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Im Fernsehen: „Die Akte Gysi“ : Stasi? Schwieriges Thema

Spricht über alles gerne, nur nicht über die Stasi: Gregor Gysi Bild: ASSOCIATED PRESS

Ein Anwalt und seine Mandanten: Der Film „Die Akte Gysi“ handelt von einem Politiker, der sich gern von seiner Schokoladenseite zeigt. Kontake zur Stasi, sagt der Vorsitzende der Linksfraktion heute, habe er damals einfach nicht gebraucht.

          Diesen Satz haben wir im Fernsehen doch gerade erst gehört: Er werde „es weder zeitlich noch inhaltlich schaffen, für das Interview zur Verfügung zu stehen. Wir bitten Sie diesbezüglich um Verständnis.“ Derjenige, der da absagt, ist nicht der AWD-Gründer Carsten Maschmeyer, um dessen brillante politische Verbindungen es in der vergangenen Woche im ersten Programm ging (siehe auch: Nachspiel zum Maschmeyer-Film: Ihre Frist läuft nur bis Mitternacht!). Und es ist auch nicht der „Panorama“-Reporter Christoph Lütgert, dem sich der Angefragte verweigert.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es sind Silke König und Hans-Jürgen Börner. Sie haben es abgesehen auf den Talkshowrepräsentanten der Linkspartei schlechthin: Gregor Gysi. Mit ihm wollten sie über seine Zeit und sein Wirken als Anwalt in der DDR und über die Stasi sprechen. „Die Akte Gysi“ heißt ihr Film.Das Stück muss also ohne eine aktuelle Stellungnahme des Betroffenen auskommen, Verständnis muss man dafür in Gysis Fall genauso wenig wie in der Causa Maschmeyer haben. Es stellt sich vielmehr der Eindruck ein, hier werde versucht, Berichterstattung durch Schweigen oder Ausreden zu ersticken.

          Dabei ist Gregor Gysi sonst so beredt. „Souverän, witzig und charmant“, so kenne man ihn aus Talkshows, sagen die Autoren des Films, denen es um die Kehrseite des Phänomens Gysi geht. „Wie aus einem willigen Helfer des DDR-Systems ein populärer, gesamtdeutscher Politiker wurde“, wollen sie der Ankündigung nach zeigen. „Und wie er trotz aller Stasi-Vorwürfe noch immer als Stimme der Benachteiligten und Unterdrückten hofiert wird“ - ein Mann „im Spannungsfeld von inszenierten Auftritten und bedrückenden Stasi-Akten“.

          Alerter Tausendsassa

          Statt Gysi sprechen nun andere, Andrej Bahro etwa, der Sohn des verstorbenen Dissidenten Rudolf Bahro, den Gysi als Anwalt vertrat. Katja Havemann, die Witwe des Schriftstellers Robert Havemann, kommt zu Wort, Marianne Birthler, die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die SED-Forscher Hubertus Knabe und Manfred Wilke, der Autor Lutz Rathenow, der Künstler Thomas Klingenstein und der Vater eines jungen Mannes, der von einem Stasi-Wachbeamten erschossen wurde. Sie zeichnen ein anderes Bild von dem Mann, den wir heute als alerten Tausendsassa kennen. Bei diesen Schilderungen geht es um den Anwalt, es geht um die Stasi, und es geht um die Frage, warum diese so genau über Gysis Mandanten Bescheid wusste. Es geht um „IM Gregor“, um „IM Notar“, um deren Stasi-Berichte und die Frage, von wem sie in welcher Weise verfasst wurden.

          Vor dem Bundestag hat Gregor Gysi dazu einmal Folgendes gesagt - wir sehen es im Film: „Ich brauchte keine Kontakte zur Staatssicherheit. Sie waren gar nicht nötig, entsprachen weder meinem Stil noch meiner Würde. Ich war damals schon so souverän wie heute.“ Der SED-Fachmann Wilke muss darüber nur lachen. Denn Gysi habe damit gesagt, so sieht es zumindest Wilke, dass er kein Spitzel sein musste, „was er aber in manchen Fällen doch offenkundig war“. Hubertus Knabe meint, dass Gysis enger Umgang mit der SED-Spitze ihn in der Frage der Stasi-Kontakte eher be- denn entlaste.

          Kein Verständnis

          Die Befragten sind allesamt auf der Hut, schließlich ist bekannt, dass der Anwalt Gysi sich juristisch gegen Äußerungen verwahrt, in denen er als Mitarbeiter der Stasi bezeichnet wird. Am deutlichsten bezieht Thomas Strobl Stellung, der Vorsitzende des Immunitätsausschusses des Deutschen Bundestags. Er zitiert die Stellungnahme des Ausschusses in Sachen Gysi und Stasi - und diese ist eindeutig.

          „Wir wollten ein Interview mit Gregor Gysi“, heißt es am Ende des Films von Silke König und Hans Jürgen Börner, dem ehemaligen DDR-Korrespondenten. Börner hat die Stasi seinerzeit ausgiebigst observiert, auf 1800 Seiten in 68 Bänden konnte er nachlesen, wie ihm der DDR-Unterdrückungsapparat nachgestellt hatte. Ob es sich für Gregor Gysi nicht gelohnt hätte, mit jemandem wie Börner zu sprechen? Ging halt nicht, hören wir, man möge Verständnis haben. Nein, muss man nicht. Die Reporter müssen es nicht, und wir müssen es auch nicht. Eines aber soll man, vielleicht muss man es sogar: „Die Akte Gysi“ sehen.

          Gysi erwirkt einstweilige Verfügung

          Wegen der Stasi-Dokumentation „Die Akte Gysi“ hat Gregor Gysi eine einstweilige Verfügung gegen den NDR erwirkt. Das Gericht habe zwei Sätze einer im Internet veröffentlichten Ankündigung des Beitrags moniert, in der es um angebliche Stasi-Kontakte des früheren DDR-Anwalts Gysis geht, sagte der für den Beitrag verantwortliche NDR-Redakteur Kuno Haberbusch. In der Fernseh-Dokumentation würden jetzt auch an zwei, drei Stellen leichte Änderungen vorgenommen. Der NDR dürfe nun unter anderem nicht mehr behaupten, dass Gysi die Staatsräson oft wichtiger gewesen sei als das Schicksal seiner Mandanten.

          (dpa)

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