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Ich trete auf, also bin ich! : Die Gesellschaft der Beachtungsexzesse

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Sternschnuppen der Menschheit: Die Siegerin des diesjährigen Top-Model-Wettbewerbs, Alisar Ailabouni Bild: dpa

Noch nie waren in der Menschheitsgeschichte so viele Menschen „in den Medien“, um sich dort vorzuführen oder vorführen zu lassen. Auch der mögliche Preis, bei laufender Kamera vor einem Millionenpublikum verhöhnt zu werden, ist ihnen nicht zu hoch. Eine Zeitdiagnose.

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          Vielleicht ist Manuel Dörsam ein Aktionskünstler mit politischen Botschaften, vielleicht ist er einfach nur ein gewitzter Medienkritiker, der den Kampf um Aufmerksamkeit in der Casting-Gesellschaft mit subversivem Charme bloßzustellen vermag. In jedem Fall hat er in seinen unterschiedlichen Rollen eine ganze Menge zu sagen. Wenn man seinen Namen bei Google eingibt, also die moderne Form des Existenznachweises führt, entdeckt man die medialen Spuren eines vielseitigen Mannes.

          Das erste Zeitungsfoto, das man bemerkt, stammt aus dem Juni 2007, aufgenommen beim G8-Gipfel in Heiligendamm. Da steht er, mit einem Plastikgewehr, ein Protestplakat schwenkend, in einem von Wasserwerfern durchnässten Anzug: „Ich bin ein bewaffneter Aufstand!“ Anfang 2008 taucht er in Düsseldorf auf und demonstriert für Wolfgang Clement, der zu diesem Zeitpunkt gerade aus der SPD ausgeschlossen werden soll.

          Als Obama nach Berlin kommt, ist auch Manuel Dörsam vor Ort. Dieses Mal - das Foto wird vielfach gedruckt - im Gewand eines fröhlichen Hippies mit dem Plakat „Obama for Kanzler.“ In den Tagen, als die Bundesregierung das Rettungspaket für die Banken beschließt, landet Manuel Dörsam seinen entscheidenden Coup und liefert ein flottes Rollenspiel vor großem Publikum. Nun tritt er als selbsternannter Anwalt vor der CDU-Parteizentrale auf. Am Abend läuft in den „Tagesthemen“ ein Film über ihn, den Zehlendorfer Anwalt, der ein paar Minuten lang vor einem Millionenpublikum gegen die Verbrennung von Steuergeldern protestiert, das Gesicht hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen.

          Manuel Dörsam protestiert als selbsternannter Anwalt vor der CDU-Parteizentrale gegen die Verbrennung von Steuergeldern

          Sein heißt zuerst: medial stattfinden

          Dann fliegt er auf. Studierende der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel rufen beim „Spiegel“ an und enthüllen: Manuel Dörsam ist eigentlich Dirk Mirow, Kanzler ihrer Hochschule. Damit ist die Kunstfigur vorübergehend erledigt, der Schwindel fürs Erste vorbei - das Ende einer subversiven, letztlich medienkritisch gemeinten Show, die aber doch eines zeigt: Wer in der Casting-Gesellschaft bekannt werden will, der ist existenziell auf die öffentliche Wahrnehmung angewiesen.

          Sein heißt hier zuerst: medial stattfinden. Und man findet statt, indem man - je nach Format, je nach Publikum - das Gewünschte liefert. Geschichten, starke Bilder, Konflikte, illustrative Schicksale, Personen, die Spannung erzeugen, plakative Formulierungen, deutliche Wertungen. Und in dieser Hinsicht ist Manuel Dörsam keineswegs einzigartig oder besonders originell, sondern eher typisch. Denn um medial wahrgenommen zu werden, sind Menschen offenbar bereit, Erstaunliches zu tun. Manche knien vor einem Jury-Mitglied von RTL oder trümmern sich beim Casting eine Mini-Gitarre auf den Schädel. Eine Heidekönigin veröffentlichte einst die Ultra-Schall-Fotos ihres noch ungeborenen Kindes und referierte die Details der Zeugung. Ein Politiker (und heutiger Außenminister) tourte mit einem knallgelben Bus durch das Land, malte sich die gewünschten Wahlergebnisse auf die Schuhsohlen (18 Prozent!) und absolvierte einen Auftritt in der Diskursöffentlichkeit des Big Brother-Containers. Ein Schauspieler mit Namen Mathieu Carrière, der für die Rechte von Vätern kämpft, ließ sich öffentlichkeitswirksam an ein Kreuz fesseln, und verteidigte sich dann mit den Worten: „Unser Konzept war einfach: Symbol, Aktion, Argumente, Veränderung. Wir brauchten ein starkes Symbol, in diesem Fall: Jesus am Kreuz. Mit der Aktion zitierten wir das Symbol und erzeugten Aufmerksamkeit. Je heftiger, je ambivalenter die Reaktion, desto besser. Wichtig ist Aufmerksamkeit, denn sie schafft das öffentliche Interesse für die Argumente, und nur dadurch ist etwas zu verändern.“

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