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Im Fernsehen: „Two and a Half Men“ : Ein Toast auf Onkel Charlie!

  • -Aktualisiert am

Mit seiner Rolle verbindet Charlie Sheen mehr als nur der gleiche Vorname: Durch seine Skandale ist er auf dem besten Weg, seine Karriere zu zerstören. Als Held der weltweit erfolgreichen Serie „Two and a Half Men“ ist er unanfechtbar.

          Wann hat man es in Hollywood geschafft? Wenn man einen Oscar erhält? Oder wenn die Moderatoren bei der Preisverleihung Witze über einen reißen? Bei den diesjährigen Academy Awards stöckelte Darsteller James Franco in Abendkleid und Perücke auf die Bühne: „Musste ich tragen, weil meine Partnerin im Smoking auftritt. Aber das Verrückteste: Charlie Sheen hat mir gerade eine SMS geschickt.“

          Der sexuelle Hunger von Amerikas beliebtestem Showbiz-Querulanten ist legendär. Auch seine Drogen- und Alkoholexzesse gehören zur Folklore, der Hang zu Handgreiflichkeiten und Pöbeleien runden das Bild des enfant terrible ab. Nachdem Sheen, Hauptdarsteller der Familiensitcom „Two and a Half Men“ den Produzenten der Serie antisemitisch verunglimpft hatte, zogen die Verantwortlichen die Konsequenzen: Die Serie wurde erst einmal auf Eis gelegt, vielleicht wird sie sogar abgesetzt.

          Ein Typus, den man liebt und braucht

          Wohl kaum eine Personalie der Entertainmentbranche beschäftigt den Medienboulevard aktuell mehr, in der Berichterstattung mischen sich Häme und Entsetzen, Spaß und Ratlosigkeit. Vor allem scheint sich mit der Entgleisung das Rollenprofil des Darstellers zu erfüllen: Charlie Sheen, heißt es, spielte den Part seines Lebens; auf der Mattscheibe wie im Leben ist er der ewig pubertierende Macho.

          Der Medienhype, die Flutwelle der Witzeleien auf allen Kanälen - schon Ricky Gervais hatte bei den Globes damit begonnen, als er eine rauschende Feier mit Frauen und Alkohol versprach und nachsetzte: „Charlie Sheen nennt so was Frühstück“ -, all dies macht noch etwas anderes deutlich: dass dieser Schauspieler einen Typus verkörpert, den man liebt und braucht für die Regulierung des allgemeinen Gefühlshaushalts. Er ist mehr als eine Charge im Comedy-Geschäft, er ist eine Metapher für eine bestimmte kulturelle Lage.

          Erotomaner Peter Pan

          In der Rolle der Serienfigur Charlie Harper würde Sheen jetzt über den Rand des Bourbon-Glases linsen und sagen: „Klang ganz in Ordnung, Freundchen, aber Geld leihe ich dir trotzdem keins.“ Denn Harper, die Hauptfigur in Amerikas erfolgreichster Comedyreihe, ist die Mann gewordene Quersumme aus Bauernschläue, Egozentrik und Selbstironie. Als unanständig erfolgreicher und ebenso arbeitsfauler Werbejingle-Komponist bewohnt er ein schickes Strandhaus in Malibu. Dort hat er auch seinen geschiedenen, von Unterhaltungszahlungen gegängelten Bruder Alan (Jon Cryer) aufgenommen.

          Und dessen Sohn Jake (Angus T. Jones), einen Flatulenzen und Bonmots ausstoßenden Halbwüchsigen, dessen Unbedarftheit sich den dramaturgischen Anforderungen gemäß mal ins Hochnotpeinliche, mal ins Sokratische steigern kann. Dieser Männerhaushalt ist das Labor, in dem über bislang sieben Staffeln die education sentimentale des Charlie Harper versucht wird: Aus dem Egomanen soll ein integrer Erwerbsbürger und Ehemann werden. Dass Charlie auch noch in Folge fünfzig kurze Hosen trägt, am Vormittag Cocktails schlürft und abends in Las Vegas Prostituierte vernascht, zeigt, was der didaktische Furor der anderen bewirkt: den verschärften Widerstand eines erotomanen Peter Pan, dem ein gutgefülltes Bankkonto die lebenslange Regression ermöglicht.

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