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Im Ersten: „Der andere Junge“ : Hinter den schwedischen Gardinen des Fertighauses

Überraschung: Peter Lohmeyer, Andrea Sawatzki und Willi Gerk in „Der andere Junge” Bild: NDR/Bernd Meiners

Verlierer sind hier alle, und schlimmer noch, alle machen sich schuldig: Die ARD zeigt am Mittwoch um 20.15 Uhr die Mittelstandstragödie „Der andere Junge“ mit Andrea Sawatzki als hilflos verklemmter Mutter und Peter Lohmeyer als ewig ängstlichem Vater.

          Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Die Verfilmung dieses zutiefst pessimistischen Gedankens von Friedrich Dürrenmatt lässt sich an diesem Mittwochabend in der ARD neunzig Minuten lang betrachten, und es zeugt tatsächlich von einer ordentlichen Portion Wagemut, dass der Sender dieses 2007 entstandene Filmdrama zur besten Zeit ausstrahlt. „Der andere Junge“ entfaltet seine Katastrophen so unaufhaltsam wie die griechische Tragödie, ja sogar ein Kirchenchor kommt hier vor, der das schreckliche Geschehen wie im antiken Theater stimmgewaltig kommentiert, aber dann leider doch nicht beeinflussen oder aufhalten kann.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Erzählt wird die Geschichte zweier befreundeter Mittelschichtfamilien aus der Hamburger Vorstadt. Das Drehbuch von Lothar Kurzawa, das Volker Einrauch in dieser Kino-Koproduktion als Low-Budget-Film verfilmt hat, kennt keine Helden. Verlierer sind hier alle, und schlimmer noch: alle machen sich schuldig. Opfer werden Täter, wodurch Täter wiederum zu Opfern werden. Und wer den Versuch wagt, noch etwas retten zu wollen, wo nichts mehr zu retten ist, der stürzt seine Lieben erst recht ins Verderben. Einen positiven Gegenentwurf oder auch nur eine Figur, die für Hoffnung steht, sucht man vergebens. Die Stoßrichtung ist eindeutig: Es wird alles nur immer schlimmer.

          Die Eltern lösen die wahre Katastrophe aus

          Die Väter der Familien Morell und Wagner sind Kollegen – und Rivalen – in einer Firma für schwedische Fertighäuser, und sie sind Freunde, die sich mit den Ehefrauen regelmäßig zum Doppelkopf treffen. Dass sich zwischen den beiden Söhnen Robert Morell (Willi Gerk) und Paul Wagner (Tim Oliver Schultz) gleichzeitig ein Verhängnis anbahnt, weil Paul, ein selbstherrlicher, zur Gewalt neigender Jugendlicher, den jüngeren Mitschüler regelmäßig abzieht, bekommen die Eltern nicht mit. Durch Unwissenheit gedeckt, kassiert Paul Roberts neues Fahrrad ein, oder aber er schmeißt dessen Schulranzen in einen vorbeifahrenden Laster.

          Paul ist gewalttätig, so scheint es, einfach deshalb, weil er es kann, ihn niemand aufhält, auch der zunehmend traumatisierte Robert nicht, der von Haus aus ohnehin schüchtern ist. Als Robert wieder einmal von Paul gequält wird – die Szenen sind wirklich erschütternd –, an diesem Nachmittag sogar mit einer Waffe, erschießt das Opfer in seiner Not den Peiniger. Als wäre dies nicht schon schlimm genug, versuchen Pauls Eltern, die Tat zu verbergen, indem sie die Leiche verschwinden lassen. Großartig und gegen den Strich spielt hier Andrea Sawatzki, die dafür beim Filmfest in Montreal geehrt wurde, als hilflos verklemmte Mutter neben Peter Lohmeyer als ewig ängstlichen Vater.

          In der Lesart des Films lösen die Eltern die wahre Katastrophe aus. Denn sie werden anders als ihr Sohn Robert nicht von Selbstschutz getrieben. Ihnen geht es nur um den Ruf und die Reputation. Mit der Vertuschung der Tat aber lösen sie eine Kettenreaktion aus, an deren Ende kein Stein mehr auf dem andern steht. Das ist hart anzuschauen, aber auch in der Antike war es ja bekanntlich die Tragödie, die zur Katharsis führte, leider für einige immer zu spät.

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