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Illegalität und Zuwanderung bei „Anne Will“ : Welchen Flüchtling hätten Sie denn gern?

  • -Aktualisiert am

In Deutschland gibt es nicht nur Eiseskälte: Arnulf Baring sorgt für eine unsentimentale Diskussion Bild: picture-alliance/ dpa

Dem Migrationsforscher Klaus J. Bade verdankt die „Anne Will“-Sendung zum Thema „Illegale in Deutschland: Welche Zuwanderer wollen wir?“ eine wichtige Unterscheidung. Dem Historiker Arnulf Baring verdankt sie eine Diskussion, die weder gefühlskalt noch zu gefühlslastig war.

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          Arnulf Baring ist eine Wucht. Das muss man einfach mal so schreiben. Natürlich kann auch Rupert Neudeck eine Wucht sein. Vermutlich finden sich auch Leute, die das über Katrin Göring-Eckardt sagen, immerhin Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland. An diesem Abend aber ist Arnulf Baring, Historiker und Anzugträger, eine Wucht. Fast im Alleingang sorgt er dafür, dass die „Anne Will“-Sendung zum Thema „Illegale in Deutschland: Welche Zuwanderer wollen wir?“ nicht zu jener gefühlslastigen, mit den Werkzeugen des Volkspädagogen durchdidaktisierten Fortsetzung des „Tatorts“ gerät, als die sie konzipiert wurde.

          Zugegeben, die „Anne Will“-Redaktion hat dieses Bremsmanöver eingefädelt. Dass Arnulf Baring sich in einem Interview schon einmal gegen die „Sentimentalisierung“ der Einwanderungspolitik aussprach, bringt zunächst einer dieser Einspielfilme in Erinnerung (von denen Baring später sagen wird, er könne mit ihnen grundsätzlich nichts anfangen).

          Baring aber kennt die dramaturgischen Kniffe des Metiers. Er kneift die Augen zusammen. Legt die Stirn in Falten. Und pffffffff, diesmal ist es passiert: verpufft ist die pauschalierende Weltbeglückungs-Rhetorik, mit der Katrin Göring-Eckardt eben noch den Eindruck erweckt hat, als seien deutsche Gerichte schwer ahnungslos, ja als gäbe es in Deutschland überhaupt bloß eisige Kälte und sonst nichts.

          Ärzte, Altenpfleger, Tänzer

          Denn Arnulf Baring ist kein gefühlskalter Mensch. Auch ihn nahm das Schicksal der „Unsichtbaren“ mit, als eben der „Tatort“ von ihm erzählte. Nur denkt Baring, wenn es um die Zuwanderung geht, eher in wirtschaftlichen Katagorien, darin Rupert Neudeck nicht unähnlich, der mit Blick auf die Entwicklungshilfe und den Flüchtlingstreck nach Europa sagt: „Wirtschaft ist das Schlüsselwort.“

          Ein „Leben im Optativ“, hält Baring daher Göring-Eckardt entgegen, je emsiger sich die zum Anwalt aller Hoffnungsuchenden stilisiert („Menschen können nicht illegal sein“), könne sich ein Staat mit seinen begrenzten Mitteln nicht leisten. Vielmehr bedarf es einer „vernünftigen“, am „ökonomischen Nutzen“ der Zuwanderer orientierten Politik. Und das heißt angesichts des sich abzeichnenden Arbeitskräftemangels: Her mit den Ärzten unter den „Illegalen“, den Krankenschwestern, den Altenpflegern. Oder den Tänzern, warum Baring auch immer auf die Tänzer gekommen sein mag.

          Integrationsdebatte? Ein andernmal

          Fast drei Millionen Arbeitskräfte, rechnet Klaus J. Bade vor, der Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, könnten Deutschland im Jahr 2015 fehlen. Auch er tut dieser Sendung gut. Nicht nur weist er bereits früh auf eine andere Tendenz: Die Zahl der „Unsichtbaren“ (400.000 sollen es derzeit sein) falle „steil“ nach unten. Nicht nur erinnert er daran, dass man sich Flüchtlinge auch künftig nicht aussuchen könne (Zuwanderer hingegen schon). In seiner ruhigen Art kann er vor allem erklären, warum sich Deutschland, der reformbedürftige Sozialstaat, bei der Erarbeitung seiner Zuwanderungspolitik nicht einfach an Kanadas Punktesystem orientieren kann: „Wenn Sie in Kanada einen Herzinfarkt haben, suchen Sie lieber ein Taxi als ein Krankenhaus. Dort finden Sie die Ärzte.“ Gesucht wird ein System, das den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts gerecht wird.

          Als das klar ist und alle nicken, darf selbst Uwe Schünemann noch einen Vorschlag machen. In der ersten Hälfte der Sendung sollte der niedersächsische Innenminister den „Abschiebeminister“ geben; lieber warb er dafür, den „Unsichtbaren“ die Legalität schmackhaft zu machen und dem Rechtsstaat zu vertrauen. Jetzt macht er sich für diejenigen der Einwanderer stark, „die uns tatsächlich voranbringen“ - besonders die Kinder. Sie sollen, sofern gut integriert, unabhängig von den Eltern ein Aufenthaltsrecht bekommen. Und auch die Eltern dürften bleiben, bis zum 18. Geburtstag zumindest.

          Für einen Fernsehabend, der mit der Sorge um zwei Kinder im „Tatort“ begann: kein schlechtes Ende. Die Integrationsdebatte, die völlig unerwähnt blieb, kann man anderntags fortsetzen.

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