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Im Fernsehen: Mord mit Aussicht : Nee, ne? Mann, Mann!

Versetzung mit Folgen: Kriminalkommissarin Sophie Haas (Caroline Peters, r.) und Mitarbeiterin Bärbel (Meike Droste). Bild: ARD/Frank Dicks

Im Eifelort Hengasch zu ermitteln ist keine Freude. Dabei zuzuschauen, wie Kommissarin Sophie Haas ihr Schicksal im schwärzesten Winkel von Nordrhein-Westfalen meistert, schon. Die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ zelebriert eine Komik der Zeitlupe.

          Das hat man hier noch nie so gemacht! Mit ihren eigenwilligen Ermittlungsmethoden treibt Kommissarin Sophie Haas die Aufklärungsquote der Kölner Polizei in domgleiche Höhen. Wie die schon ihre Blicke einsetzt: erst becircen, dann vernichten. Das lässt die Ganoven die Waffen strecken, aber auch die Kollegen in Deckung gehen. Den Polizeichef irritiert, dass sie alles aufwirbelt, selbst die Zeitungsausschnitte über ihre Fahndungserfolge, die er so säuberlich auf seinem Schreibtisch sortiert hat. Er befördert sie - ganz weit weg. Nicht ins Bergische Land. Zu nah an Köln. Nicht ins Sauerland. Immer noch zu nah an Köln. Nicht ins Siegerland. Geistig zu nah an Köln. Rubens hat es von dort nach Köln geschafft. Sophie Haas wird nach Hengasch versetzt, Landkreis Liebernich. In die Eifel. Ins innere Afrika, in den schwärzesten Winkel von Nordrhein-Westfalen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit der bockigen Hingabe unterforderter Kinder pflegen die Eingeborenen hier das wenig pittoreske Brauchtum ihres Stammes. Was man hier macht, das hat man hier schon immer so gemacht! Man macht allerdings nicht viel. Das gilt für die Gesetzeshüter wie für die Gesetzesbrecher. Die Akte der unaufgeklärten Fälle ist so dick wie das Buch der bleibenden Erfolge der Regierung Rüttgers. In den Hügeln über Hengasch wurde ein Windräderpark angelegt. Die Räder drehen sich über Gerechten und Ungerechten, Emblem der Lebensart der in ihrer Genügsamkeit fast noch heidnischen Lebensart der Eifelmenschen.

          Die Passion des Bastlers fürs Detail

          Unkonventionelle Methoden stoßen auf eine Substanz der Konvention: Bei der Karambolage dieser zwei Arten der Dickköpfigkeit wird eine Menge hochkonzentrierter Komik freigesetzt. Von „Mord mit Aussicht“, der famosen, von Marie Reiners erdachten Serie mit Caroline Peters in der Hauptrolle, wurden zunächst sechs Folgen gedreht, die vor zwei Jahren in der ARD gezeigt wurden. Jetzt laufen sie noch einmal, gefolgt von sieben neuen, auf dem Serien-Sendeplatz am Dienstag nach der „Tagesschau“.

          Die Fortsetzung beweist, dass das Kunststück der komischen Serie gelungen ist: Mit Hengasch haben Marie Reiners und ihre Kollegen ein geschlossenes Miniaturuniversum geschaffen, eine vollkommene Kunstwelt. Dazu braucht es die Passion des Bastlers fürs Detail; auf Sympathie der Drehbuchautoren können die Eigenbrötler rechnen, die sich ihre Gegenwelt zusammenkleben, die Modellboot-Fanatiker mit miesen Baumarktjobs oder der Pförtner der Sternwarte, der sein Lebensdrama mit den Planetenfiguren seiner Puppenbühne durchspielt. Alle Liebe des Kulissenmalens, alle Phantasie des Plotstrickens wäre indes witzlos ohne das Timing, auf das in der Komödie fast alles ankommt. So auch hier. Der Zeitlupentechnik der Personenführung entspricht bei den Schauspielern eine Virtuosität der Untertreibung.

          Eine Gegend mit naturgegebenem Tempolimit

          Als die Kommissarin den Vergleich des riesigen Teleskops mit einem Ufo zurückweist, weil sie sich nicht vorstellen will, warum Außerirdische in Hengasch landen sollten, hätte sie die kollegiale Retourkutsche vorhersagen können: „Wieso? Sie sind doch auch hier gelandet.“ Tatsächlich bewegt sich die Haas in Hengasch wie ein Wesen von einem anderen Stern oder aus einer anderen Zeit, jedenfalls einer Welt, in der, ob das nun Albert Einstein erklären könnte oder Hermann Lübbe, alles unvergleichlich viel schneller geht. Ihren Untergebenen auf dem Polizeirevier, Obermeister Dietmar Schäffer (Bjarne Mädel) und Anwärterin Bärbel Schmied (Meike Droste), kann man nicht bescheinigen, dass sie eine ruhige Kugel schöben. Eher ruht diese Kugel unsichtbar in der Mitte der Dienststube, gleich den Souvenirs von Schützenfesten auf den Rollschränken ringsum, als hätte sie einst ein Sendbote Karls des Großen als Symbol der Majestät des Rechts auf dem Dorfplatz zurückgelassen und als hätten die Hengascher es seitdem nicht gewagt, sie auch nur anzurühren.

          Jedem der beiden Dorfpolizisten ist eine Redewendung auf den hier draußen noch beige-grün uniformierten Leib geschrieben, die das Staunen ausdrückt, mit dem sie jedem Einbruch der Veränderung, der Geschichte, der Zeit gegenüberstehen. Bärbel kommentiert unerwartete Nachrichten, sie auskostend wie eine Beerenauslese, den Unglauben nur fingierend, mit der Rückfrage: „Nee, ne?“ Dietmar verarbeitet umgekehrt das Eintreten des Erwarteten, die Bestätigung der ihm aus den Abgründen der eigenen Seelenpolster zu gut bekannten Herzensträgheit des Eifelvolks, mit dem Mantra „Mann, Mann, Mann“. Wie aber die BMW-Cabrio-Fahrerin im Exil ihren Fragestil dem naturgegebenen Tempolimit der Gegend anpassen muss und die Listen der Geduld entdeckt, so steckt in der Ruhe der ortsfesten Beamten das Potential ungeheurer Beschleunigung. Als Dietmar in einem Krankenhausflur seinen von Gattin Heike gemästeten Leib in die Verfolgung eines Fingerdiebs wirft, denkt man an Bobfahrer.

          Könnte Sophie Haas in Hengasch heimisch werden? Dass ihr beim Studium des Lokalblättchens einmal ein „Mann, Mann, Mann“ entfährt, spricht dagegen - oder dafür.

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