https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/fernsehen/im-gespraech-david-simon-the-wire-zur-hoelle-mit-den-quoten-11054791.html

Im Gespräch: David Simon („The Wire“) : Zur Hölle mit den Quoten!

  • Aktualisiert am

Es ist definitiv kein Zeitungsartikel! Auch deshalb nicht, weil eine Zeitung immer auch „andererseits“ sagen muss. Das muss ich nicht. Was der Bürgermeister von Baltimore denkt oder Obama oder der Kritiker von der „New York Times“ - die können mich mal. So was geht im Journalismus nicht. Da muss man fair sein. Drama ist entschieden nicht fair.

Gibt es schon Pläne, „The Wire“ oder „Treme“ an deutsche Sender zu verkaufen, wie das jetzt mit „Mad Men“ geschehen ist?

Ich weiß, dass HBO „Treme“ sehr aktiv in Europa vermarktet. Ich weiß auch, dass die DVD-Verkäufe von „The Wire“ in Europa zunehmen, das hilft. Aber ich handle nicht mit Quoten oder Emmy Awards, ich handle mit dem Zeitgeist von Leuten, die über die Serie reden. Und zu einem gewissen Grad auch mit DVD-Verkäufen.

Der Erfolg der Serien-DVD ist erstaunlich. Wie kam das nur?

Konnte keiner voraussehen. Aber es ist einfach eine interessante Art, Fernsehen zu schauen, weil man selbst das Tempo vorgibt. „The Wire“ profitiert extrem davon. Ich glaube manchmal, ich habe eine lausige Fernsehserie gemacht, die ein wirklich gutes DVD-Projekt ist.

Sie schwärmen oft davon, wie sehr Ihr Sender HBO davon profitiert, unabhängig von Werbung zu sein. In Deutschland haben wir ein ähnliches System. Trotzdem ist es lange her, dass wir Serien wie „The Wire“ hatten.

Ist „Heimat“ für das deutsche Fernsehen produziert worden?

Ja.

Das war enorm, vor allem die erste Staffel.

Die ist 25 Jahre alt. Wir haben das System sogar noch viel länger, über das Sie sich so freuen.

Und Sie wollen Sachen wie „The Wire“? Das ist ganz einfach. Dann müssen Sie alle Macht dem Autor geben. Den kann man dann mit einem Regisseur zusammenbringen, mit einem Produzenten und mit einem Mann, der dafür sorgt, dass das Budget nicht platzt. Aber der Autor muss das letzte Wort haben. Ich sage das nicht, weil ich selbst einer bin. Regisseure verlieben sich in Technik, Einstellungen und Stil. Nichts davon ist die raison d'être, um eine Geschichte zu erzählen. Es ist notwendig, aber Regisseure sind nicht die Anwälte der Geschichte, auch nicht Schauspieler oder die Crew. Im amerikanischen Fernsehen von heute gehört dem Geschichtenerzähler die Show.

Dazu braucht man Mut.

Man braucht Mut, loszulassen. Aber wenn man eine gute Geschichte garantieren will mit Anfang, Mitte und Ende: Diese Jobbeschreibung passt nur auf den Autor. Nicht auf den Regisseur, den Produzenten, den Schauspieler, nicht auf den Typ, der die Schecks unterschreibt. Es ist der Autor.

Und auch nicht der Typ mit den Einschaltquoten.

Genau das hat HBO gesagt: Zur Hölle damit. Wenn Sie hier schon werbeunabhängig arbeiten können, gibt es keinen Grund, damit nicht loszulegen. Es müssen ja keine Hollywood-Produktionen sein.

Das wäre schwer zu finanzieren.

Okay, dann drehen Sie auf Video. Sie brauchen keine sechzig Millionen Dollar, um zehn Stunden großartiges Fernsehen zu erzählen. Und vielleicht drehen Sie auch keine Schlachtenfilme mit Bismarck und digitalen Armeen, das geht mit 15 Millionen schwer. Aber trotzdem.

Jetzt haben Sie mir Mut gemacht.

Die Leute werden ihre Serien schon finden. Zur Hölle mit den Quoten! Die eine Hälfte schaut „The Wire“ auf DVD oder on demand und die andere, wie es ihnen passt. Damit werden Quoten immer bedeutungsloser, egal ob die Leute von den Sendern das wollen oder nicht. Das ist die Zukunft des Fernsehens: eine Leihbibliothek.

Weitere Themen

Topmeldungen

Finanzminister Christian Lindner (FDP) will die Bürger mit seiner Steuerreform vor einer schleichenden Mehrbelastung bewahren.

Kalte Progression : Was Lindners Steuerpläne finanziell bedeuten

Finanzminister Christian Lindner legt Gesetzespläne zum Abbau schleichender Mehrbelastungen bei der Einkommensteuer vor. Unter anderem soll der Grundfreibetrag in den kommenden beiden Jahren angehoben werden.
Patricia Schlesinger bei einem Fototermin im Dezember 2020

Abfindung für Schlesinger? : Schampus für alle und Boni satt

Zur Amtsführung der zurückgetretenen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger dringen weitere, pikante Details ans Licht. Die Frage ist, ob sie auch noch eine Abfindung erhält. Die ersten Köpfe rollen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.