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History Channel : Hatte Hitler einen Tarnkappenbomber?

  • -Aktualisiert am

Die Fälschung: Ingenieure des Rüstungskonzerns Northrop Grumman haben die Horten H IX nachgebaut. Der Sender History inszeniert die Maschine mit ein Paar Hakenkreuzfahnen, dem Bild nach ist das stimmig. Inhaltlich sieht es anders aus Bild: © FLYING WING FILMS

Der Sender History will „eines der größten Geheimnisse des ,Dritten Reiches‘“ lüften. Es geht um die Horten H IX, die an ein modernes Tarnflugzeug erinnert. Wozu hätte der Vogel aus Sperrholz getaugt?

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          Als der Fliegergeneral Adolf Galland zum ersten Mal in einem Düsenjäger saß und sich ohne Propeller in die Luft erhob, rief er verblüfft: „Es ist ja, wie wenn ein Engel schiebt.“ Die Messerschmitt Me 262 war das erste in Serie gebaute Flugzeug mit Strahltriebwerken. Sie zog 1944 mit überlegener Geschwindigkeit in einen längst verlorenen Krieg. Es ist ein Phänomen der Kriegsgeschichte, dass die deutsche Luftfahrtindustrie mitten im Untergang immer noch neue und revolutionäre Waffen schmiedete, die ein Wunder oder wenigstens eine Wende verhießen: die ersten Düsenflugzeuge, Raketenjäger, Schleudersitze, Hubschrauber, Lenkbomben, die Großrakete V 2.

          In diesem hoffnungslosen Arsenal des Schreckens machte die Horten H IX wenig Aufsehen. Sie war ein merkwürdig geformtes Düsenflugzeug, das weder Rumpf noch Leitwerk hatte und nur aus einer großen Tragfläche zu bestehen schien. Die beiden Strahltriebwerke des Typs Junkers Jumo 004 waren im Flügelmittelstück integriert, und ihre Lufteinlässe sahen von vorn wie zwei aufgerissene Augen aus. Chancen, in den Luftkrieg einzugreifen, hatte die Horten nicht mehr. Ein Prototyp zerschellte am 18. Februar 1945 auf einem Acker bei Oranienburg. Den Piloten Ziller fand man tot neben den Trümmern. Es war der dritte Testflug der Horten H IX, deren Erprobung gerade begonnen hatte. Ein anderes halbfertiges Exemplar erbeutete die 3. US-Armee bei ihrem Einmarsch 1945.

          „Wenn sie noch zwei, drei Jahre gehabt hätten“

          Nach mehr als sechzig Jahren macht ein kanadisches Fernsehteam die Horten H IX zum Star einer Dokumentation, die als historischer Enthüllungsjournalismus verstanden werden will: das Rätsel von Hitlers Tarnkappenbomber endlich gelöst! Das Team versteigt sich zu der abenteuerlichen These, dieses kleine, überwiegend aus Sperrholz bestehende Flugzeug sei eines der größten Geheimnisse des „Dritten Reiches“ gewesen, geeignet, die englischen Radaranlagen auszutricksen. In großen Stückzahlen gebaut, hätte es den Kriegsverlauf entscheidend beeinflussen können. „Wenn sie noch zwei, drei Jahre gehabt hätten“, sagt einer der an der Produktion beteiligten amerikanischen Historiker, „würden wir heute alle deutsch sprechen.“

          Das Original: Die 3. US-Armee erbeutete 1945 einen Prototypen der mysteriösen Horten H IX

          Der Film und seine These stützen sich auf ein Forschungsprojekt durchaus ernstzunehmender Ingenieure des amerikanischen Rüstungskonzerns Northrop Grumman. Die verstehen etwas von Nurflüglern, war doch ihr Gründervater John K. Northrop selbst ein Verfechter dieser Konstruktionsidee. Und sie verstehen viel von Tarnkappentechnik: Amerikas Stealth-Bomber B-2 kommt aus ihren Computern. Nun haben sie eine Horten H IX maßstabgetreu nachgebaut. Ihre bemerkenswerte Handarbeit steht im Mittelpunkt der Dokumentation. Das formschöne Flugobjekt wurde, wenn nicht mit Düsenantrieb, so doch mit Hilfe eines Krans in die Luft gebracht. Was zu beweisen war: Die Messungen ergaben verblüffend geringe Radarechos. Also wirklich ein früher Tarnkappenbomber, dessen Annäherung der britischen Luftverteidigung entgangen wäre?

          Mehr Science-Fiction als Geschichte

          Die einstündige Dokumentation ist, wie heute üblich, eine Mischung aus alten Fotos und Filmausschnitten, Computersimulationen und nachgestellten Szenen (mit einem bildschirmfüllenden Göring); dabei verschafft das Schwarzweißmaterial dem übrigen eine gewisse Authentizität. Dennoch ist das Ergebnis mehr Science-Fiction als Geschichte. Die Filmemacher sind von der Tarnkappenidee so hingerissen, dass sie schlichte Tatsachen einfach übersehen.

          Die Brüder Walter und Reimar Horten gehörten nicht zur Rüstungsindustrie. Sie kamen aus dem Segelflugzeugbau und konstruierten ihre typischen Nurflügler aus Sperrholz schon zu einer Zeit, da Radar noch unbekannt war. Dass ihr Rüstungsbeitrag H IX aufgrund der Form und Bauweise gute Tarnkappeneigenschaften hatte, mag ein willkommener Nebeneffekt gewesen sein, aber nicht die geheime Bestimmung des Flugzeugs. Radar hat bei Holzflugzeugen wenig zu melden, das weiß heute jeder. Die Filmemacher bezeichnen das Objekt ihrer Enthüllung durchweg als Bomber. Das ist eine Irreführung. In Wahrheit war die Horten H IX ein Jagdflugzeug mit etwa sechzehn Meter Spannweite. Allenfalls größere Nachfolgemuster hätten Luftangriffe auf England fliegen können, vielleicht in einer fernen Zukunft.

          Deutsche Ernte für die Siegermächte

          Man weiß, dass auch Hitler nicht zwischen Jäger und Bomber zu unterscheiden wusste und zum Entsetzen seiner Generäle die Me 262 zum Blitzbomber umfunktionierte. Ob er in seinem Berliner Bunker das flüchtige Erscheinen der Horten H IX überhaupt noch wahrnahm, ist fraglich. Es gab so viele Verzweiflungswaffen in letzter Stunde.

          Die Siegermächte brachten noch jahrelang die deutsche Ernte ein. Führende Entwicklungsingenieure wurden nach Amerika und Frankreich verpflichtet, viele unfreiwillig in die Sowjetunion gebracht. Den spektakulärsten Fang machten die Amerikaner mit Wernher von Braun, der ihnen den Weg zum Mond bereitete. Das Beutestück T2-490, die Horten H IX, vergammelt seit Jahrzehnten unbeachtet im Depot des National Air and Space Museum in Silver Hill bei Washington. Sie wurde nicht nur vom Radar nicht wahrgenommen.

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