branagh mehrere Fernsehpreise erhalten. Die ARD zeigt die ersten drei Folgen: „Die falsche Fährte“ am 29. Mai, „Die Brandmauer“ am 31. Mai und „Mittsommermord“ am 1. Juni.

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