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Heute im Fernsehen: „Tatort“ aus München : Ich war's, sagt der Alte

Glanzrolle für Günther Maria Halmer: Er spielt den demenzkranken Max Lasinger Bild: BR/Barbara Bauriedl

Glasermeister Max Lasinger ist dement. Sein Sohn liegt ermordet in der Werkstatt. Im heutigen „Tatort“ haben es die Kommissare mit den merkwürdigsten Verdächtigen zu tun. Günther Maria Halmer aber läuft zu großer Form auf.

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          Man ahnt, was für ein Mensch Max Lasinger einmal gewesen ist, bevor ihn die Krankheit veränderte. Einer, der Prinzipien hat und einen starken Willen. Einer, der zupacken kann. Einer, für den die Frauen schwärmen, weil er so groß und stattlich ist und Sicherheit ausstrahlt. Ein charmanter Mann. Ein taktvoller und gerechter. Und wenn man sieht, wie behutsam der alte Glasermeister in seiner Werkstatt buntes Fensterglas zu Heiligenbildern zusammenfügt, dann versteht man auch, welches Feingefühl er besitzt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Jetzt aber ist Max Lasinger dement. Er vergisst die einfachsten Sachen, bringt die Dinge durcheinander, er kann sich nicht alleine waschen, nicht allein aufs Klo, bei der kleinsten Unregelmäßigkeit in seinem Alltag gerät er in Panik. Er schreit dann wie ein hilfloses Kind.

          Sein eigenes liegt erschlagen in der Werkstatt. „Ich war's!“, behauptet Max Lasinger gegenüber den herbeigerufenen Kommissaren: Er habe Bernd, der sich kaum noch im Hause des Vaters blicken ließ, mit einem Einbrecher verwechselt und zugeschlagen.

          Die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit Karin Lasinger (Johanna Gastorf) auf dem Präsidium
          Die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit Karin Lasinger (Johanna Gastorf) auf dem Präsidium : Bild: BR/Barbara Bauriedl

          Doch Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) wollen dem Glasermeister nicht so recht glauben. Reflexhaft behandeln sie ihn zunächst so, wie das mit älteren Menschen eben so üblich ist: überlaut sprechen, als ob der andere schwerhörig wäre; über ihn reden, obwohl er direkt neben einem steht - für die Kommissare ist Max Lasinger ein alter, verwirrter Mann, der sie nervt und ihre Ermittlungen behindert.

          Dana aus Bulgarien

          Zwar vermuten sie den Täter im Familienkreis. Verdächtiger als der demente Glasermeister scheint ihnen aber Bernds Exfrau Karin (Johanna Gastdorf) zu sein, die sich nur wenig berührt zeigt vom Tod des Mannes, mit dem sie achtzehn Jahre lang verheiratet war. Auch Sohn Tobias (Kai Malina) gibt sich unbeeindruckt. Erst nach und nach merken die Kommissare, dass im Hause Lasinger bis vor kurzem noch jemand anderes wohnte: Dana aus Bulgarien, während eines Urlaubs am Schwarzen Meer angeworben und nun illegal in Deutschland lebend - sie hat den Demenzkranken rund um die Uhr und für wenig Geld betreut.

          Mit der Figur des demenzkranken Max Lasinger nimmt sich der „Tatort“ des Bayerischen Rundfunks eines Themas an, dem das Gesundheitssystem weitgehend ratlos gegenübersteht. Die Betroffenen und deren Angehörige sind mit der Krankheit allein. So erzählt „Gestern war kein Tag“ (Regie: Christian Görlitz; Drehbuch: Pim Richter und Daniela Mohr) von irrwitzigen gesetzlichen Bestimmungen, die den Lasingers gar keine andere Wahl lassen, als auf illegalem Weg eine Betreuung für Max zu engagieren - Geld aus der Pflegeversicherung bekommen sie nicht, da noch keine Pflegestufe festgestellt wurde.

          Für Momente hebt sich der Geist

          Es geht um Menschen wie den Anwalt Roggendorf (Jürgen Tarrach), der sich die Not der Lasingers und Danas Abhängigkeit zunutze macht und dabei unter seinem Gutmenschenmäntelchen immer selbstgerechter und fetter wird. Es geht um die Verzweiflung einer Familie, die für ihre Angehörigen nur das Beste will, aber nicht mehr kann, weil die Kraft ausgeht. Es ist gut und lobenswert, über all das einen Film zu machen - vermengt mit einem Mordfall ist es für das Drehbuch aber ein bisschen viel.

          So ist man beim Zuschauen mitunter kurz davor, gedanklich abzuschweifen - und wird dann doch wieder in den Bann gezogen: von der außergewöhnlichen Schauspielleistung von Günther Maria Halmer als Max Lasinger. Da ist die Verunsicherung in seinen Augen, die Scham, die Angst, wenn Batic und Leitmayr ihn durch einfache Fragen, die er nicht beantworten kann, mit seiner Krankheit konfrontieren. Da ist sein blitzschnelles Changieren zwischen kindlicher Freundlichkeit und der Bockigkeit eines griesgrämigen Alten. Unaufhaltsam scheint er sich in seiner eigenen Welt des Verdrängens und Vergessens zu verlieren.

          Und doch gibt es Momente, in denen sich der Schleier für einen Augenblick wie aus heiterem Himmel von seinem Geist hebt - auch deshalb misstrauen die beiden Kommissare ihm. In ihrem kritischen Blick ist jedoch auch noch etwas anderes zu lesen: das Wissen und die Furcht davor, dass es ihnen im Alter vielleicht einmal genauso geht.

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