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Guttenberg bei Kerner : Einer flog über das Wespennest

Im Flugzeug nach Afghanistan: Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Johannes B. Kerner Bild: AFP

Johannes B. Kerner ist mit Verteidigungsminister zu Guttenberg nach Afghanistan geflogen. Warum ausgerechnet Kerner? Die Antwort geben Soldaten in Mazar-i-Sharif, die gegen das „freundliche Desinteresse“ an ihrem Einsatz antreten.

          Wäre der Verteidigungsminister nicht binnen eines Jahres zum siebten Mal nach Afghanistan gereist, hätte er nicht seine Frau mitgenommen, hätte er nicht in Mazar-i-Sharif eine Sendung mit Johannes B. Kerner aufgenommen und achtete die Opposition nicht genau wie die Bundeskanzlerin auf die Popularitätswerte Karl-Theodor zu Guttenbergs - dann wäre an dieser Ausgabe von „Kerner“ bei Sat.1 nur eines bemerkenswert: dass es sie von diesem Ort aus gibt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dass sie in Afghanistan aufgenommen wurde, wo 3800 Soldaten der Bundeswehr in einem Kriegseinsatz sind, den so zu nennen sich die politische Klasse erst seit kurzem traut und den die Mehrheit der Bundesbürger am liebsten gar nicht wahrnähme und vor allem - nicht will.

          Mit diesem Befund konfrontiert Kerner den Minister im Laufe des Gesprächs und zitiert eine Umfrage, der zufolge 71 Prozent der Bundesbürger der Überzeugung seien, dass die Bundeswehr sofort aus Afghanistan abziehen soll, nur 24 Prozent votieren für die Fortsetzung des Einsatzes. Die Politik, vor allem Opposition und dort zunehmend die SPD, aber auch der Außenminister, nimmt diese Stimmung auf, indem sie fortwährend auf einen Abzugstermin drängt. Dem aber erteilt der Verteidigungsminister eine Abfuhr. Von Abzug könne man nur sprechen, wenn man diesen an das Erreichen von Zielen knüpfe, nicht an den Kalender. Alles andere wäre unverantwortlich, vor allem den Soldaten gegenüber.

          Die Hauptakteure der Sendung im Mittel- und Hintergrund: Johannes B. Kerner und Karl-Theodor zu Guttenberg, umringt von Soldaten

          Mit Badelatschen im Schnee

          Und um diese geht es bei Kerner, selbstverständlich auch um den Minister, dessen mitgereiste Gattin aber taucht nicht auf. Und das ist gut so, die Guttenberg-Show hat ihre Grenzen und schließlich taugt der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nicht als PR-Bühne. Die Soldaten riskieren ihr Leben, ihnen droht Gefahr für Leib und Seele, stets verbunden mit der Frage, für was und wen sie das eigentlich auf sich nehmen. Da haben wir den Flugstaffelleiter, dessen Frau, als er nach Afghanistan aufbricht, gerade ein Kind erwartet.

          Wir haben den Offizier, der zu seiner Familie zurückkehrt und sich auf der Straße immer noch umsieht - als hocke hinter der nächsten Ecke der Feind. Eine Sanitätssoldatin erzählt von dem Einsatz, bei dem einer ihrer Kameraden ums Leben kam, ein Zugführer benennt die Bilder, die ihm nicht aus dem Kopf gehen - diejenigen gefallener Kameraden und auch jene afghanischer Kinder, die bei minus zwanzig Grad mit Badelatschen im Schnee stehen. Für die und für seine Kameraden sei er hier, sagt er auf die Frage nach der Motivation. Und wir lernen einen ehemaligen Hauptmann kennen, der unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und nur schwer ins zivile Leben zurückfindet.

          Die Sache gerät nicht zu kritisch und nicht zu detailliert. So hätte man nach der Gewichtung fragen können - dem großen Teil der Truppe, der das Lager nie verlässt, und dem sehr viel kleineren, der in den Kampf zieht. Oder nach den Fortschritten in der Zusammenarbeit mit der afghanischen Armee und vor allem nach der Lage der Zivilbevölkerung. Die Ausgaben für das Militär und diejenigen für den zivilen Aufbau stehen in einem traurigen Verhältnis, das aber bei allen Alliierten. Kerner bleibt mit seiner Sendung, wie er auch sonst ist, er bleibt bei den Soldaten, deren Hoffnungen und Nöten, und das ist schon ein Verdienst, denn auch im Fernsehen liegt Afghanistan oft nur nahe, wenn es um Anschläge geht. Aber wieso ausgerechnet Kerner? Das mag man denken.

          Die Antwort ist: weil er gefragt hat, schon im August, ob er eine solche Sendung mit der Bundeswehr machen könne, mit oder ohne den Minister, lieber natürlich mit. In diese Bresche hätten auch andere springen können, um gegen das „freundliche Desinteresse“ am Bundeswehreinsatz in Afghanistan anzutreten. Wann er das letzte Mal glücklich gewesen sei, wird der traumatisierte Hauptmann gefragt. „Ich kann mich gar nicht genau erinnern“, antwortet er, „es muss vor Afghanistan gewesen sein.“

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