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„Hart aber Fair“ : Verhärtete Talk-Fronten

  • -Aktualisiert am

Brachte die richtigen Argumente: Michel Friedman auf einer proisraelischen Kundgebung in Frankfurt am 11. Januar Bild: AP

Kann man von Israel und den Palästinensern einen Friedensprozess erwarten, wenn es nicht einmal Europäern gelingt, ein sachliches Gespräch zum Thema zu führen? Nach dieser „Hart aber fair“-Sendung bestehen da ernsthafte Zweifel. Eine Fernseh-Frühkritik von Matthias Hannemann.

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          So führt das zu nichts. So schaukelt man sich bloß hoch, kaum anders und kaum besser als die Parteien jenes Konflikts, der wieder und wieder die Wunden aufreißt und die Fanatiker mobilisiert, auf allen Seiten. Drei Wochen dauerte es, bis die Redaktion einer der populären deutschen Polit-Talkshows den Mut dazu fand, das israelische Unternehmen im Gaza-Streifen zu diskutieren.

          Und wer saß schließlich auf dem Podium, als Frank Plasberg die Sendung zum Thema „Blutige Trümmer in Gaza - wie weit geht unsere Solidarität mit Israel“ eröffnete? Eine Handvoll älterer Herren jenseits des Berufslebens, die bloß zwei Gesichter zu kennen schienen: ein verbittertes, den erzwungenen Redepausen vorbehalten, und ein hysterisches, das im Dauergefecht mit Michel Friedman zum Einsatz kam.

          Wer sitzt denn da auf dem Podium?

          Wie will man von Israel und den Palästinensern einen Friedensprozess einfordern, wenn es noch nicht mal dem ersten deutschen Fernsehen gelingt, im Abendprogramm eine sachliche Debatte zum Thema zu organisieren?

          Es ist dies nicht nur eine Frage der Moderation und des gewählten Rahmens, sondern eine derjenigen, die man einladen wollte oder konnte (es wird genug andere gegeben haben, die das verminte Gelände scheuen). Gekommen waren in diesem Fall: der frühere Nahost-Korrespondent Ulrich Kienzle, der am Montag noch bei Beckmann über schwäbische Eigenarten geplaudert hatte, der Politrentner Norbert Blüm, der am Dienstag bei Kerner über Manager-Tugenden sprach, der Islamwissenschaftler Udo Steinbach, einst Direktor des Deutschen Orient-Institutes in Hamburg, und Rudolf Dreßler, bis 2005 deutscher Botschafter in Israel.

          Er war der Ruhepol einer Runde, die sich ansonsten, einer nach dem anderen, mit dem ebenfalls anwesenden Journalisten Michel Friedman in die Haare bekam.

          Als hätte es menschliche Schutzschilde nie gegeben

          Friedman brachte dabei durchaus richtige Argumente vor. Denn natürlich geriet, als Blüm sich über die Abriegelung des Gaza-Streifens, das humanitäre Elend und die fortwährenden Demütigungen der Palästinenser erregte, die israelische Sicht der Dinge rasch außer Acht.

          Es war auch angemessen, als Steinbach von Israels aggressiver Siedlungspolitik sprach, noch einmal die komplizierte Geschichte, den Terror der Selbstmord-Attentäter und die Vernichtungsdrohungen der arabischen Welt in Erinnerung zu bringen, wie es zeitweilig auch Dreßler unternahm, der Diplomat.

          Überhaupt kann man ja eigentlich alles diskutieren. Erst recht dann, wenn man sich über Sätze erregt wie jenen von Kienzle, der klang, als habe es menschliche Schutzschilde noch nie gegeben: „Wenn Palästinenser Zivilisten töten, spricht man von Terroristen. Wenn es die Israelis tun, von Selbstverteidigung.“

          Friedmans Diskussionsstil

          Nur war es hier immer wieder Friedmans Diskussionsstil, vor allem der fortwährend von ihm gegen die anderen Gäste erhobene Antisemitismus-Vorwurf, der gehörig aufstieß - während es sich umgekehrt Blüm, der vor Jahren zur Umschreibung der israelischen Militärpolitik das Wort „Vernichtung“ erst in den Mund und dann wieder hinausgenommen hatte, und Steinbach etwas zu leicht machten, die Frage nach der Bedeutung antisemitischer Spurenelemente in der deutschen Israel-Debatte als eine untergeordnete, gar akademische vom Tisch zu fegen: „Wie weit geht unsere Solidarität mit Israel?“

          Die Fronten bei dieser „Hart und Fair“-Debatte waren von Anfang an verhärtet, und sie blieben es dank einer überambitionierten Regie, bei der zwar Zeit für instruktive Impulsfilme und einen belehrenden Themenblock zum Thema Antisemitismus in der deutschen Gegenwart, aber eben nicht für die Entfaltung eines freien Gesprächs blieb. Worauf wollte man eigentlich hinaus? Der Sache gedient jedenfalls hat diese Sendung nicht.

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