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Im Fernsehen: „Gier“ : Ich betrüge, also bin ich

„Und wieder mit dabei sein” - funktioniert auch in Abend-Garderobe: Hochstapler Glanz (Ulrich Tukur) und seine Frau (Jeanette Hain) Bild: obs

Heute und morgen Abend zeigt das Erste den neuen Mehrteiler von Dieter Wedel. „Gier“ ist ein Lehrstück zum Thema „Anlagebetrug“ und spreizt sich als Kommentar zur schwelenden Finanzkrise. Nach einer brillanten ersten Stunde geht dem Film aber die Puste aus.

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          Das Beste stammt einmal mehr von Goethe. „Wer die Menschen betrügen will“, notiert er in den „Maximen und Reflexionen“, „muss vor allen Dingen das Absurde plausibel machen.“ Mit diesem, allerdings und wohl naturgemäß etwas inkorrekt wiedergegebenen Zitat - statt „vor allen Dingen“ heißt es nur noch „vor allem“ - schmückt denn auch der Finanzphantast Jürgen Harksen, im April 2003 vom Hamburger Landgericht zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt, die Bekenntnisse seiner zuvor eineinhalb Jahrzehnte währenden Hochstapelei, die 2006 unter dem Titel „Wie ich den Reichen ihr Geld abnahm“ erschienen sind.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dem stets gutgelaunten, also zynischen Buch muss man nicht alles glauben, ganz gewiss aber beglaubigt es Goethes Maxime auf das schönste. Im Vergleich zu Amerikas Betrügergiganten Bernard L. Madoff, der es auf fast fünfzig Karrierejahre brachte, Schaden in Höhe von etwa fünfundsechzig Milliarden Dollar anrichtete und sich dafür jüngst hundertfünfzig Jahre Gefängnis einhandelte, ist Jürgen Harksen zwar nur ein kleines Licht.

          Van Gogh aus der roten Periode

          Strukturell funktionierte sein Schneeballsystem aber nicht unähnlich. Und für deutsche Verhältnisse ist es ja durchaus absurd genug, dass Harksen seinen Anlegern - darunter Bankleuten und Immobilienmenschen - weiszumachen verstand, sie könnten durch ihn eine dreizehnhundertfache Rendite ihres eingezahlten Kapitals erzielen.

          Überflieger ohne Fallschirm: Glanz und (Vorsicht Namenssymbolik!) seine Gattin Gloria
          Überflieger ohne Fallschirm: Glanz und (Vorsicht Namenssymbolik!) seine Gattin Gloria : Bild: obs

          Goethes Sentenz ist nicht zuletzt ein erfolgverheißender Grundsatz für einen Hochstaplerfilm. Und in der Kunst des Plausibilisierens läuft das von Dieter Wedel frei nach Harksens Biographie geschriebene und inzenierte Fernsehepos „Gier“ eine Stunde lang zu Hochform auf, ja, es ist bisweilen bestechend. Der Film beginnt, von einer Erzählerstimme auf liebenswert altmodische Weise kommentiert, mit einer herrlich verschachtelten Schummelszene in Sachen Kunst. Da schwatzt der Hauptdarsteller Ulrich Tukur, der die Harksen-Metamorphose mit Namen Dieter Glanz spielt, einigen hochrangigen Hamburger Politikern und hochmögenden Mäzenen einen „van Gogh aus der roten Periode“ zu einem „Schnäppchenpreis“ auf und wird mit einer Anzahlung von anderthalb Millionen entlohnt. Kaum hat er den Scheck in der Hand, enttarnt er selbst den Betrug als gelungenen Scherz - eine rote Van-Gogh-Periode hat es nie gegeben -, gibt das Geld zurück und hält vor exklusivem Publikum seinen von der Landesbank gesponserten Vortrag über das Optimieren von Kapitalvermögen. Am Ende des Abends, so der Erzähler, hat er „Anlagemöglichkeiten in Höhe von fünfundzwanzig Millionen verkauft“.

