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Im Gespräch: Kenneth Branagh : Sind Sie ein alter Schwede, Mister Branagh?

Weil Sie eher dem Fernsehformat gerecht werden wollten als dem Buch?

Eher, um unseren eigenen Stil zu finden.

Man kann Sie überall erleben: auf der Bühne, im Fernsehen, im Kino, sogar im Radio. Fürchten Sie gar keine Abnutzungserscheinungen?

Es geht mir eigentlich immer um den Stoff. Manchmal sage ich ganz strikt: Nein, ich mache jetzt nur noch Sachen, die mich leidenschaftlich packen. Und ein anderes Mal lasse ich mich treiben, um überrascht zu werden, und das braucht man manchmal: andere Leute, anderes Material. Ich habe kürzlich in London den Iwanow von Tschechow gespielt.

Der ist auch so eine Art Hamlet, auf Russisch.

Das war eine Figur, ein Stück und ein Autor, mit dem ich schon seit vielen, vielen Jahren arbeiten wollte, und jetzt hatte es endlich geklappt. Iwanow war ein sehr persönliches Projekt, Wallander war ein sehr persönliches Projekt, genau wie die Zauberflöte oder Wie es euch gefällt. Und immer hatte das mit dem Autor zu tun, egal ob tot oder lebendig, ob es jetzt Mozart war oder Shakespeare oder Harold Pinter bei 1 Mord für 2. Das war eine große Ehre für mich, mit Pinter am Ende seines Lebens noch drehen zu dürfen. Aber ich sage mir nicht bewusst: Oh, jetzt habe ich Theater gespielt, jetzt muss ich ins Fernsehen.

Ich habe mich gefragt, wie der Südpolfahrer Shackleton zu Ihren anderen Rollen passt, und dann dachte ich: Der ist auch nur ein Mann in einer kalten Welt, der Menschen retten will. Wie Kurt Wallander.

Genau.

Sie haben 2002 aber auch den aufgeblasenen Hochstapler Gilderoy Lockhart in „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ gespielt: Da konnte man quasi Ihrem Gesicht ablesen, wie sehr Ihnen das gefallen hat.

Gilderoy Lockhart war ein Typ, der einfach alles an sich selbst genossen hat. Ein Typ, der sich selbst sehr, sehr liebt.

Von wann an wussten Sie eigentlich, dass Sie Schauspieler werden wollen?

Als ich sechzehn Jahre alt war, habe ich festgestellt, dass Schauspielerei etwas ist, das ich gut kann - und dann habe ich zu meiner Überraschung festgestellt, dass es das als Beruf gab. Meine Familie hatte nichts mit Showbusiness zu tun, ich hatte also keine Ahnung. Ich weiß, dass es wie ein Klischee klingt, aber es fühlte sich damals für mich an, als sei ich angekommen. Als sei ich zu Hause. Und da wurde mir klar: Mann, wenn ich davon leben könnte, wäre das wunderbar. Ich wollte nie etwas anderes als Spielen, ein Dach über dem Kopf und genug zu Essen - mehr nicht. Es ging nie darum, berühmt zu werden oder viel Geld zu verdienen. Es war meine Berufung. Und ich genoss alles, was damit zusammenhing: Ein Buch oder ein Stück zu lesen, das ich bald spielen würde - und plötzlich öffnet sich da eine Welt der Recherche, des Lesens, der Erkundung.

Das gilt sicher für Henning von Tresckow, den Sie in „Operation Walküre“ gespielt haben, aber gilt es auch für Gilderoy Lockhart?

Jede Rolle, selbst die eines Gilderoy Lockheart, gibt einem die Chance zu lernen, zu lesen und sich stimulieren zu lassen. Mir war schon mit sechzehn klar, was für ein Privileg es ist, so arbeiten zu dürfen. Weil ich schon damals viele Schauspieler kannte, die sich nebenher etwas verdienen mussten. Nach Arbeit hat die Schauspielerei aber nie für mich ausgesehen. Es ist Arbeit, aber was heißt das? Dass man ein Künstler ist. Ich meine das nicht großspurig, und bei mir geht es ja auch eher darum, die Werke anderer Leute zu interpretieren. Manchmal aber dringt man damit in höhere Sphären vor. Es gibt einige Schauspieler, die nicht nur Handwerker, sondern Künstler geworden sind. Und dorthin will ich.

Zur Person

Kenneth Branagh wird am 10. Dezember 1960 in Belfast geboren. Noch als Schüler schließt er sich einer Laienschauspielgruppe an. Von 1979 an besucht er die Royal Academy of Dramatic Arts in London.

Sein Bühnendebüt feiert er 1982 mit „Another Country“. Dann wird Branagh zum Shakespeare-Wunderkind: Er spielt alle großen Rollen, wird als Hamlet und Heinrich V. gefeiert, später verfilmt er beide Stücke. 1989 schreibt er seine Autobiographie. 1990 gründet er die Renaissance Theatre Company. Er dreht mit Robert Altman und Woody Allen, führt Regie in „Frankenstein“, macht ein Musical aus „Verlorene Liebesmüh'“, verfilmt die „Zauberflöte“ und tritt immer auch im Fernsehen auf. Im Kino war er zuletzt in „Operation Walküre“ zu sehen - als Stauffenbergs Mitverschwörer Henning von Tresckow.

Für seine Verkörperung von Henning Mankells Kommissar Wallander hat Kenneth Branagh mehrere Fernsehpreise erhalten. Die ARD zeigt die ersten drei Folgen: „Die falsche Fährte“ am 29. Mai, „Die Brandmauer“ am 31. Mai und „Mittsommermord“ am 1. Juni.

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