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Im Fernsehen : Unsere Wirtschaftskrise passt in eine Kiste

Isolation gehört dazu: Senta Berger in der Rolle der Frau Böhm Bild: WDR/Willi Weber

Dem Unternehmen verpflichtet, ein Leben lang: Als Sachbearbeiterin, die sich schließlich weigert, die Prämien an die Vorstände ihres feindlich übernommenen Unternehmens anzuweisen, stellt sich Senta Berger dem Generationenkonflikt.

          Hätte man das Drehbuch zu diesem Film in jüngster Zeit einer Fernsehanstalt angeboten, wäre es wahrscheinlich zurückgewiesen worden. So einfach könne man sich der Wirtschaftskrise heute nicht mehr nähern, wäre wohl argumentiert worden. Doch glücklicherweise stammt das Interesse an diesem von der Prämiengier bei Mannesmann und den Lustreisen des VW-Betriebsrats inspirierten Fernsehfilm schon aus dem Jahr 2005. Und so konnten sich die einzelnen Stränge der Geschichte um die Vorstandssachbearbeiterin Rita Böhm, die sich schließlich weigert, die Prämien an die Vorstände ihres feindlich übernommenen Unternehmens anzuweisen, in einer Zeit entwickeln, in der die wirtschaftliche Situation noch nicht so prekär, allgegenwärtig und wegen ihrer Komplexität so undurchschaubar wie heute schien. Denn der zuweilen naive Zugang dieses Films ist ungemein inspirierend.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Er beginnt nach dem einführenden Vorspann mit einem Tierbild: Ein Igel, weißer als seine Artgenossen, läuft Rita Böhm, gespielt von Senta Berger, genau vor die Füße. Sie wird dem Tier in einer mit Heu gepolsterten Kiste beim Überwintern helfen und ihm den Namen ihres früheren Chefs geben. Bis zu diesem Punkt könnte man das allzu leicht zu entziffernde Bild schmähen, doch später entdeckt man, dass die Kiste mit einem Stück Zeitung ausgelegt ist, auf dem die Aufschrift „Wirtschaft“ prangt, wobei dieses Detail das Bild plötzlich öffnet. Denn ist der Begriff „Wirtschaft“ nicht viel zu umfassend, als dass man ihn bis auf bessere Zeiten in einer Kiste überwintern lassen könnte? Ja, das ist er - und das ist das Problem, dem „Frau Böhm sagt nein“ ins Auge schaut.

          Die prinzipientreue graue Maus

          Es ist eine Besonderheit dieses Films von Dorothee Schön (Drehbuch) und Connie Walther (Regie), dass er den Zuschauer auf subtile Weise lehrt, in jeder Lebenssituation auf die Details zu achten, auch wenn sie möglicherweise gar keine entschlüsselbare Bedeutung haben. Außer vielleicht in der Vorstandsetage von HeWaRo, in der sie immer grober und fratzenhafter werden. Gerade ist die Weihnachtsfeier aus Kostengründen abgeschafft worden, und eine neue, junge Vorstandsassistentin schickt sich an, die Etage innenarchitektonisch umzukrempeln. Dabei stört ein alter Schrank. Und um das Raumkonzept zu retten, beschließt die ehrgeizige Mitarbeiterin kurzerhand, ihn im Büro der Kollegin Böhm unterzustellen. Doch diese, von Senta Berger als prinzipientreue graue Maus mit zurückgesteckten Haaren und wolliger Altdamengarderobe dargestellt, sagt zum ersten Mal „nein“ und weist den Vorschlag mit dem ruhigen Hinweis auf die gewollte Abgeschottetheit ihres Büros hin.

          Nicht gern gesehen: Frau Böhm isst mit Kollegen

          Denn Frau Böhm füllt eine an die Feudalzeit erinnernde Vertrautenposition aus. Nur ihre Diskretion und ihre Bereitschaft zum isolierten Arbeitsleben können sicherstellen, dass durch das Gehaltsgefälle kein sozialer Unfriede im Unternehmen entsteht. Nur sie kennt die Vorstandsgehälter - und es ist nicht gerne gesehen, dass sie in der Kantine speist oder mit Kollegen spricht.

          Eine ebenbürtige Gegenspielerin

          Senta Berger spielt diese Frau mit schön geschwungenem, aber ausdrucksstark geschlossenem Mund. Man sieht ihrer Frau Böhm an, dass das Schweigen ihr zur zweiten Natur geworden ist. Nur ihre Augen sind tief wissend. Sie sehen die kleinen Details und Formfehler noch, um die sich keiner mehr schert - die Chefs etwa, die sich nicht einmal mehr die Namen ihrer engsten Mitarbeiter merken können. Und sie sieht, wie ihre Kollegin Ira Engel, die ihr soeben noch das Büro zustellen wollte, ihren Körper martert, um den Karrieresprung zu schaffen. Sie sieht, wie sie sich auf der Toilette wegen eines Migräneanfalls übergibt und wie sie später vor ihrem Auto mit einem Gehörsturz zusammenbricht. Nur weil Böhm, die das ahnte, an der Bushaltestelle blieb, kann sie ihrer Kollegin helfen und deren Tochter bei sich aufnehmen, weil alle Bezugspersonen sonst verhindert sind.

          Und das Tolle an diesem Film ist, dass er neben all den sprechenden, übrigens an Alexander Paynes „About Schmidt“ erinnernden Details und dem ungemein genauen Spiel von Senta Berger mit Lavinia Wilson als Ira Engel eine Gegenspielerin präsentiert, die ihr ebenbürtig ist. Denn Ira Engel ist nicht die überforderte junge Frau, die alles falsch macht, was Rita Böhm richtig macht. Es ist ihr nur einfach nicht möglich, sich mit einem bestimmten Unternehmen ein Leben lang zu identifizieren, weil bisher keines ihr als alleinerziehender Mutter eine Arbeit anbieten mochte, die ihrer Qualifikation als Volkswirtin entspricht.

          Natürlich ist das ungerecht

          Fast epochal ist eine Streitszene zwischen Engel und Böhm, in der die junge Frau der älteren vorwirft, sie habe gut reden mit ihrer Moral, ihre Rente sei ja sicher. Ihre Qualifikation aber genüge heute nur noch, um am Empfang zu arbeiten. Natürlich ist das ungerecht, natürlich hätte auch Frau Böhm heute eine bessere Ausbildung, doch es zeigt sich hier ein Generationenkonflikt, der ausgetragen werden muss - und am Ende sind sich beide, durch Auseinandersetzung gestärkt, in puncto Zivilcourage auch näher gekommen.

          In Film und Fernsehen scheint eine Zeit angebrochen, in der der Typus des prinzipientreuen und kämpferischen Ruheständlers wieder in Mode gerät. Wobei die jüngere Generation zugeben muss, dass, solange die ältere so widersprüchlich und diskutabel dargestellt wird wie von Clint Eastwood in „Gran Torino“ oder von Senta Berger als Frau Böhm, man eine Menge von ihr lernen kann.

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