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Im Gespräch: Kenneth Branagh : Sind Sie ein alter Schwede, Mister Branagh?

Vielleicht ist ja das seine Eitelkeit: Dass er denkt, nur er allein könne den Mordfall lösen. Wenn es ihn nicht gäbe, würde er nicht gelöst.

Eine gute Beobachtung, ja. Seine Frau und seine Tochter würden das vielleicht auch so sehen. Wallander selbst würde wohl sagen: Es ist keine Pose. Trotzdem ist es kein besonders praktischer Lebensstil. Man braucht dazu Menschen, die einen bei diesem Martyrium begleiten. Aber es stimmt, er doziert schon oft, er grämt sich über die Welt, wie das Menschen von einem bestimmten Alter an nunmal tun.

Kannten Sie Mankells Bücher schon vorher?

Ja, ich hatte sie zum Vergnügen gelesen. Ystad wirkt bei Henning neblig, still und unheimlich, als würde man in der Nacht seltsame Stimmen hören. Möglicherweise ist es gar nicht das echte Ystad, aber Mankell hat da etwas geschaffen: eine poetische Dimension, die es dem Leser erlaubt, sich den Rest selbst zu denken. Als ich das erste Mal nach Ystad fuhr, stellte ich mir vor, dass es gerade nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und es war auch nicht so. Zuerst wirkte es normaler. Aber wenn man dort eine Zeit wohnt, fängt man an, die Dinge so zu spüren und zu sehen wie Henning. Ystad ist eine David-Lynch-Welt. Perfekt, poliert, sauber und aufgeräumt . . .

. . . aber unter der Oberfläche . . .

. . . brodeln gemeine, massive, brutale Leidenschaften.

Sie haben Ihre Karriere als Shakespeare-Schauspieler begonnen. Hilft Ihnen Macbeth dabei, menschliche Abgründe besser zu verstehen?

Ich glaube schon. Weil ich keine Angst davor habe, komplexe, philosophische Diskurse in Fernsehunterhaltung einzubringen. Die Landschaft rund um Ystad wirkt wie die Heide in Macbeth. Oder wie eine andere epische Welt: der Western. Ystad wirkt wie eine Grenzstadt am Rande der Wüste, nur dass die Wüste hier die See ist. Es ist ein Durchgangsort, wo die Schiffe aus dem Baltikum anlegen und viele ausländische Arbeiter herkommen, wo viel Handel getrieben wird. Aber lässt man Ystad einmal hinter sich, ist man in einer leeren, großen Landschaft: wogende Felder, hin und wieder ein Haus. Man kann kilometerweit sehen. Der Mensch wirkt auf einmal sehr klein. Und wenn man die Probleme vor die Stadt trägt, wie Wallander es oft tut, wirkt das schon kontemplativ. Hamletmäßig. Da ist so viel Platz, dass man sich fast zur Selbstreflexion gezwungen fühlt. Mein Vater hätte Wallander einen großen Denker genannt.

Suchen Sie zur Vorbereitung in Ihrem Repertoire nach früheren Rollen? Nach Gefühlen, Stimmungen, Konflikten?

Wenn ich meinen Text lerne, mache ich das am liebsten an ziemlich einsamen Orten. In Ystad bin ich immer an der Küste entlanggegangen, meilenweit. Und ich habe viele Bergman-Filme angeschaut.

Wirklich?

Viele Bergman-Filme! Ich habe Henning Mankell zum ersten Mal bei der Bergman- Woche getroffen, die zum Goteborg Film Festival gehört. Sie zeigten meine Version der Zauberflöte und natürlich auch die von Bergman. Er war noch am Leben, aber sehr, sehr krank, das war einige Wochen vor seinem Tod. Ich bin auch auf die Insel Fårö gefahren, wo Bergman zu Hause war. Da habe ich viele Fotos gemacht. Die Landschaft ist etwas anders als rund um Ystad, aber auch sehr schwedisch.

Und das hat geholfen?

Man macht alle möglichen Sachen. Ich habe versucht, eine Balance zu finden zwischen dem Poetischen, dem Philosophischen, dem Epischen und der Landschaft - ohne aus dem Blick zu verlieren, dass ich hier einen Krimi drehe, der den Zuschauer mit genug Action und Handlung bei der Stange hält. Man schreibt da ja kein Buch, man malt kein Bild - es ist eine Fernsehgeschichte, also versucht man, es ziemlich einfach zu halten. Wir haben auch nicht in den Krimis nachgelesen, als wir am Drehbuch arbeiteten, wir sind ziemlich frei mit ihnen umgesprungen und haben hier und da aus anderen Wallander-Büchern abgekupfert, wo es uns sinnvoll erschien.

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