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Im Fernsehen: „Schurkenstück“ : Der Besuch der jungen Regisseurin

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Dürrenmatt im Schwimmbad - das Ensemble mit Janusz Kocaj, Arnel Taci, Michael Keseroglu, Sebastian Urzendowsky und Franz Dinda reißt es raus Bild: WDR/Martin Rottenkolber

Jugendliche Straftäter spielen im Knast ein Werk von Friedrich Dürrenmatt. Eine gefragte Jungregisseurin führt Regie. Bei solch einem Stoff muss man normalerweise Klischeealarm ausrufen. Doch das ist unterblieben. Der Film läuft korrekt auf einen stramme Zuschauerbeschimpfung zu.

          Über Filme wie diesen muss man sich wundern. Möglicherweise naiv geht man als Zuschauer davon aus, dass es gewisse Stoffe gibt, bei denen sich Klischees verbieten. Mit dem heute ausgestrahlten Fernsehfilm „Schurkenstück“ über ein Theaterprojekt in einer Haftanstalt aber geht der WDR weit hinter Hausproduktionen wie „Wut“ und „Keine Angst“ mit ihrer drastischen Darstellung von Migrationsproblemen und Gewalt unter Jugendlichen zurück und tauscht kontroverse Diskussion gegen politische Korrektheit ein.

          Der Fairness halber muss man sagen, dass „Schurkenstück“ seine Vorhersehbarkeit an ein, zwei Stellen recht intelligent thematisiert, und könnte einräumen, dass auch das Leben oft so banal ist wie einseitige Filme, denn solche Theaterprojekte gibt es wirklich, und ihre Trefferquote mag gar nicht schlecht sein. Beides aber macht diesen Film nicht besser und löst auch nicht die gesellschaftlichen Probleme bei der Wiedereingliederung kriminell gewordener Jugendlicher. Und die sind ja wohl der Kern des Stoffs.

          Die Handlung ist schnell erzählt: Die gefragte Jungregisseurin Fanny Dannewald (Katharina Schüttler), die am Deutschen Theater inszenieren könnte, hat sich von einem Gefängnisleiter, der ihre Kunst verehrt (das immerhin ist kein Klischee), überreden lassen, mit jungen Straftätern ein Theaterstück zu inszenieren. Das ist ausgerechnet Dürrenmatts Schullektüreklassiker „Der Besuch der alten Dame“, der einen Darsteller zu der nachvollziehbaren Pointe veranlasst: „Kann denn keine junge kommen?“ Aber Fanny Dannewald hat das Stück modernisiert, die alte Dame ist nun Türkin, was ihrer ungewollten Schwangerschaft Brisanz verleihen soll.

          Unberechenbare Momente mit großer Intensität

          Auch in der JVA geht dann nichts ohne „Competition“. Bevor die Proben beginnen, gibt es ein Casting. Mit den Bewerbungsvideos beginnt der Film, und er endet mit ihnen, damit man den Reifeprozess der jungen Männer auch ja bemerkt. Denn die ausgesuchten Straftäter sind sich anfangs nicht ganz grün und benehmen sich gegenüber der Jungregisseurin respektlos und albern, alles aber in Maßen. Nur einer verliebt sich in sie und darf sie küssen - in einer Szene, die merklich in der Luft hängt.

          Was solche vom Drehbuchansatz (Eva und Volker A. Zahn) her einseitigen Filme doch interessant macht, ist die Frage, was Schauspieler und Regie (Torsten C. Fischer) daraus zu machen imstande sind. Und das ist stellenweise sehenswert. Wie Franz Dinda etwa den Fascho Timo spielt, ganz anders als seine bisherigen, eher schnöseligen Rollen, verklemmt und eruptiv, ist bemerkenswert. Erfrischend ist Michael Keseroglu in der Rolle des früheren Zuhälters Faruk. Und auch Vladimir Burlakov als schöngeistiger Russenmafioso Pjotr oder Janusz Kocaj als Spatenmörder Stefan bringen es in ihren unberechenbaren Momenten zu großer Intensität.

          Wir haben's gerafft

          All das wird dann aber nicht in einer realistisch wirkenden Gratwanderung zusammengeführt. Darunter leidet vor allem Katharina Schüttler, deren Rolle sonderbar eindimensional angelegt ist: Sie spielt eine beherrschte und ehrgeizige junge Frau, die durchs Leben wie über die Bühne schreitet - und behält diese Haltung den ganzen Film über bei. Dabei hätten doch ihre Irritationen und Zweifel, die Notwendigkeit, sich den Straftätern zu nähern, sich auf ihre dunklen Seiten einzulassen, diese Rolle spannend gemacht.

          Ein Hauch von Fatalismus kommt auf, als einer der Darsteller wegen seiner Rollenübernahme vergewaltigt wird, doch das wirkt wie auf einer anderen Realitätsebene geschehen, und die Konsequenzen werden überraschend schnell weggebügelt. Die Theaterpremiere gelingt am Schluss im Grunde ungefährdet. Was der Zuschauer davon sieht, nimmt dem Ganzen jedoch abermals die Glaubwürdigkeit. So tritt das JVA-Ensemble am Ende an die Rampe und schmettert den Zuschauern rappend entgegen: Habt ihr's jetzt gerafft, Verbrecher gibt's nicht nur im Knast.“ Da möchte man zurückrufen: Wir haben's gerafft, aber auch Straftäter haben ein Recht auf gute Kunst.

          Uwe Ebbinghaus

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