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Im Fernsehen: Spreewaldkrimi : Am Ende des Sumpfes hockt ein Mann am Fließ

Ein Verlorener und ein Stoiker vor Sumpflandschaft: Uwe Kockisch als Harry (l.) und Christian Redl als Kommissar Krüger Bild: dapd

Der Drehbuchautor Thomas Kirchner hat für das ZDF ein ganz eigenes Genre erfunden: den „Spreewaldkrimi“. In seinem neuen Fall mit Christian Redl als Kommissar Thorsten Krüger trifft ein entlassener Raubmörder auf seine alten Kumpane.

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          Die Bilanz des Harry Ritter ist bitter: „Da ist nichts, auf das ich stolz sein kann.“ Fünfzehn Jahre saß er hinter Gittern, wegen Raubmords. Und auch davor war er seltener in Freiheit denn in Verwahrung, wie sich sein Sohn Matthias erinnert. Jetzt ist Harry Ritter draußen, mit allem abgeschlossen hat er schon. Doch es beginnt aufs Neue. Denn am Ende des Tages, an dem Harry Ritter im Spreewald anlangt, seiner alten Heimat, wird die Leiche eines Privatdetektivs gefunden, der zu dem Trio gehörte, mit dem Harry Ritter damals einen Juwelier überfiel. Auch der Dritte in diesem Bunde taucht auf, ein Mann, dessen Spitzname alles verrät: Schlange.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zum dritten Mal siedelt der Drehbuchautor Thomas Kirchner für das ZDF eine komplexe Erzählung im Spreewald an, einen Krimi und eine Beziehungsgeschichte zugleich, eine, die vor allem unter Männern spielt, unter Vätern, Söhnen und - falschen - Freunden. Den Auftakt der Trilogie, die nach unserem Dafürhalten ruhig noch wachsen kann, bildete „Das Geheimnis im Moor“ (2006), es folgte „Der Tote im Spreewald“ (2009), nun sind es „Die Tränen der Fische“. Drei Konstanten gibt es in diesen drei Filmen: Kirchners poetische Erzählweise, die Figur des von Christian Redl stoisch gespielten Kommissars Thorsten Krüger und - den Schauplatz, den Spreewald in Brandenburg, ein vierhundert Quadratkilometer großes Gebiet, geprägt von Sümpfen und Wasserläufen und wenig festem Grund.

          Das passt perfekt zur Geschichte des Spreewaldkrimis, oder besser: die Geschichte passt bestens zur Landschaft, in ihrem ruhig dahinfließenden Tonfall und mit ihren Figuren, die alle nur scheinbar festen Grund unter den Füßen haben. Besagter Matthias Panasch (Matthias Koeberlin) zum Beispiel, Harrys Sohn, der inzwischen Staatsanwalt ist und es mit dem Fall zu tun bekommt, in dem sich bald alles um seinen Vater dreht. Einen Vater, der für ihn tot war, den er seiner Frau (Johanna Klante) und seinem Sohn (Tristan Göbel) verschwiegen hat, bis - der Alte plötzlich in der Tür steht. Den wiederum spielt Uwe Kockisch ganz bravourös zurückgenommen als gebrochenen Ritter ohne Furcht und Tadel, der eine Strafe für einen Mord absitzt, die er nicht begangen hat. Den Täter aber verrät er nicht.

          Der Staatsanwalt (Matthias Koeberlin) auf Spurensuche
          Der Staatsanwalt (Matthias Koeberlin) auf Spurensuche : Bild: Nicolas Maack

          Allein kann er besser denken

          Sein alter Kumpan Schlange, herrlich wirr-verschlagen gespielt von Henry Hübchen, gibt sich nicht damit zufrieden, ungeschoren davongekommen zu sein. Er will die Beute, die Harry irgendwo am Fluß vergraben hat. Dessen Freundin Sandra (Jenny Schily) hat derweil der privaten Ermittlung ihres Bruders Hendrik (Denis Moschitto) Vorschub geleistet, der die Juwelen für die Versicherung auftreiben will, die einst den Schaden ersetzte. Sie alle behält Kommissar Krüger im Blick, der den jungen Staatsanwalt schon wegschickt, bevor dessen persönliche Verwobenheit in den Fall zutage tritt: „Ich kann allein besser denken.“

          Sie alle geben sich ein Stelldichein auf einer Bühne, die der Regisseur Thomas Roth, ganz im Sinne des Drehbuchs, als Biotop eigener Art bereitet, oft im Halbdunkel oder im von den Wipfeln der Bäume gebrochenen Licht, das die Kameravon Jo Molitoris perfekt einzufangen weiß. Die Strapazen der Dreharbeiten sollen ganz eigener Art gewesen sein, heißt es in den Produktionsnotizen. „Darsteller, Team und technisches Equipment müssen zu einem erheblichen Teil in flachen Kähnen durch die Fließe gestaakt werden“, berichtet der Produzent Wolfgang Esser.

          Die Mühen haben sich gelohnt, den Film zu sehen lohnt sich allein ob des Solos, das Uwe Kockisch inmitten eines ausgezeichneten Ensembles gibt. Sein Harry Ritter wirkt in den Rückblenden als Mann in mittleren Jahren (mit Vokuhila-Frisur) ebenso verloren wie in der Gegenwart, darauf weist allein schon seine Anzugsordnung. Am Ende leistet dieser Harry Ritter den Schritt zu einer Versöhnung, die nichts Falsches hat, auch wenn sie auf einem falschen Zeugnis beruht. Was es mit den „Tränen der Fische“ auf sich hat, das aber bleibt das Geheimnis, das Harry Ritter und sein Enkel Mäxchen nur mit den Zuschauern teilen.

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