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Im Doppelpack (2) : Die drei Nutzsignale des Harald Schmidt

  • -Aktualisiert am

Ernie und Bert aus der „Sesamstraße” sind die Vorlage: Heute geht es um Harald Schmidt Bild: André Laame

Er ist der geborene Einzelgänger. Deshalb waren die Zweierteams, in denen er bisher auftrat, auch eher eine Camouflage. Harald Schmidt ist die Burg, die ihren Wassergraben gleich mitbringt.

          Warum ist die Konstellation Sherlock Holmes und Dr. Watson interessanter als Paola und Kurt Felix? Vermutlich doch deshalb, weil darin jener fies ungerechte, der Menschheit aber einfach nicht auszutreibende Drang einer Differenzierung in oben und unten enthalten ist. Hierarchien sind nun einmal interessanter als Klonschafe. Der telegene Euphemismus für diese Art von Winner-Loser-Beziehung lautet „Sidekick“: Eine Figur dient lediglich als Handlanger der anderen.

          Je wörtlicher man „Sidekick“ versteht – also in Richtung Fußabtreter –, desto höher die Einschaltquoten. Schließlich schlummert in jedem Zuschauer, wie sublimiert auch immer, der dekadente Römer, der blutgierig in der Arena sitzt. Die Demütigungspsychologie lehrt, dass besonders jene, die sich selbst erniedrigt fühlen – und das sind in der modernen Arbeitswelt ja eigentlich alle –, die Erniedrigung von Dritten genießen. Ja, ohne diesen Dritten, so der Philosoph Michel Serres, gebe es überhaupt keine Kommunikation: Er entspreche dem zwischen Sender und Empfänger befindlichen Grundrauschen des Kanals in der Kommunikationstheorie und stabilisiere das gesamte System. Bei Serres heißt der Dritte übrigens „Parasit“, was die starke Abwehr schon impliziert.

          Manuel Andrack wirkte bei alldem unfassbar nett

          Gerade Einzelgänger sind also gern als vermeintliches Duo unterwegs: eine Burg, die ihren Wassergraben mitbringt, der freilich weniger dem Abhalten der Feinde dient als der eitlen Selbstbespiegelung. Der radikalste Einzelkämpfer im deutschen Fernsehen war und ist Harald Schmidt. Dass man ihn vor Urzeiten als Nachfolger des Bärchenpärchens Felix bei „Verstehen Sie Spaß?“ ins Rennen schickte, konnte wohl nur als Test aufgefasst werden, ob das angestammte Publikum Spaß verstand (verstand es nicht!). Der Versuch musste jedoch kommunikativ schon deshalb scheitern (will sagen: langweilen), weil der diskursstabilisierende Fußabtreter fehlte. Ein Patzer, der Dirty Harry sonst selten unterlief: Bereits in der Sendung „Schmidteinander“ im WDR plazierte er den spießigen Humorbeamten Herbert Feuerstein an den Katzentisch: Feuerstein durfte Schmidts Interviewgästen die Getränke aus dem Kühlschrank holen und ansonsten das Pointenfeuerwerk des „Hauptkick“ bewundern.

          Verstehen Sie Harald Schmidt noch? Das Grundrauschen des Moderators und Schauspielers wird immer lauter

          In der „Harald Schmidt Show“, nun bei der Privatkonkurrenz Sat.1, setzte der Kyniker aus Nürtingen anfangs auf einen unsichtbaren und auch sonst fiktiven, damit aber auch allzu duldsamen Horst, bevor ihm dann dreizehn Jahre lang – bis in die ARD-Ära hinein – der stets geprügelt aussehende und heute manisch-kompensativ durch die Pfalz wandernde Manuel Andrack als pfötchengebender Dauerpraktikant zur Seite saß. Nach Belieben ließ sich diesem das Wort erteilen und entziehen. Beflissen belachte er alle Witze des Meisters, bestärkte jede steile Ansage mit „absolut“ und „ganz genau“, machte sich auf Zuruf zum Affen, indem er sich etwa am Aufbau eines Billy-Regals versuchte – und wirkte bei alldem unfassbar nett. Andrack war das geradezu perfekte Rauschen des Kanals. Exakt so müssen sich das die Medientheoretiker Shannon, Weaver, Kittler vorgestellt haben. Hier konnte sich das „Nutzsignal“, dessen Qualität sich nach dem „Signal-Rausch-Abstand“ bestimmt, ideal abgrenzen. Und in der Tat: Nie war die Sendung besser.

          Die Misere geht tiefer

          Dass Schmidts anschließendes Experiment mit Oliver Pocher schiefging, hatte gleich zwei Gründe: Ungünstig war schon die Ausgangsidee eines zweiten Nutzsignals, denn formal war Pocher gleichberechtigt. Das ignorierte Schmidt jedoch großzügig. Allerdings unkte sein Kompagnon auf so schlichtem Niveau herum, dass er nicht einmal für die Rolle des gedemütigten Dritten taugte: zu dumm zum Rauschen. Für alle, die die Andrack-Phase kannten, wirkte es, als hätte man nach dem Tod eines Wellensittichs dem überlebenden Partner ein Plastikexemplar in den Käfig gesetzt, traurig eben. Schmidt ohne Pocher war dann eine Befreiung, aber trotzdem eher Selbstgespräch als Rausch.

          Ein klarer Fall für die Partnervermittlung, sollte man denken. Es müsste sich doch ein Geprügelter-Hund-Charakter finden lassen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Doch die Misere geht tiefer: Das Grundrauschen hat inzwischen eine solche Lautstärke angenommen, ja, mit einer solchen Überzeugung wird gerauscht, dass die Zeit der Nutzsignale wohl überhaupt vorüber ist. Der meistbefeuilletonte Kanalarbeiter in Deutschland, der sich immerhin sieben verflixte Jahre durch die ARD kickboxte, verlässt das düstere Gremienreich (nennen wir es Mittelmerde) durch die Hintertür, um es – in leichter Verzweiflung – noch einmal da zu versuchen, wo er einst Andrack fand, also bei Sat.1. Das Verwunderlichste daran ist, dass dieses Ende des einzigen echten Experiments des öffentlich-rechtlichen Fernsehens neueren deutschen Zuschnitts, Talk als Kommunikation mit dem Zuschauer aufzufassen und nicht als selbstgefälliges Zuquatschen desselben, so gut wie keine Reaktionen in den Feuilletons auslöste. Man erwartet einfach nichts mehr.

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