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Im Fernsehen: „Kennedys Hirn“ : Erreicht das Heim mit Müh und Not, ihr Sohn war tot

Agiert in „Kennedys Hirn” mit skandinavischer Reserviertheit, zugleich mit präziser Exaltation: Iris Berben als Louise Cantor Bild: ARD Degeto/Bavaria/Yellow Bird/M

An diesem Samstagabend zeigt die ARD einen Dreistundenkrimi nach Henning Mankell. Iris Berben macht das spannende Experiment sehenswert. Am Ende verstehen wir sogar den rätselhaften Titel: „Kennedys Hirn“.

          3 Min.

          Der Film „Kennedys Hirn“: Das sind zur besten Sendezeit nahezu drei Stunden Mankell am Stück. Wie es sich generell auf die Quote auswirkt, einen klassischen Zweiteiler auf einmal zu senden, wird sich weisen. Spannender noch ist der Quotenverlauf im Detail, sagen wir: im Viertel- oder Halbstundentakt. An ihm wird zu erkennen sein, ob es dem Ersten gelingt, das Publikum auf einen überlangen Quasi-Kinoabend einzuschwören. Das Ganze ist ein sendetechnisches, aber auch medienpsychologisches Experiment.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Ob der vielen Redundanzen schadet es etwa beim dauerüberziehenden, deshalb ebenfalls stets dreistündigen ZDF-Unterhaltungsmarathon „Wetten dass . . ?“ nicht, zwischendurch mal zum Kühlschrank zu gehen oder sich vor der Haustür die Beine zu vertreten. Bei Mankells schwedisch-afrikanischem Polit- und Pharma-Thriller empfiehlt sich das eher nicht - man könnte es zum falschen Zeitpunkt tun und damit Entscheidendes verpassen. Deshalb ist „Kennedys Hirn“ ein reizvoller Test für die Aufnahmefähigkeit und die Konzentrationsbereitschaft eines Millionenpublikums.

          Erstaunlicherweise unternimmt der Film nicht viel, um uns von Anfang an in Bann zu ziehen. Das Wenige, das er aufbietet, aber wählt und setzt er mit Bedacht. Es spricht für die Professionalität des Regisseurs Urs Egger und des Drehbuchautors Nils-Morten Osburg, dass sie am Beginn ihrer langen Szenen- und Dialogstrecke nicht auf geballte Action, schnelle Schnitte und informationsgespickte Sprechakte setzen. Die Handlung wird behutsam in Gang gesetzt, fast gemächlich entwickeln sich die Figuren. Man nimmt sich Zeit - und gibt sie an uns weiter.

          Andreas Wilson als Investigativreporter Henrik Cantor, Emile Abossolo Mbo als tapferer Chefredakteur

          Ausflüge in die skandinavische Strindberg- und Bergman-Welt

          Klug ist auch, dass der Film die Zuseher abholt, wo sie sich eingerichtet haben. Mankells Publikum ist „Wallander“-Publikum. Die Krimis um den seelen- und gewichtsgeplagten Kleinstadt-Kommissar sind zwar nur ein Teil von Henning Mankells Werk - in dessen afrikanischen Regionen hat sich der Autor zudem immer mit mehr Herzblut, Anklagepathos und Aufklärungsfuror bewegt als im südschwedischen Ystad. Nach Afrika sind ihm Leser wie Fernsehzuschauer aber nur gefolgt, weil er sich als Schöpfer nördlicher Sozialdramen mit kriminellem Mehrwert schier unbegrenzten Kredit erworben hat.

          Lediglich die erste Szene von „Kennedys Hirn“ versetzt uns in Mankells moçambiquanische Wahlheimat Maputo. Dafür bieten Egger und Osburg eine gute Stunde lang Ausflüge in die skandinavische Strindberg- und Bergman-Welt. Bei den Hauptfiguren handelt es sich zunächst um wohlhabende Akademiker, die ihren Problemen in gepflegten Ikea-plus-Kulissen nachgehen. Nach einem Vierteljahrhundert stellt sich ein entlaufener Ehemann wieder ein - herrlich liegt sein Haus am Strand der Insel -, eine nimmermüde Vater- und Großvatergestalt frönt in verschneiten Wäldern der Holzbildhauerei. Derweil bricht ein unakademischer, dafür wallanderhaft phlegmatischer Kommissar Ermittlungen schon ab, bevor sie richtig begonnen haben.

          Wie Iris Berben die dominante Rolle bewältigt, verdient allen Respekt

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