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Im Fernsehen: „Keiner geht verloren“ : Hotte kam nur bis Oberbayern

  • -Aktualisiert am

Wahnsinn: Sylvester Groth als Hotte Bild: BR/Kerstin Stelter

Ein Alpenglühn der grotesken Art: Ein hochrangiger Münchner Politiker will die Passion Christi in einer Riesenscheune in den Bergen zur Aufführung bringen. Doch dann kommen die Russen - und ein geisteskranker Regisseur.

          Welche Art Film würden Sie vermuten, wenn ein Mann in Lederhosen und Janker vor einem rosigen Alpenpanorama ein riesiges Kreuz schleppt? Das Werk eines neuen Pasolini? Eine dieser penetranten „sitcoms“, die gern die Grenzen zur Blasphemie testen? Oder streng Tiefsinniges zwischen Oberammergau und „Christus kam nur bis Eboli“? „Keiner geht verloren“, der Titel von Dirk Kummers Film, lässt Letzteres, die Handlung dagegen alles andere vermuten. Kurzum: Gewissheit hat man bis zum Ende nicht.

          Begründen lassen sich alle Szenen, erklären kaum eine. Der das Kreuz schleppende Mann etwa ist der Dorfpolizist eines Nests im bayerischen Voralpenland, der sich aus unerfindlichen Gründen freiwillig zum Sklaven eines hochrangigen Münchner Politikers macht, der aus ebenso undurchschaubaren Motiven davon besessen ist, die Passion Christi zu spielen. Das kann er in einer Riesenscheune in der Nähe des von der Pleite bedrohten Hotels Lonihof, dem aber bald wieder eine goldene Zukunft winkt, weil eine Horde reiselustiger Russen den Hof als Ziel all ihrer gegenwärtigen und künftigen Urlaubswünsche identifiziert.

          Unter derben Erben

          Dass wiederum die Russen statt bayerischer Schmankerl mit Wonne „Soljanka“ schlürfen, liegt an Rita, einer kochkundigen ehemaligen Stahlarbeiterin mit Russenerfahrung, gebürtig aus Lichtenberg, überzeugte Ost-Berlinerin und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die fabelhafte Carmen Maja Antoni spielt diese Figur mit einer Hingabe und Selbstverständlichkeit und so weit ab von Claire-Waldoff-Klischees, dass man ihr stundenlang zusehen und zuhören möchte.

          Souverän auch als angejahrtes Dirndl-Maderl: Eva Mattes (l.)

          Im Oberbayerischen zu Besuch ist die Kodderschnauze, weil sie ihre Tochter Katja besucht (Jennipher Antoni, gekonnt maulig), die im Lonihof nicht nur arbeitet, sondern inzwischen auch die (schwangere) Braut des derben Erben Max (Hanno Koffler, herrlich begriffsstutzig) ist, was Wirtin Loni (Eva Mattes, souverän auch als angejahrtes Dirndl-Maderl) recht, dem Hallodri-Vater Xaver (Helmfried von Lüttichau als perfekt verknatschter Kir-Royal-Stenz) aber ein Horror ist. Die Verwirrung und den aberwitzigen Ost-West-Gipfel komplett macht Hotte, ehemaliger Schauspieler, geflüchtet aus einem Berliner Sanatorium für Geisteskranke, unterwegs von der ahnungslosen Rita aufgegabelt und vom jesussüchtigen Politiker als Regisseur engagiert.

          Jodelanfall und sinnendes Händereiben

          Den Hotte spielt Sylvester Groth - und das so packend, dass man zuweilen vergisst, nach Sinn und Unsinn zu fragen. Groth schwebt, tänzelt und tapst durch die Szenenwirbel, tastet, einen Sekundenbruchteil Ernst verbreitend, fahrig nach seinen Tabletten, flirtet raffiniert und naiv wie ein kleiner Bub mit Rita und Loni, gibt als Regisseur den Diktator, als wogenglättender väterlicher Freund den Propheten, ist um keine Finte verlegen und weiß für alle und jedes einen Ausweg. Nur für sich selbst nicht: In der einzig tragischen Szene stammelt Hotte seine bedrückende Lebensgeschichte - und dementiert sie, auf seinen Status als Verrückter verweisend, sofort wieder.

          Wahnsinnig aber sind alle Beteiligten, leiden sie doch an jedermanns normalen Spleens, Ticks, Vorurteilen und Komplexen. Weil das Drehbuch von Bert Koß und Michael Peschke sie diese alle auf einmal ausleben lässt, kommt es zum Wahnwitz wie einem Trachtenfest, dessen Teilnehmer (ein schräges Zitat der Nazi-Hymne im Biergarten von Bob Fosses „Cabaret“) volltrunken das legendäre „Der Osten ist rot“ der DDR schmettern. So eingestimmt, verfolgt man dann, wie Hotte sich vor versammelter Freundesschar in den Hotelpool fallen lässt, eine verschrobene Neureiche es ihm juchzend gleichtut, derweil Xaver ihn zu ertränken versucht, was bei Loni einen Jodelanfall und bei Rita sinnendes Händereiben auslöst. Wenn dann noch ein Schreckschuss fällt, streckt man die Waffen, grüßt stumm Woody Allen und Sacha Baron Cohen - und ergibt sich in das sanft tobende Grotesken-Schicksal.

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