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Im Fernsehen: „Tatort“ : Schau mich bitte nicht so an

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Beginn mit zwei Donnerschlägen: Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) untersucht die erste Leiche (Christine Kutschera) Bild: ddp

Der „Tatort. Königskinder“ ist einer der kleinen schauspielerischen Bravourstücke. Sehenswert zum Beispiel, wie schüchtern Kommissarin Lürsen mit ihrem Arzt flirtet. Wer Szenen wie diese genießen kann, wird bis zum überraschenden Ende über etliche Ungereimtheiten hinwegsehen.

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          Schade, dass Peter Kremer, seit er aus der „Siska“-Serie ausgestiegen ist, so selten im deutschen Fernsehen auftaucht. Wie er als zurückhaltender Stationsarzt Adrian Plöger einen Augenflirt mit Sabine Postels Hauptkommissarin Inga Lürsen wagt, ist von seltener Intensität.

          Überhaupt fallen bei diesem „Tatort“ schauspielerische Bravourstücke auf: Oliver Mommsen überrascht als Inga Lürsens Assistent Stedefreund mit einem ergreifenden Weinkrampf, seiner Reaktion darauf, dass er im ersten Mordopfer dieses „Tatorts“ seine ehemalige Freundin erkennt, von der er sich innerlich nie wirklich gelöst hat. Und Oliver Stokowski, bekannt als ehemaliger stoischer Rechtshüter des „Polizeiruf 110“ und diverser anderer Krimiserien, zeigt in der Rolle des sanft geduldigen, dann aber erschreckend abgründigen Geschäftsmanns Markus Merseburg, weshalb ihm große Bühnen in München und Zürich den Hamlet oder McHeath zu spielen gaben. Nur Dirk Borchardts Bernd Petermann, Bruder der Ermordeten, ehemals Stedefreunds bester Kumpel und nun Kommissar im Sittendezernat, kann den Fanatismus nicht recht glaubhaft machen, mit dem er wider alle Regeln die mutmaßlichen Mörder seiner maßlos geliebten Schwester jagt.

          Auftaktkatastrophe Nummer zwei

          Mit zwei Donnerschlägen beginnt der Film. Respektive mit einem allerersten Augenflirt, dem zwei Katatrophen folgen: Im Spiegel begegnen sich die Blicke von Sonja und Markus Merseburg, dann schlafen die Eheleute miteinander, während drei Maskierte unbemerkt in die Villla einbrechen. Doch noch von Sonja ertappt, fesselt das Trio sie und ihren Mann, einer würgt die Frau, um den Standort des Tresors zu erfahren und wird von Markus Merseburg, der sich befreien kann, erschossen - zu spät, denn Sonja Merseburg ist tot.

          Verliebt? Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) ist nicht wiederzuerkennen

          Ehe man erfährt, dass der erschossene Einbrecher einige Monate zuvor Arbeiter in Merseburgs Unternehmen war, wo wiederum Edith Siemers (Bibiana Beglau), die frühere Freundin Bernd Petermanns, zugleich auch Exfreundin der Toten und damit ebenfalls eine Bekannte Stedefreunds, als Chefsekretärin und womöglich Geliebte Merseburgs arbeit - ehe also mit Merkwürdigkeiten wie diesen der Krimiknoten geschürzt wird, stürzt Inga Lürsen - Auftaktkatastrophe Nummer zwei - kopfüber eine steile Treppe hinunter; nicht bei einer Verfolgungsjagd, sondern versehentlich, weil sie sich nach einem kleinen Hund umdreht.

          Kabinettstück als verdächtiger Obdachloser

          Damit ist die Abfolge fesselnder kleiner Alltagstragödien und -komödien eröffnet, für die der - an Toten (sieben) allerdings enorm reiche - Kriminalfall nur das Vehikel darstellt. Die Hauptkommissarin wird ins Krankenhaus gebracht und lernt mit der Diagnose, dass sie haarscharf an einem Genickbruch vorbeigestürzt ist, auch Doktor Plöger kennen. Beides macht aus der notorisch Kratzbürstigen eine freudig dankbar Lebenshungrige, die plötzlich Gelassenheit, Geduld und Einfühlungsvermögen lernt. Nur beim ersten Mal mit Adrian Plöger verliert sie anfangs fast die Fassung. Wie Sabine Postel und Peter Kremer als späte Liebende einander unsicher anschauen, er verlegen etwas von „aus der Übung sein“ druckst, was ihr den Mut gibt, Gleiches zuzugeben - das hat fast schon die Magie der Liebesszenen in Andreas Dresens Überraschungserfolg „Wolke 9“.

          Bibiana Beglau zeigt diskret und intensiv, wie enttäuschte Liebe Menschen erstarren lassen kann, Oliver Mommsen führt vor, wie das Leben und der Zufall Enddreißigern auch ohne „Midlifecrisis“ schmerzhaft die Augen über sich selbst öffnen können und Lars Rudolph liefert als verdächtiger Obdachloser ein Kabinettstück verschusselten, dumpfen und doch listigen Außenseitertums. Wer das genießen kann, wird bis zum überraschenden Ende (Regie und Drehbuch: Thorsten Näter) über etliche Ungereimtheiten und verkrampfte Wendungen im Krimigeschehen hinwegsehen.

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