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Im Fernsehen: „Der tödliche Befehl“ : Der Oberst und seine Order

Der Anfang der Geschichte: Taliban halten die Tanklaster auf, die wenig später in Flammen aufgehen werden Bild: ZDF/Tim Rostock

Der Angriff auf die Tanklaster bei Kundus im September vor zwei Jahren war die folgenreichste militärische Einzelhandlung in der Geschichte der Bundeswehr. Sie führte vor Augen, was es bedeutet, eine Armee in den Krieg zu schicken. Das zeigt jetzt ein Film im ZDF.

          Zehn Tage nach dem Luftschlag vom 4. September 2009 auf zwei von Taliban entführte Tanklastwagen besuchte eine kleine Gruppe aus Berlin mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr das deutsche Feldlager in Kundus. Der Kommandeur des dortigen „Regionalen Wiederaufbauteams“ (PRT), Oberst Georg Klein, hatte den Angriff durch zwei amerikanische Kampfflugzeuge befohlen, durch den, wie man heute weiß, mehr als hundert Menschen getötet oder schwer verwundet worden sind, die meisten von ihnen keine Talibankämpfer und einige noch im Kindesalter. Die Stimmung im Feldlager war gedrückt damals, aber zugleich war eine unterschwellige Wut zu spüren. Wut auf die Heimatfront, wo über den Tod von Taliban und vermeintlichen Benzindieben diskutiert werde statt darüber, dass die eigenen Leute in kriegsähnliche Feuergefechte geschickt werden - die selbst aber das Gefühl hatten, ihnen sei im Kampf durch restriktive Einsatzregeln und zu leichte Bewaffnung „ein Arm auf den Rücken gebunden“.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Unbestreitbar war es die folgenreichste militärische Einzelhandlung in der Geschichte der Bundeswehr, was die Zahl der Toten betrifft, aber auch die politischen Folgen. Ein Minister musste zurücktreten, Franz Josef Jung (CDU), ferner ein Staatssekretär und der Generalinspekteur, und ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet. Dessen (eigentlich geheime) Protokolle hat nun das ZDF einer Rekonstruktion zugrunde gelegt: Was mag sich in der Einsatzzentrale abgespielt haben, in der die verhängnisvolle Entscheidung zu dem Feuerbefehl getroffen wurde?

          Zentrale Rolle des Informanten

          Trotz der Genrebezeichnung „Doku-Drama“ gelingt es den Autoren Mathis Feldhoff und Andreas Huppert, den Film von unsinnigen Actionszenen oder überfrachteten Dialogen freizuhalten. Spielszenen werden kombiniert mit Interviews wichtiger Zeitzeugen: der ehemalige Nato-General Egon Ramms, der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour, einer der beiden Fahrer, der überlebt hat und im Ausschuss gehört wurde, sowie der damalige Verteidigungsminister Jung. Zwischengeschnitten sind Nachbildungen der schwarz-weißen schematischen Wärmebilder der Flugzeuge und dokumentarische Bilder.

          Die Tanklastzüge haben sich festgefahren. Der Taliban bedroht den Fahrer mit seiner Waffe

          Nachgespielt werden Szenen von drei Schauplätzen. Da sind die Tanklaster, die von Talibankämpfern gekapert und umdirigiert werden, bis sie auf einer Sandbank im Kundus-Fluss steckenbleiben. Der einzige Zeuge hierfür ist der Fahrer. Im Mittelpunkt steht das Geschehen in der Operationszentrale der „Task Force 47“, einer Spezialkräfteeinheit, die innerhalb des PRT für Schutz, aber auch offensive Maßnahmen gegen Aufständische zuständig ist. Dort stand ein Empfängergerät, auf dem Oberst Klein (Götz Schubert) die Wärmebilder der amerikanischen Flugzeuge über der Sandbank ansehen konnte. Außerdem war ein Hauptmann dieser Task Force (gespielt von Thomas Anzenhofer) der Verbindungsoffizier, der Kontakt zu einem afghanischen Informanten am Boden hatte. Dieser Informant hatte eine zentrale Rolle, er war es, der den Militärs immer wieder versicherte, am Schauplatz befänden sich ausschließlich Taliban (obwohl er das gar nicht mit eigenen Augen sehen konnte, wie später bekannt wurde). Schließlich wird die Befragung von Oberst Klein im Untersuchungsausschuss nachgespielt.

          Bruch der Nato-Regeln

          Während die Gespräche in der Operationszentrale nach den verschiedenen und teils auch unterschiedlichen Aussagen der Protagonisten rekonstruiert wurden, sind die Dialoge im Ausschuss direkt dem Protokoll entnommen. Es entsteht das Bild einer ruhigen, sachlichen, konzentrierten Befragung - ein Bild, das mit dem Gebaren der Abgeordneten in den wenigen öffentlichen Sitzungen des Untersuchungsausschusses leider gar nicht übereinstimmt. Aber als Klein vernommen wurde, so erinnern sich Teilnehmer der Sitzung, sei es tatsächlich ausnahmsweise so gewesen.

          Der Film versagt sich eine eindimensionale Deutung des Geschehens vom 4. September. Weder wird die unsägliche Vorverurteilung eines „Spiegel“-Titels übernommen, der den Luftschlag implizit in eine Reihe mit Greueltaten der Wehrmacht stellte („ein deutsches Verbrechen“), noch werden die Soldaten von jeder Schuld freigesprochen. Die verschiedenen Facetten kommen vor: der immense Druck, der auf Klein lastete, die tatsächliche Bedrohung der ihm anvertrauten Soldaten, die scheinbare Gewissheit, dass da unten nur feindliche Kämpfer stehen, der Mangel an Alternativen, weil starke Bodentruppen nicht verfügbar waren, und die auf Klein gerichteten Blicke der Männer in der Operationszentrale, die stumm sagen, jetzt tu doch etwas - einerseits. Aber auch der klare Bruch der Nato-Regeln, das Lavieren Kleins, wenn es um den Auftrag der Task Force 47 ging, und die fadenscheinige Begründung, warum die Kampfflieger die Menge nicht durch drohende Tiefflüge zerstreuen sollten („das bringt doch nichts mehr“).

          Afghanistan hat die Bundeswehr mehr verändert als alle Reformen der letzten Jahre. Deshalb passt „Der tödliche Befehl“ in diese Woche. Nicht nur wegen des zurückliegenden 4. September, sondern mehr noch wegen des bevorstehenden Jahrestags des 11. September 2001, dessen Terrorangriffe der Ausgang all dessen waren.

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