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Im Fernsehen: „Verdict revised - Unschuldig verurteilt“ : Kurt Wallander trifft Ally McBeal

Die Jugend muss für Gerechtigkeit sorgen: Professor Markus Haglund (Mikael Persbrandt, Mitte) im Kreise seines Seminars Bild: ZDF.neo

Letzte Chance für einen abgestürzten Strafrechtler: Die neue schwedische Fernsehserie „Verdict revised - Unschuldig verurteilt“ rollt vom heutigen Montag an zwölf alte Fälle wieder auf.

          Als der Mann auf dem Kneipenboden aufschlägt, wendet sich das Leben der Barfrau. Die ist hauptberuflich Jurastudentin und verzweifelt auf der Suche nach dem besten Strafverteidiger des Landes. Und genau um den handelt es sich bei dem Sturzbetrunkenen, den sie nach Hause begleiten kann. Markus Haglund (Mikael Persbrandt) hat seinen Job aufgegeben, weil er vor Gericht einem Mann zur Freiheit verhalf, der kurz darauf zwei Frauen ermordete. Nun dämmert Haglund als universitär bestallter Quartalssäufer seinem Rauswurf an der Alma Mater entgegen - bis in Form einer Lehrverpflichtung seine letzte Chance naht.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Glückliches Schweden: Mit einem Seminar von nur drei Studenten macht er sich an seinen ersten Wiederaufnahmefall. Ein sehr nach Frauenmörder aussehender Mann sitzt als rechtskräftig verurteilter Frauenmörder im Gefängnis, aber die Beweislage ist längst nicht so wasserdicht, wie sie scheint. „Verdict Revised - Unschuldig verurteilt“ heißt diese neue schwedische Krimiserie, die vom ZDF koproduziert wurde und die von heute an mit der Episode „Mauer des Schweigens“ gegen Mitternacht gesendet wird.

          Die schöne Blonde aus gutem Hause

          Die Meisterklasse des Zwangsrückkehrers Haglund ist sehr beflissen. Einer solchen Jugend kann nicht einmal der Griesgram widerstehen, ist er doch im Herzen ein Kämpfer für das Gute geblieben. Um dieses Herz gruppieren sich eine schöne Blonde aus gutem Hause, zudem eine missionarische Rothaarige, deren Vater im Knast sitzt, weswegen sie Anwältin werden will, ein Migrant mit nicht ganz blütenreiner Weste, der sich zum Rechtsstaat bekehren ließ. Die Aussagen der Polizisten jener Spezialeinheit, die den Mörder überwältigte, sind auffallend gleichlautend. So viel Ähnlichkeit ist stets verdächtig, zudem reagieren die Kerle bei erneuter Befragung recht unwillig. Man deckt sich, wo man kann.

          Und er war es doch nicht: Markus Haglund (links) mit dem unschuldig Verurteilten

          In dieses Geflecht aus Männerehre und Polizistensolidarität stoßen die Studenten nun wie ein lästiger Fliegenschwarm. Und der Herr Professor setzt den Polizisten mit perfiden rhetorischen Tricks zu, um die eisenharte Nuss zu knacken. Denn was hat ein schwedischer Elitepolizist im Keller? Einen Hitler gewidmeten Dolch aus dem Jahr 1933 („Meine Ehre heißt Treue“) und Poster von Smith & Wesson: Tomas Thomén (Magnus Mark), der Chef der Spezialeinheit, scheint tiefer verstrickt zu sein, als er zugibt. Da beginnt die Loyalität seiner Untergebenen zu wanken, da wird einer von ihnen mürbe, der seit Jahren Ambitionen auf eine Karriere bei der Kriminalpolizei hegte, aber stets abgelehnt wurde. Aber er weiß auch: Wenn er auspackt, ist seine Polizeilaufbahn beendet.

          Amerika läßt grüßen

          Johann Zollitsch ist mit weiteren acht Autoren für das Drehbuch, Molly Hartleb und Richard Holm sind für die Regie verantwortlich. Wenn ihr Serienprodukt auf der Höhe der Zeit des Schwedenkrimis sein sollte, dann muss man diesem die vollkommene Amerikanisierung bescheinigen. Die fünfzig Sendeminuten hinterlassen den Eindruck, Kurt Wallander habe Ally McBeal getroffen und mit ihr über Whiskey geredet. Die erste Episode ist erzählerisch glatt geschliffen, die Figurenzeichnung steril.

          Einzig der Hauptdarsteller und der verdächtige Polizist geben dem Film Halt und Spannung. Man sieht diesem Mikael Persbrandt gerne zu, wie er den enigmatischen Gelehrten und brillanten Zyniker gibt. In Peter Jacksons gerade entstehender Verfilmung des Tolkien-Romans „Der kleine Hobbit“ wird Persbrandt den Beorn spielen. Der Hüne kann die Gestalt verändern und sich in einen Bären verwandeln. Ein Hauch dieser Wandelbarkeit täte auch den weiteren Folgen von „Verdict revised“ gut, sonst bleibt die Serie Konfektionsware.

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