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Heute im Fernsehen: „Tatort“ aus Wien : Ich brauche eine Assistentin, kein Wrack

Ernüchternd: Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibiane „Bibi” Fellner (Adele Neuhauser) weisen sich aus Bild: RBB/ORF

Kommissar Moritz Eisner hat eine neue Kollegin. Deren erster Dienst endet im Vollrausch, und ihr erster Fall lässt nichts aus: Adele Neuhauser und Harald Kassnitzer sind das neue Traumpaar des Wiener „Tatorts“.

          Alkohol ist kein Spielzeug, und Tabletten sind kein Ersatz für ein gesundes Frühstück. Und dann erst der Wagen, den Eisners neue Assistentin fährt: einen Pontiac Firebird Trans Am mit einem Adler auf der Motorhaube und Flammen an den Türen. Da ist die Stimmung nicht einmal mehr mit dem Hinweis zu retten, dass das Auto nur geliehen sei - vom Inkasso-Heinz, aber „alles ganz legal“.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Immer schon wurden neue „Tatort“-Kommissare beim Dienstantritt von den Kollegen skeptisch bis kühl empfangen. Selten jedoch mit solcher Ablehnung wie die von Adele Neuhauser gespielte Bibi Fellner, demnächst vielleicht die rechte Hand von Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), Major bei der Mordkommission Wien, vorerst aber nur dessen Sorgenkind. Er brauche einen Assistenten, sagt er ihr, kein Wrack, und empfiehlt der fünfzigjährigen Sittenpolizistin eine Auszeit oder die Pensionierung. Darauf einen Magenbitter, sagt sie sich selbst. In ihrer zu großen Umhängetasche klingeln die Berge von Fläschchen fröhlich bei jedem Schritt. Dabei hätte sie nicht einmal ernsthafte Einwände, sich von der Sucht befreien zu lassen, sondern reagiert mit entwaffnender Offenheit auf angebotene Hilfe: „Ja, eh.“ Was sie jedoch nicht daran hindert, den ersten Arbeitstag betrunken auf der Couch des Kollegen zu beenden und am zweiten zielgerichtet im Gosser Stüberl zu versumpfen.

          Die erste gestandene Frau an der Seite Eisners

          Adele Neubauer ist großartig. Ihre Figur spielt sie haarscharf neben der Spur. Das Gesicht ist kaum weniger zerknautscht als ihr Humphrey-Bogart-Trenchcoat und das lockige Haar so wirr um den Kopf verkordelt, dass man nicht anders kann, als auf ein ebensolches Chaos im Inneren zu schließen. Dass ihr nach zwanzig Jahren bei der Sitte nichts Menschliches fremd sei und auch nichts Unmenschliches, glaubt man jeder ihrer Furchen, die sich eingegraben haben in Stirn und um den Mund. Und doch kann sich die Kamera nicht sattsehen an ihrem langen, schlanken Gesicht, das in den schönsten Momenten wie einem Modigliani-Gemälde entnommen wirkt.

          Adele Neubauer ist nicht die erste Kollegin, die Harald Krassnitzer im „Tatort“ des ORF zur Seite gestellt wird, aber sie ist die erste gestandene Frau. Und es ist wunderbar, wie die beiden zwischen Lakonie und Fatalismus balancieren - zumal ihnen das Drehbuch inmitten einer schier unüberschaubaren Zahl von Handlungssträngen überraschend wenig Beachtung schenkt.

          Ein Serienmörder ist unterwegs

          In einer U-Bahn-Station geschieht ein Mord. Ein junger Mann wird niedergeknüppelt, anschließend durchtrennt ihm der Täter die Kehle. Nur wenige Minuten später weiß die Polizei, dass es der Tote einst mit einem Passanten ähnlich gemacht hatte und begreift, dass in Wien ein Serienmörder unterwegs ist, der Selbstjustiz übt und junge Menschen nach demselben Muster umbringt, nach dem sie sich ihrer Aggressionen entledigt hatten. Dies war der dritte Fall - und bleibt nicht der letzte. Ein paar Minuten später führt die Spur in das Therapiezentrum „Pro Youth“ im dritten Stock eines Neubaus, was die neue, konditionsschwache Kommissarin schon unten im Stiegenhaus nach Luft japsen lässt, während sie die jungen Delinquenten oben lautstark und begleitet von Faustschlägen gegen ein Gummipolster ablassen.

          Die Frage der Schuld stellt sich zwangsläufig in jedem Kriminalfilm, dieses Mal gibt ein Therapeut die Antwort (gespenstisch trocken: Harald Schrott): Es liege immer am Elternhaus. Was die Polizisten an Familien kennenlernen, reicht von den skurrilen Trunkenbolden der Arik-Brauer-Lieder über aktuelle Inzestfälle nicht nur aus Österreich bis in die Welt der Reichen und Schönen und Gefühlskalten (niederschmetternd emotionslos: Aglaia Szyszkowitz). Darüber hinaus lässt der Film von Caligari bis Hitler nichts aus, was sich im Milieu zwischen Therapie und jugendlicher Gewalt unterbringen lässt.

          Schmäh und Aktionismus

          Umso erstaunlicher ist, mit welcher Hingebung Regisseur Wolfgang Murnberger in seinen Film „Vergeltung“ allerhand groteske Details unterbringt. Da fallen Wiener Schmäh und Wiener Aktionismus übereinander her, wenn ein Schlagersternchen aus der Klatschpresse von der neuen Liebe ihres Freunds erfährt, während sich ein Raum weiter die therapierten Kinder die Wut aus dem Bauch urschreien und nebenan Harald Krassnitzer - als reichten all die Hämatome der Beteiligten nicht aus - ausgerechnet vor einem Gemälde wie von Hermann Nitsch mit Blut hingeschleudert auf eine Gesprächsgelegenheit wartet.

          Und dann die Szene, in der sich der Kommissar vor Schmerzen kaum rühren kann, nachdem ihm eine junge Frau ins Geschlecht getreten hat - und der Psychologe ihm derweil mit allem akademischen Ernst erklärt, zwar kein Mediziner zu sein, sich aber die Sache gerne einmal anzuschauen: Das gehört zu den Sternstunden des schwarzen Humors.

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