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Historienfilm : Als liefen sie tatsächlich um ihr Leben

Die Hauptdarsteller: Willhelm (Volker Bruch) legt die Arme um Viktor (Ludwig Trepte) und die Krankenschwester Charlotte (Miriam Stein). Greta (Katharina Schüttler) und Willhelms Bruder Friedhelm (Tom Schilling) sind amüsiert. Bild: teamworx

In Litauen dreht das ZDF einen Film über den Zweiten Weltkrieg, den das Fernsehen so noch nicht sah. „Unsere Mütter, unsere Väter“ handelt von fünf jungen Leuten im Jahr 1941. Der Dreiteiler soll die Dimensionen des Historienfilms sprengen.

          Gegen Mitternacht, freies Feld, eine halbe Autostunde von Vilnius entfernt. Ein Knall, ein Feuerball, dreißig Meter hoch, Druck und Hitze sind noch auf hundert Meter Entfernung zu spüren. Applaus, die Szene ist im Kasten. Mehrere Dutzend frierende Gestalten haben auf diesen Augenblick gewartet. Denn jetzt endlich ist Drehschluss und es geht zurück in die Unterkunft, nur die Pyrotechniker haben noch zu tun. Sie müssen löschen, was zuvor genau nach Plan in die Luft geflogen ist. Die Komparsen laufen auf dem Feldweg in die Nacht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie sehen aus wie Hitlers geschlagene Armee an der Ostfront. Und um diese geht es in dem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“, den das ZDF dieser Tage in Litauen dreht. Er handelt von fünf jungen Leuten in den Jahren 1941 bis 1945. Von den beiden Brüdern Wilhelm und Friedhelm, die in den Krieg müssen, von Charlotte, der Krankenschwester, die direkt hinter der Front im Lazarett arbeitet, von Greta, der Sängerin, und von Ludwig, dem jungen jüdischen Schneider, der bald ins Konzentrationslager verschleppt wird. Fünf Lebenswege, die gemeinsam beginnen, auseinanderführen und sich wieder kreuzen, fünf junge Menschen, die zur Opfer- oder Tätergeneration des NS-Regimes zählen, einer Generation, von der wir scheinbar alles wissen, die uns das Fernsehen mannigfaltig gezeigt hat, vor allem in Dokumentationen, seltener in fiktionalen Filmen und - was die deutschen Sender angeht - wohl noch nie wie in diesem Fall: ganz nah und subjektiv erzählt aus der Perspektive junger Menschen. Wie war das, im Frühjahr 1941 in Berlin jung zu sein?

          Axel Cortis Film „Welcome in Vienna“ als Urerlebnis

          Stefan Kolditz war diese Frage aufgegeben, sechs Jahre lang hat er an dem Drehbuch gearbeitet. Aufgeworfen hat sie der Produzent Nico Hofmann, der bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ an seine eigene Mutter und an seinen eigenen Vater denkt, an seine Mutter, die mit der NS-Ideologie aufwuchs, an seinen Vater, der als Zwanzigjähriger in Russland war. Die Erfahrungen aus dieser Zeit, sagt Hofmann, hätten seine Familie geprägt. Der privateste und vielleicht auch sein präzisester Film werde dies, Erlebnisgeschichte, ein Generationenporträt. Der Film „Welcome in Vienna“, den Axel Corti 1985 nach einem autobiographischen Drehbuch des Schriftstellers und Journalisten Georg Stefan Troller drehte, kommt ihm als „Urerlebnis“ in den Sinn, beispielhaft für eine historische Erzählung, die ihre Kraft aus der subjektiven Wahrhaftigkeit des Erzählers bezieht. „Sehr ehrlich, nicht pathetisch, nicht verkitscht“, lebend von der Ambivalenz der Figuren, das stellt sich Hofmann vor.

          Ein Knall, ein Feuerball, dreißig Meter hoch: Applaus, die Szene ist im Kasten

          Schaut man auf das Drehbuch von Stefan Kolditz und das, was der junge Regisseur Philipp Kadelbach daraus macht, dürfte die Zuschauer so etwas wie das deutsche Pendant der amerikanischen Serie „Band of Brothers“ erwarten, im Härtegrad der Bildgebung von Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“ entsprechend. Schonungslos treibt der sympathische Regisseur seine ebenfalls junge Crew durch vierundachtzig Drehtage. Bei Vilnius haben die Location Scouts ein altes Fabrikgelände gefunden, so groß wie ein Straßenzug, das die Filmemacher aus Deutschland nach allen Regeln der Filmkunst in Schutt und Asche legen können. Es sieht dort aus, als habe eine echte Schlacht stattgefunden.

          Die Amerikaner haben Heldengeschichten in petto

          Dies wird ein zwar vielleicht privater, aber kein kleiner Film, es wird eine Trilogie von dreimal neunzig Minuten, die 13,8 Millionen Euro kostet und zweitausend Komparsen aufbietet. Knapp vier Millionen Euro haben die Produzenten bei verschiedenen Filmförderungen eingeworben, mit fast zehn Millionen Euro ist das ZDF dabei. Der Programmdirektor Thomas Bellut - der im nächsten Jahr wahrscheinlich Intendant wird - hat „Unsere Mütter, unsere Väter“ zu seiner Sache gemacht. Spiritus Rector im Sender aber ist Heike Hempel, die Chefin der „Hauptredaktion Unterhaltung-Wort“, wie es im Senderorganigramm-Jargon heißt.

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