https://www.faz.net/-gqz-6m39v

Im Fernsehen: „Downton Abbey“ : Man liest die „Times“ nur frisch gebügelt

  • -Aktualisiert am

„Downton Abbey” sorgte in Großbritannien für leergefegte Straßen Bild: Downton Abbey ITV

Kraft und Herrlichkeit: Sky zeigt die Fernsehserie „Downton Abbey“, die im vergangenen Jahr in Großbritannien gefühlt die ganze Nation vor den Fernsehgeräten versammelte.

          Eine hochwohlgeborene junge Dame, in deren Bett ein türkischer Beau geheimnisvoll zu Tode kommt; eine Kammerzofe, die Intrigen von machiavellösen Ausmaßen ersinnt; ein Herzog, dem die Erblinie von Schloss und Vermögen ebenso zu schaffen macht wie die delikate Unpässlichkeit seiner Frau und das allmähliche Erblinden der Köchin: ganz klar, wir befinden uns im edwardianischen England und überdies in einer der erfolgreichsten britischen Fernsehserien der jüngeren Geschichte.

          „Downton Abbey“, ersonnen vom oscarprämierten Drehbuchschreiber und Romancier Julian Fellowes, sorgte im Spätherbst des vergangenen Jahres in Großbritannien für leergefegte Straßen, als sich an sieben Sonntagabenden in Folge die gefühlt ganze Nation vor den Fernsehgeräten versammelte und sich dankbar zurückversetzen ließ in eine Epoche, in der die Welt schlechterdings nie so sehr aus den Fugen geraten konnte, dass höhere Stände es nicht am Morgen ihrem frischgebügelten Exemplar der „Times“ entnehmen und die Neuigkeiten beim Frühstückstee sacken lassen konnten.

          Mit just so einem markerschütternden Drama setzt die Serie im April 1912 ein. Denn gerade ist die „Titanic“ gesunken, und mit ihr der vorgesehene männliche Erbe von Downton Abbey. Nun muss sich dessen designierte Verlobte, des Herzogs älteste Tochter Mary, auf eine neue Partie gefasst machen – und der Rest der Bewohner des Landsitzes, von der Herzoginmutter bis zum untersten Lakai, muss turbulente Zeiten erwarten. Wie es den Machern der Serie gelang, mit exzellenten Schauspielern die großen Zeitläufte im edel gerahmten Spiegel eines kleinen, doch für die englische Gesellschaft der Ära repräsentativen Kosmos abzubilden, sorgte für Rekord-Quoten.

          Rose Leslie (li.) und Siobhan Finneran in der mehrteiligen Serie

          In bester britischer Tradition

          Weil ein solches Phänomen nicht ohne Nörgler bleibt, füllten sich anschließend ganze Zeitungsseiten mit pingeligen Zurechtweisungen, wie, dass einmal eine falsche Strumpfhose (ohne Naht!) zu sehen gewesen sei, dass auf einem Dach eine Fernsehantenne und andernorts die doppelte gelbe Linie (absolutes Halteverbot) stehengeblieben seien, dass der Begriff „boyfriend“ seinerzeit angeblich noch unbekannt gewesen, diese oder jene Melodie noch nicht komponiert gewesen sei und was dergleichen historische Ungenauigkeiten mehr sind – wobei sich viele Einwände später als falsch herausstellten. Dem immensen Erfolg tat das keinen Abbruch, und nicht nur unter britischen Zuschauern trägt es ungemein zur Beruhigung bei, dass derzeit die Dreharbeiten zur zweiten Staffel in vollem Schwange sind.

          Im Mittelpunkt der ganzen Herrlichkeit steht der Herrschaftssitz Downton Abbey (in Wirklichkeit: Highclere Castle) sowie der daselbst residierende Earl of Grantham (Hugh Bonneville) und seine Frau Cora (Elizabeth McGovern). Das Paar, das einmal aus anerkannt guten Gründen zusammengefunden hat (Aristokrat mit Titel und kostspielig zu unterhaltendem Haus sucht Frau mit Vermögen) und einander in stetig wachsender Zuneigung verbunden ist, hat zwar bedauerlicherweise keinen Sohn und Erben, aber dafür drei Töchter in heiratsfähigem Alter: die hübsche, intelligente und kratzbürstige Mary (Michelle Dockery), Sybil, die unglückliche und missgünstige Mittlere (Jessica Brown Findlay), und Edith, die hochherzige, temperamentvolle Jüngste (Laura Carmichael).

          Niedergang einer bestimmten Lebensart

          Über die Familie präsidiert mit großer Geste des Herzogs verwitwete Mutter (Maggie Smith), während in Küche, Salons, Weingarten und Park der Butler Mr. Carson (Jim Carter) das würdevolle Sagen hat. Mindestens so sehr wie Seiner Lordschaft die Familie macht Carson die Dienerschar zu schaffen, die sich untereinander oder bei der Herrschaft anzuschwärzen sucht, wo zarte Romanzen, schlimme Eifersüchteleien und handfeste politische Überzeugungen wachsen und wo eine unerklärlich fehlende Schnupftabaksdose den Rang einer mittleren Katastrophe hat.

          „Downton Abbey“ ist ein prachtvoll inszeniertes costume drama als Wohlfühlfernsehen in bester britischer Tradition („Das Haus am Eaton Place“, „Wiedersehen mit Brideshead“, „Stolz und Vorurteil“): persönliche Schicksale in großer Kulisse und Kostüm wehmütig verwoben mit der nationalen Historie und dem unweigerlichen Niedergang einer bestimmten Lebensart und einem sozialem Gemeinschaftsgefühl. Nachdem die Serie für stattliche Summen und unter Begeisterungsstürmen in die Vereinigten Staaten und andere Länder verkauft wurde, durfte man gespannt sein, wer die deutschen Rechte erwerben würde.

          Dass es ausgerechnet Sky gelungen ist, könnte manchen bisherigen Ablehner des Bezahlsenders nun auf eine harte Probe stellen. Am morgigen Mittwoch sendet Sky die zwei ersten Episoden in Spielfilmlänge von jeweils neunzig Minuten zur prime time; am 27. Juli folgen Teil drei und vier. Offenbar hat man die sieben Folgen des Originals neu aufgeteilt und erzeugt so fast ein DVD-Gefühl. Wobei der Kauf der englischen DVD – allerdings ohne deutsche Synchronisation – immer noch günstiger wäre als ein Abonnement von Sky.

          Weitere Themen

          Nur nicht so herablassend

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps Schlamassel

          Mit dem Abschuss einer Drohne ist eine neue Stufe in der Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Islamischen Republik erreicht. Aus diesem Schlamassel gibt es keinen einfachen Ausweg.
          Sie sind international, weltoffen, ungebunden: Aber was wissen die liberalen Eliten noch vom Rest der Welt?

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.