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Heute im Fernsehen: „Tatort" aus München : Er wollte nur Super tanken

  • -Aktualisiert am

Leonie Zach (Angela Ascher) schaut zwar aus wie eine Wiesnwirtin, ist aber keine. Leben will sie trotzdem so Bild: Stephen Power

Erst bricht der Fall unter der Last der vielen Verdächtigen zusammen. Und dann langweilt der „Tatort“ aus München auch noch mit vielen Klischees aus der Grünwalder Vorzeit der deutschen Krimi-Geschichte.

          Gerd Zach ist tot, erschossen mit seiner eigenen Flinte. Mit dem ersten Hahnenschrei hatte er, zum Verdruss seiner schönen, jungen, üppig gerundeten und noch ganz schlaftrunkenen Frau, seine S-Klasse vor seiner Münchner Villa gestartet, ein einzige Gerhard-Polt-Karikatur. Und jetzt liegt er tot an einer Milbertshofener Tankstelle, wo er nochmal Super tanken wollte. Selbstmord war es nicht, dazu liegt das Gewehr viel zu weit vom Leichnam entfernt, den auch ein Hirschhorn-Janker nicht mehr schützen konnte. Aber was hatte Gerd Zach auch in dem nördlichen Stadtteil zu tun, der einst eine glorreiche Handball-Mannschaft hatte, die inzwischen aber in der Bezirksoberliga spielt?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Bezirksoberliga-Niveau hat diesmal auch der „Tatort“ des Bayerischen Rundfunks, der allein schon durch sein setting einen geradezu aufdringlichen Hang zum Sozialfall-Lehrstück signalisiert. Peter Probst (Buch) und Peter Fratzscher (Regie) dachten wohl, dass es immer noch Krimizuschauer gibt, die meinen, in München gehe es insgesamt so zu wie noch nicht einmal in Bogenhausen und Grünwald: trotz oder wegen des vielen Geldes gelangweilt, also irgendwie schicki-micki-mäßig. „Derrick“ aber gibt es ja nicht mehr, und so läuft die Episode „Jagdzeit“ mit ihrem sozialkritischen Eifer doch eigentümlich ins Leere.

          Aufdringlich launige Kommmissare

          Das wäre an sich kein Problem, wenn nicht auch der Fall zusammenbräche unter der Last der vielen Verdächtigen: Der Tote war stellvertretender Personalchef bei der Lebensmittel-Firma Koko und hatte also schon von Berufs wegen Feinde. Dass er dort selbst rausflog, wusste noch nicht einmal seine Frau Leonie (mit drallem Busen wie eine Wies'n-Wirtin aussehend und auch so redend: Angela Ascher), die aber natürlich trotzdem keine Abstriche an ihrem Lebensstandard hätte machen wollen. Hat sie sich deshalb, in dunkler Vorahnung, schon mit dem Fotografen Xaver Heintel (Jens Atzorn als windige Type) eingelassen?

          Wenn gutes Zureden nicht mehr hilft: Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) redet auf Nessi (Laura Baade) ein

          Die in ihrer Launigkeit nun auch langsam etwas aufdringlich werdenden Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) wären bei ihren zähen Ermittlungen jedenfalls aufgeschmissen ohne das Mädchen Nessie (Natascha Kampusch auffallend ähnelnd: Laura Baade), ein Sozialfall, der seiner Mutter (Typ Hure mit Herz: Katja Bürkle), die von morgens bis abends vor dem Fernseher sitzt und dabei Jägermeister trinkt (ein später Wink in Richtung Jäger Zach?), die Psychopharmaka stiebitzt und sie an Buben weitergibt, die bei dicklichen Mädchen wenig Mitleid haben und die Pillen gewinnbringend auf Ebay verkaufen. Denn Nessie hat den Mord beobachtet, ist aber nicht sehr gesprächig. Insbesondere Leitmayr bewährt sich hier als vertrauenerweckende Vaterfigur, die Nessie nie hatte.

          Es stellt sich dann heraus, dass Zach auch gar nicht ein so guter Mensch war wie allgemein angenommen. Von den Milbertshofenern, die auf die öffentliche Essensausgabe Kana (selbstverständlich eine Anspielung auf den biblischen Ort), hat er nämlich Geld in Empfang genommen, angeblich, um es treuhänderisch zu verwalten. Aber Rudi Kandler (hätte auch zu Erik Odes Zeiten einen guten Verdächtigen abgegeben: August Schmölzer), der von Zach einst bei Koko an die Luft gesetzt wurde, hat von seinen fünftausend Euro nie wieder etwas gesehen.

          Allzu plakativ werden in dieser Folge die Versatzstücke eines Milieus, das oft als Prekariat verächtlich gemacht wird, in Szene gesetzt. Ein gewisser Sedlacek (von seiner Not schlau und misstrauisch gemacht: Hans-Jürgen Silbermann) sagt den Kommissaren: „Ich bin zwar arm, aber nicht bescheuert.“ Damit wird es, unabhängig von seinem Kontostand, wohl auch der Zuschauer halten.

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