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Im Fernsehen: „Sherlock“ : Er steht an der Front der Wissensgesellschaft

  • -Aktualisiert am

Der neue Holmes (Benedict Cumberbatch, links) und der neue Dr. Watson (Martin Freeman) müssen durch London hetzen. Am liebsten aber würden sie nur zu Hause bleiben - und denken Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

Diesen Detektiv und seinen Sidekick wollen wir unbedingt sehen: Das Erste übernimmt eine Miniserie der BBC und verpasst Sherlock Holmes und Dr. Watson einen höchst radikalen Modernisierungsschub.

          Wer braucht eigentlich noch Detektive? Facebook liest unsere Gesichter, Google rechnet unsere Vorlieben aus; nichts, das sich nicht im Netz ermitteln ließe. Wir sind mittlerweile alle Spürnasen mit eigenem Mandat. Die Welt und ihre Bewohner: Stoff für endlose Recherchen. Ein Detektiv also, noch dazu ein Erbe der Viktorianischen Epoche? Einer, der stolz mit den Mitteln der Ratio hantiert, als sei die Aufklärung eine rundum glückliche Veranstaltung gewesen? Will man wirklich noch Sherlock Holmes bei der Arbeit zusehen?

          Ja, wenn er ein postmoderner Dandy ist, mit allen Wassern des digitalen Know-hows gewaschen und einem Bonmot-Talent im Format von Oscar Wilde gesegnet, dann schon. Der Holmes, den die ARD in einer exzellenten, von der BBC produzierten Miniserie präsentiert, ist die radikale Aktualisierung des Meisterdetektivs. In dieser Figur laufen die Konfliktlinien der modernen Wissensgesellschaft zusammen. Dieser Mann räsoniert nicht mehr pfeifeschmauchend und von Morphium umdunstet in dunklen Bibliotheken, er rast über die Tasten seines Smartphones oder traktiert sein Laptop wie ein Bebop-Pianist.

          Die Instrumente unserer Kommunikationstechnologien spielt er als Virtuose der analytischen Kombinatorik. Dass er sich dazu selbst in Bewegung versetzen muss - er hastet durch London in zahllosen Taxifahrten -, ist der Dramaturgie des Genres geschuldet, es gilt ja, Tatorte zu besichtigen und Verbrechern nachzustellen. Am liebsten aber würde dieser Mann nur denken, sich ganz in zerebrale Energie verwandeln. Ein Monstrum der Vernunft werden, das alles Wissen verschlingt, um es als Erkenntnis wieder abzusondern.

          Welch alte Medien: Ein richtiger Brief und ein richtiges Messer. So hätte es auch beim klassischen Sherlock Holmes aussehen können

          Notgemeinschaft im spätkapitalistischen London

          Es ist gut, dass so ein Mann von einer Anstandsfigur begleitet wird, das war schon bei Arthur Conan Doyle so, und es ist im Fall des neuen Holmes noch wichtiger: Dr. Watson, der Sidekick, muss immer da menscheln, wo seinem Chef die Kognition aus dem Ruder läuft. Überraschend allerdings, dass der gute Doktor diesmal ein Kriegsversehrter ist, heimgekehrt von einem Afghanistan-Einsatz und zu arm, um sich eine eigene Bleibe in Londons Innenstadt zu leisten.

          Watson ist der WG-Kumpan von Holmes, man bildet zuerst einmal eine Notgemeinschaft im spätkapitalistischen London, wo, Bankenkrise hin, Finanzcrash her, das Pfund den Ton angibt. Dass der Arzt, der an psychosomatischen Störungen leidet (er hinkt) und einen per Therapeuten verordneten Genesungsblog schreiben muss, sich als Hilfskraft des Detektivs verdingt, liegt an seiner Langeweile. „Du wirst nicht verfolgt vom Krieg“, diagnostiziert Holmes, „du vermisst ihn.“ Und was kann es für einen stresssüchtigen Veteranen Besseres geben, als an der Seite eines Masterminds die gefährlichsten Männer der Welt zu jagen?

          Vielleicht muss die Frage aber auch anders lauten: Was kann spannender sein, als einem Mann zu assistieren, der die Widersprüche der Moderne verkörpert? Holmes ist die Galionsfigur der instrumentellen Vernunft, aber seine Intelligenz erschöpft sich darin, die Verkommenheit der Gesellschaft auszuloten. Nicht Menschen werden aufgeklärt, sondern Verbrechen.

          Der Verbrecher ist ein Spielpartner

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