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Im Fernsehen: „Ich habe es dir nie erzählt“ : Und, wieviele Leichen hast Du im Keller?

Wie souverän ist sie wirklich? Barbara Auer als Carla Bild: dapd

Verletzte Seelen: Johannes Fabrick erzählt in seinem ZDF-Film „Ich habe es Dir nie erzählt“ von den Problemen einer Patchwork-Familie. Barbara Auer überzeugt als alleinerziehende Mutter einer Vierzehnjährigen.

          Man kann über ihn sagen, was man will, aber in einer Disziplin ist der deutsche Fernsehfilm unschlagbar: Nirgendwo sonst gibt es so wunderbar pubertäre, leicht blasse Mädchen mit überdimensionierten Wollmützen, die leidend die Augen verdrehen und sagen: „Mama, bitte!“ Dieses Flehen ist mehrdeutig und kann heißen: Bitte nerv nicht rum, bitte hol mich nicht mehr von der Schule ab, bitte gib mir mein Taschengeld. Alle drei Dinge wünscht sich in Johannes Fabricks Film „Ich habe es Dir nie erzählt“ auch die vierzehnjährige Eva.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihre Mutter Carla, gespielt von Barbara Auer, lebt getrennt vom Vater und muss somit alles „alleine stemmen“. Das ist keine leichte Aufgabe als Gerichtsvollzieherin, die ständig Menschen schlechte Nachrichten übermitteln muss, nicht immer einfach ist die Erziehung der Tochter, nicht immer schön das Single-Dasein, wie auch die Kamera von Helmut Pirnat in einigen Einstellungen verrät, die hinter Carlas kühler Fassade eine gute Portion Einsamkeit aufscheinen lassen.

          Gemeinsam einsam beim Tango

          Das Drehbuch der Dokumentarfilmerin Britta Stöckle hält dafür einige harte Sätze für die Protagonistin bereit. Carla erklärt ihrer Tochter etwa, sie habe nicht etwa „keinen abgekriegt“, sondern sie wolle einfach keinen Mann. Entsprechend kalt und abweisend reagiert Carla (in solchen Szenen ist Barbara Auer einzigartig), als der Hausmeister von Evas Schule bei einer Begegnung auf dem Parkplatz mir ihr zu flirten versucht.

          Um nun aber doch eine Liebesgeschichte in Gang zu setzen, hält der Film eine durchaus mögliche, wenn auch sehr spezielle Lösung parat. Frei nach Rilke formuliert, geht sie so: Wenn die Menschen, die einander hassen, in einem Tango-Orchester zusammenspielen müssen - dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen. Beim nachmittäglichen Musizieren nämlich begegnet Carla dem Hausmeister Andi wieder: er nun als erstaunlich leidenschaftlicher und fingerfertiger Gitarrist, sie als zunächst noch etwas hölzerne, dann aber zunehmend leidenschaftliche Solo-Bandoneonistin. Bei der Interpretation der Tangostücke im melancholischen Stil von Astor Piazolla tauschen sie vielsagende Blicke und sind fortan gemeinsam einsam, mit allem, was dazugehört.

          Streit um das Sorgerecht

          Der Film will aber mehr als nur spielen - tatsächlich lotet er im Folgenden ganz gut aus, wie zwei bereits geschiedene Menschen, die beide so manche Verletzung davongetragen haben, sich schrittweise einander annähern, wobei man die Leichen im Keller natürlich zunächst lieber verbirgt. Vor allem aber ist es ein Film über die Patchwork-Familie, über die derzeit viel diskutiert wird: Andi ist mit seiner Ex-Frau im Streit um das Sorgerecht für die fünfjährige Tochter, und auch die Beziehungen zwischen Carla, ihrem geschiedenen Mann, dessen Freundin und der Tochter Eva sind nicht immer harmonisch: „Du weißt doch selber, dass dieser Patchwork-Familienquatsch bei uns nicht funktioniert,“ heißt es da einmal lapidar.

          Das Ganze mausert sich dann, aufgrund einer Lüge der Tochter Eva, zu einem veritablen Drama, bei dem schließlich - es muss so kommen - Clara nicht mehr als Geliebte, sondern als Gerichtsvollzieherin vor Andis Tür steht. Es folgt die Katastrophe. Und doch kommt in „Ich habe es Dir nie erzählt“ dann noch eine Wahrheit ans Licht, die schließlich die Dinge wieder etwas ins Lot bringt, wenn auch am Ende dieser Patchwork-Geschichte mit traurigschöner Tangomusik nicht das reine Glück steht. Es ist eben heute nicht mehr alles so einfach wie in dem alten Berliner Chanson „Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin“, wo es hieß: „Ging ein Mädel früher tanzen mit 'nem Mann / Sah sie keinen andern an.“

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