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Im Gespräch: Fernsehproduzent Hofmann : Ist das ganze System korrupt?

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Seine Firma Teamworx zählt zu Europas größten Fernsehfilmproduzenten: Nico Hofmann Bild: dpa

Unter den deutschen Fernsehproduzenten ist er einer der wichtigsten: Ein Gespräch mit Nico Hofmann über Vernetzung, Vetternwirtschaft und die Frage, woher neue Ideen und gute Programme kommen könnten.

          Nico Hofmann, 49, zählt zu den wichtigsten deutschen Fernsehproduzenten. Er ist Geschäftsführer von Teamworx, einer Bertelsmann-Tochter, die seit 1998 für mehr als 170 Produktionen verantwortlich ist, darunter sogenannte Eventfilme wie „Die Flucht“, „Dresden“, „Die Luftbrücke“, „Mogadischu“ und zuletzt „Der Mann aus der Pfalz“. Ein Gespräch über Vernetzung, Vetternwirtschaft und die Frage, woher neue Ideen und gute Programme kommen könnten.

          Es sieht so aus, als hätten intelligente Menschen aufgehört fernzusehen und schauten sich lieber amerikanische Serien auf DVD an. Kann es sein, dass das am deutschen Fernsehen liegt?

          Die Beobachtung stimmt nicht, sie lässt sich anhand der Zahlen widerlegen. Wir machen bei allen Produktionen Marktanalysen. Und da findet sich jeden Abend eine sehr gehobene Bildungsschicht im Programm. Was sich massiv verändert hat: Es wird unglaublich selektiv geschaut, die Verweildauer im jeweiligen Programm wird immer kürzer. Zuschauer, und zwar auch sehr bildungs- und einkommensstarke, stellen sich ihr Programm täglich allein zusammen.

          Die Flucht (ARD, 2007): „Da haben wir erhebliche Eigenmittel investiert”

          Aber woher kommt dann der Verdruss über das Fernsehen?

          Fernsehen ist mittlerweile ein Erregungsmedium geworden. Gutes quotenstarkes Fernsehen kann man nur noch machen, wenn man kampagnenmäßig journalistisch vorgeht. Nichts anderes produziere ich ja seit Jahren. Dann kommt man in die Spitze der Quote, auch wenn Filme kritisch beleuchtet werden. Diese Events haben alle Gruppen, alle Klassen, alle Alterslagen von vierzehn bis siebzig, auch alle Bildungsschichten erreicht. Auch „Die Flucht“ und „Dresden“ sind intelligentes Erregungsfernsehen, weil sie große Mythosthemen entblättern und weil Menschen das Gefühl haben, sie müssen dieses Programm anschauen. Auf der anderen Seite werden große Emotionen im Programm, intelligente Erzählungen immer flacher, Thematiken immer austauschbarer, weil Fernsehen eine bestimmte Klientel auf bestimmten Sendeplätzen mit dem Immergleichen durchgehend bedient. Diese rigorose Verteilung in bestimmte Programmsegmente hat in den letzten Jahren ganz stark zugenommen. Die großen Programmketten verlieren dennoch an Marktanteilen. Das ist wie bei den großen Volksparteien, die Leute gehen immer mehr in die Nischenprogramme. Die Kunst des Fernsehmachens liegt nun darin, Themen zu finden, die möglichst alle Zuschauerschichten in das Programm hineinziehen.

          Unterschätzen Sie nicht die Skepsis dem Fernsehen gegenüber, das als trivial und bloße Berieselung empfunden wird?

          Im Developmentbereich täte sicher eine gewisse Anarchie gut. Ich spüre bei der jüngeren Generation von Film- und Drehbuchstudenten eine Angstfreiheit, mit dem Medium umzugehen. Es ist aber schwer, ein wirklich anarchistisches Produkt am Markt zu etablieren. Ich sitze manchmal da und wünsche mir, dass diese Kraft, die Utopie der kleinen, chaotischen, kreativen Zelle, sich erst mal abseits von diesem ganzen Marktgeschehen entwickelt. Wo ich aber widersprechen möchte: dass Fernsehen keine Themen mehr schafft. Die Zuschauer unterhalten sich heute über andere Dinge, sie unterhalten sich, auch wenn das für manchen Intellektuellen schrecklich sein mag, über „Bauer sucht Frau“, über „Deutschland sucht den Superstar“, sie unterhalten sich aber auch über „Die Flucht“ oder über „Mogadischu“. Das größte Risiko, das ich je auf mich genommen habe, ist jetzt für Sat.1 „Die Grenze“, ein Politthriller, in dem die Grenze und die DDR wieder aufgebaut werden. Der Film arbeitet mit allen Ängsten, die im Moment in der Bundesrepublik kursieren. Ich kann nicht sagen, ob diese Programmprovokation reüssiert. Ich wünsche es mir aber von Herzen, weil viel Mut drinsteckt.

          Ist das nicht trostlos, dass so etwas im Privatfernsehen läuft und nicht im öffentlich-rechtlichen?

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