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Im Fernsehen: Dominik Grafs Krimi-Epos : Reine Gefühle, pure Gewalt

Der Jüngling: Marek Gorsky (Max Riemelt, 2. v. li.), mit seinen Kollegen im Einsatz Bild: ARD/Julia von Vietinghoff

Ein Bravourstück von siebeneinhalb Stunden: Dominik Grafs Fernsehmehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ ist ebenso spannend wie bewegend und ein Fest für Schauspieler. Teil 1 läuft am Dienstag um 22 Uhr.

          3 Min.

          Bilder von märchenhafter Schönheit, wohl bewusst bis fast zur Kitschgrenze hin ausgekostet von Michael Wieswegs Kamera: So beginnt „Im Angesicht des Verbrechens“, das zehnteilige Fernsehepos von Dominik Graf, das uns von Dienstag an für zwei Wochen in seinen Bann schlagen wird. Eine junge Frau schwimmt und taucht nackt in einem idyllischen Waldsee, als Erzählerin in eigener Sache gibt sie auf der Tonspur in leicht gebrochenem Deutsch die Prophezeiung ihrer ukrainischen Großmutter wieder: „Kindchen, unter Wasser siehst du den Mann, den du liebst.“ Sie aber sieht auf dem Grund bloß einen verrotteten deutschen Panzer „aus dem großen vaterländischen Krieg“, bis das schöne Antlitz eines Jünglings endlich doch in den stillen Fluten erscheint. Über den See ziehen malerisch majestätische Wolken, zu hören ist schwermütiger Gesang.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dann die harte Fügung: Berlin aus der Totalen, ruckartig herangezoomt wird ein Wohnblock, in Großaufnahme nun wieder das Jünglingsgesicht, das dieses Mal nicht sanft erscheint, sondern, einem Passfoto gleich, nüchtern, entschlossen und etwas verlegen wirkt. Der Jüngling ist Marek Gorsky, ein Berliner Bereitschaftspolizist und Sohn jüdischer Einwanderer aus dem Baltikum. Mit drei Kollegen ist er unterwegs zu einem Einsatz im Wohnsilo: Ein Kleinkrimineller hat seine Haft nicht angetreten und soll nun festgenommen werden.

          Aber plötzlich kommt ein Leuchten über ihn

          Die beiden Anfangsszenen zeigen das Grundmuster von Grafs filmischem Großprojekt. Im Wechsel werden fortan immer wieder Sequenzen von berückend poetischer Privatheit und Passagen lakonischer Polizeiarbeit wie brutaler Bandenkriminalität zu sehen sein. Indem sie den im Berliner Mafiamilieu wohl gerade aktuellen Gewaltpegel illustrieren, muten uns der Regisseur und sein Drehbuchautor Rolf Basedow über siebeneinhalb Stunden hinweg schon einiges zu. Was sie aber strikt vermeiden, ist die Vermischung der Sphären.

          Hinreißend: Alina Levshin als die junge Ukrainerin Jelena

          Also wird das Verbrechen nicht ästhetisiert und damit verschönert, also dürfen die Liebenden und die Liebe rein, wahr und geheimnisvoll bleiben, gerade weil sie sich vom Schmutz, von der Rücksichtslosigkeit und all dem Gemeinen abzugrenzen verstehen, das sie umgibt. Das gilt keineswegs nur für die Hauptfiguren. Wenn etwa Nikolai (Vladimir Burlakov), ein kleiner Fisch aus einer der sich mal bekämpfenden, mal kooperierenden Brutalobrigaden, auf dem Weg zur Lagerhalle mit den geschmuggelten Zigaretten seinen Kumpeln von der neuen Braut erzählt, ist das zunächst so zynisch wie präpotent machohaft. Aber plötzlich kommt ein Leuchten über ihn und alles, was er nun in die Berliner Nacht hinausschreit und hinaussingt, ist ohne Lüge.

          Diese Rosen können nicht verwelken

          Es lohnt nicht, über die kriminelle Binnenhandlung rund um die Russenmafia, die Vietnamesen- und Türkengangs, die organisierte Prostitution und den Mädchenhandel, das Berliner LKA und dessen Maulwürfe sonderlich viel zu erzählen. Es reicht, dass die Geschichte in sich schlüssig und plausibel bleibt, also über die zehn Folgen hinweg trägt. Das ist ja nicht wenig. Selbst bei einem so vielerfahrenen und vielgelobten Regisseur wie dem 1952 geborenen Dominik Graf aber ist es mehr als erstaunlich, wie klug er seine Schauspieler ausgewählt hat und wie wundersam souverän er sie über die Marathonstrecke dieses Zehnteilers begleitet und geleitet. Auch für ihn, dessen Filmografie Dutzende von Titeln verzeichnet, war dieser Marathon eine Premiere. Desto sorgfältiger ist er zu Werke gegangen. Angesichts der peniblen, nie aber pedantischen Professionalität, die der Film in nahezu jeder Einstellung beglaubigt, nimmt es jedenfalls kaum Wunder, dass eine mitproduzierende Firma finanziell in die Knie ging und das finale Gelingen sich letztlich den öffentlich-rechtlichen Gebühren verdankt.

          „Im Angesicht des Verbrechens“ ist zu allererst ein Schauspielerfilm, genauer - ein Film für Rollenpaare. Der jungenhafte Max Riemelt als Polizist Marek Gorsky, Ronald Zehrfeld als sein Muskel- und Verstandespartner Sven Lottner: schlicht überzeugend. Marek und die engelsgleiche, aus dem Waldsee der Ukraine nach Berlin gelockte Jelena (Alina Levshin): hinreißend. Nicht minder großartig Marie Bäumer und Misel Maticevic als jüdisch-russisches Ehepaar zwischen Mafiagehorsam und Existenztreue. Sehr dankbar ist es nicht, was Uwe Preuss und Ulrike C. Tscharre als schwarze Schafe des LKA so alles anstellen müssen, aber sie stellen das Undankbare bestens dar. Als Solist brilliert Ryszard Ronczewski: Er ist Mareks ziemlich undurchschaubarer, dafür höchst lebensweiser Onkel aus Odessa. Den Märchenbildern des Anfangs fügt die Kamera Szenen von oft bestechender Prägnanz hinzu - die Rosen etwa, die Wiesweg für Marie Bäumer regnen lässt, können gar nicht verwelken.

          Vor eineinhalb Jahren strahlte das ZDF Soeren Sveistrups Zehnteiler „Kommissarin Lund“ aus. Er war von der ersten bis zur letzten Minute nahezu unerträglich spannend, bestach gleichermaßen durch psychologische Stringenz wie ästhetische Meisterschaft. Auf absehbare Zeit wird „Kommissarin Lund“ deshalb der Maßstab für Fernsehmehrteiler bleiben. Wenn man von Dominik Grafs Berlin-Epos sagt, es reiche fast an Sveistrups Geniestreich heran, so kommt das einer Verneigung gleich.

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