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Im Fernsehen : Am Ende der Nacht wartet Schlafes Bruder

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Monica Bleibtreu und Willem Menne entfliehen der Tristesse des Altenheims Bild: © ZDF/Gisela Köhler

Es gibt viele Arten des Todes. Ulrike Grotes Film über das Sterben und seine Begleitumstände macht einfühlsam mit ihnen vertraut. Der Film ist auch das Vermächtnis der kürzlich verstorbenen Monica Bleibtreu für ihr Publikum.

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          Sieben Menschen begleitet der erste abendfüllende Spielfilm von Ulrike Grote durch die Nacht. Er schaut ihnen von ganz nah zu, wie sie sich auf den Abend vorbereiten, wie sich im Lauf der Nacht ihre Wege im Städtischen Krankenhaus kreuzen, parallel weiterlaufen oder auseinanderdriften, und er bezeugt, wie einige von ihnen am Morgen die Besen schwingen, um hinter denen aufzukehren, die in der Dunkelheit auch im übertragenen Sinn die Orientierung verloren haben.

          „Was wenn der Tod uns scheidet?“ heißt das Debüt, in dem Ulrike Grote Regie führt und zu dem sie mit Ilona Schultz das Buch geschrieben hat, und man kann die Frage nicht anders als rhetorisch verstehen. Dass der Tod uns scheidet, liegt in seiner Natur. Einer muss gehen, einer oder mehrere bleiben. Ernsthaft nachdenken lässt sich nur über den Zeitpunkt. Dass es ein zu früh gibt, scheint jedem klar; aber dass auch ein zu später Zeitpunkt den Hinterlassenen schwer zusetzen kann, zeigt dieser Film, der in vielen Variationen den Begriff Sterbebegleitung auslotet. Und der durch Begleitumstände zu einem Vermächtnis geworden ist, das zur Feier jedes einzelnen Tags auffordert.

          Der Tod als Bekannter

          Sieben Menschen sehen sich in „Was wenn der Tod uns scheidet?“ in die Rolle von Sterbebegleitern und Todeswächtern versetzt, und dennoch ist der Film, der stellenweise seine Geschichten poetisch überhöht und mit Bildmitteln des magischen Realismus von übermäßig drückender Erdenschwere befreit, trotz seines nächtlichen Schauplatzes kein dunkler, kein pessimistischer Film. Stellenweise ist er sogar saukomisch. Er macht mit dem Tod wie mit einem alten Bekannten vertraut, der lang nicht zu sehen war, den aber auch keiner vermisst hat. Einige seiner Erscheinungen sind schrecklich oder schwer zu ertragen.

          Es gibt den Tod als Verwaltungsfall und den Tod als persönlichen Affront. Auch die Demenz, das Schwinden der Erinnerung ist eine Art Tod, die der Film schmerzhaft genau zeigt, doch der Tod kann hier auch als (nichtreligiöser) Gnadenakt auftreten und als Frage an die Menschenwürde. Am Ende jedoch bleibt sein Auftritt so absurd wie unerklärlich.

          Jede Nacht arbeitet sich die Ärztin Nele (Janna Stribeck) im Kampf mit dem Tod seelisch wund und ist dabei gegen die Patienten so fühllos geworden wie gegen sich selbst. Sie führt Schläuche durch Schlunde, die längst nichts mehr schlucken wollen, und verweigert Todkranken höhere Morphiumdosierungen: „Sie könnten sonst sterben, hören Sie?“ Ihr Mann Paul (Eckhard Preuss) sucht auf andere Weise, den Schmerz über den Tod des gemeinsamen Kindes zu betäuben. Er hat eine Affäre mit der dreifachen Mutter Sophie (Naomi Krauss). Ihre Verabredung im Hotel endet abrupt, als Sophie unter der Dusche zusammenbricht und mit Verdacht auf Hirnblutung in Neles Nachtschicht landet. Sophies Mann Joachim (Ulrich Noethen), ein umtriebiger Auslandskorrespondent, findet sich statt auf dem Flug nach Irak unversehens zusammen mit dem Nebenbuhler am Bett der Frau, die eben noch befürchtete, schwanger zu sein, und jetzt erfährt, dass ein Hirntumor ihr kaum noch Zeit lässt, persönliche Angelegenheiten zu regeln. Krankenschwester Birte (Annedore Kleist) dagegen ist es leid, den Pfleger Hanns (Peter Jordan) zu decken.

          Der glänzt durch Abwesenheit, weil er sich um seine demenzkranke Mutter Marie (Monica Bleibtreu) kümmert. Für ein Altenheim mit tristem Ausblick (auf einen Friedhof) hat er sich schweren Herzens entschieden, kommt aber wegen einer aus Vergesslichkeit Maries in Brand geratenen Pfanne nicht dazu, selbst mit seiner Mutter zu reden. Die findet den unterschriebenen Vertrag und packt empört ihre Koffer, wird aber aufgehalten durch den Witwer Fritz (Willem Menne), einen Selbstmörder in spe, den sie in einem lichten Moment zum Überleben ins Krankenhaus bringt.

          Bleibtreus Vermächtnis

          So wenig „Was wenn der Tod uns scheidet?“ ein verzweifelter Film über das Faktum des Todes ist, so sehr ist er der Film der kürzlich verstorbenen Monica Bleibtreu. Und auch wenn jetzt erst auffällt, in wie vielen ihrer jüngsten Filme die Schauspielerin in Rollen zu sehen war, in denen sie ihre letzten Dinge geregelt hat - und zu diesen letzten Dingen gehören jetzt eben Filme wie „Marias letzte Reise“ und „Die zweite Frau“, in denen ihre Figur jeweils selbst an Krebs stirbt, und „Ein starker Abgang“, in dem sie dem krebskranken Schriftsteller, den Bruno Ganz verkörpert, beim Sterben hilft - so ist „Was wenn der Tod uns scheidet?“ doch in besonderer Weise als Monica Bleibtreus Vermächtnis für ihr Publikum anzusehen.

          Weit davon entfernt, die komische, demente Alte zu spielen, gibt sie ihrer Marie Dunkel dem sprechenden Namen zum spitzbübischen Trotz doch so viel morbiden schwarzen, wienerischen Humor mit auf den Weg ins Vergessen, dass man in tieftraurigen Szenen des Films - etwa wenn sie den hilfsbereiten Nachbarn, der ihr die Einkäufe tragen will, mit Stockschirmschlägen vertreibt - lachen will, bis der Arzt kommt. Ihre Marie mag sich skurril verhalten - sie bleibt eigentümlich logisch, zielstrebig und unsentimental. Und wer sie am Morgen mitten im Chaos des ramponierten Krankenhauses im Nebenbett des Selbstmörders wiederfindet, um sie verwundert und angeekelt zischen zu hören: „Gemischtes Gemeinschaftsheim - Na, der kann was erleben!“, der sieht, was große Schauspielkunst zeigt: dass das Sterben wie das Leben tragische und komische Momente hat und dass es unsere Aufgabe ist, sie in jedem Augenblick genau wahrzunehmen.

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