          Man fragt sich bei dieser und bei einigen nachfolgenden Szenen nicht eine Sekunde lang, ob das, was Wedel uns vorsetzt, realistisch sei, denn es ist filmisch völlig glaubhaft. Und absolut absurdplausibel ist die Entourage, die sich alsbald um Dieter Glanz, den „Hamburger Finanzmagier“, bildet und zu einem Defilee bekannter Schauspieler wird. Harald Krassnitzer als „Erbe von Beruf“ gehört der „Glanz-Familie“ ebenso an wie Kai Wiesinger als klaviersensibler Juwelier, Gerd Wameling als untersetzter Lüstling mit unerschöpflichen Finanzreserven, nicht zuletzt Uwe Ochsenknecht, der - nun frei nach Thomas Manns „Buddenbrooks“ - doch tatsächlich „Grünlich“ heißt, wenn auch mit Vornamen Leon, und einen schmierig gegelten Hamburger Baulöwen gibt.

          Filmisch ist die Entlarvung eine Katastrophe

          Natürlich gehören zum Hofstaat auch schöne Frauen zuhauf: Jeanette Hain ist die Glanz-Gattin Gloria, Katharina Wackernagel die vom Reichtum zunächst geblendete, letztlich aber grundbieder bleibende Kleinbürgerin, Sibel Kekilli spielt deren als Künstlerin stets scheiternde, dafür als Muse der Mächtigen nicht zu unübertreffende Schwester, Isa Haller schließlich die Nymphomanin mit dem Hang zur Depression, was man ihr als Ehefrau des Berufserben auch abnimmt. Wundersam neurotisch spielt zudem Sabine Orléans, die auch als Immobilienbesitzerin von barockem Format ist.

          So geht der Film zunächst sehr munter und sehenswert hin - eine Gesellschaftssatire von Graden, ein Lustspiel um lauter Luftnummern und, ohne je moralisierend zu wirken, eben auch eine Studie in Sachen Geldgier. Nach gut einem Drittel aber bricht er mehr und mehr ein. Nahezu zwei weitere Stunden lang wird man nun bei wechselnden Kulissen - zu Hamburg gesellen sich Mallorca, London und das im Fernsehen inzwischen ubiquitäre Südafrika - mit den immergleichen, immer nur mäßig variierten Szenen abgespeist: noch eine Party, noch ein Golfplatz, noch eine Hotellobby. Schlimmer aber noch: Die Handlung verliert darüber ihre Plausibilität, das Absurde wird banal. Die Polizei stürmt die südafrikanische Nobelresidenz und nimmt Glanz fest. Warum? Und warum ist er gleich in der folgenden Szene wieder munter am Feiern und Saufen?

          Wohl wahr, in der Wirklichkeit hat Harksen seine Kunden auch immer wieder hingehalten und dabei stets die baldige „Auszahlung des Investments“ plus Rendite versprochen - mal in zwei Monaten, mal in vierzehn Tagen, gern auch schon „nächste Woche“, am besten gleich „morgen“. Aber weil er diese Wirklichkeit nicht rafft, sondern auswalzt, zahlt Wedel - und zwar der Regisseur wie der Drehbuchautor - einen hohen Preis: Er langweilt uns, erst ein bisschen und dann schier unendlich.

          Zudem scheitert der Film daran, dass Wedel die Hauptlegende Harksens, er habe nur „die Reichen“ geschröpft, als das entlarvt, was sie war: eine Lüge. Filmisch ist diese Entlarvung eine Katastrophe: Devid Striesow muss als kleiner, geprellter Angestellter einer Immobilienfirma deshalb vom Freund zum Gegner des Dieter Glanz mutieren und allerlei stümperhafte Rachefeldzüge erproben. Davon in Erinnerung - und das wird diesem Schauspieler nicht gerecht - bleibt am Ende nur der Dackelblick eines Gutmenschentrottels. Auch auf Ulrich Tukurs Künste wirkt es sich durchaus schmälernd aus, dass er sein Repertoire zu oft und zu lang bloß repetieren muss. Drei Stunden Wedel sind dieses Mal fast zwei Stunden zu viel.

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