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Gruftie-TV : Wo bleibt der Nachwuchs?

Platzhirsche, in die Jahre gekommen: Gottschalk (l.) und Jauch Bild: dpa

Gottschalk, Jauch, Raab und Kerner: Im Unterhaltungsfernsehen sehen wir seit langem die üblichen Verdächtigen, die allenfalls ihre Plätze tauschen. Kerners Wechsel vom ZDF zu Sat.1 bestätigt den Trend. Wo bleibt der Nachwuchs?

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          Es ist schon erstaunlich: Im deutschen Fernsehen wird zwar gecastet, was das Zeug hält und bis zum Umfallen - von „Deutschland sucht den Superstar“ über „Germany's Next Topmodel“ bis zu „Unsere Besten“ (Dichter, Denker, Politiker, Sportler, Komiker, Köche, Landschaften, Fernsehmomente, Kleintierzuchtvereine) -, eine wichtige Disziplin aber bleibt außen vor: die der Moderatoren.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dort nämlich tut sich seit Jahren in Sachen Talentsuche fast gar nichts mehr. Noch vor ein paar Jahren hätte Sat.1, um eine Talkshow zu besetzen oder den Fußball zu präsentieren, Eigengewächse gezogen. Heute kauft man ARD und ZDF die Platzhirsche weg - im Umkehrschluss zu dem Prozess der vergangenen Jahre, in denen die öffentlich-rechtlichen Anstalten bei den Privaten geerntet haben, sobald Moderatoren reif für das Abendprogramm schienen: Die ARD holte mit Sandra Maischberger, Reinhold Beckmann, Harald Schmidt, Jörg Pilawa und Oliver Pocher ganz groß aus und hätte fast auch Günther Jauch bekommen; das ZDF angelte sich als Alleinunterhalter Johannes B. Kerner und zuletzt Markus Lanz. Jetzt dreht Sat.1 den Spieß um und holt Kerner zurück, der sich dort und im Internetfernsehen der Telekom und des DSF die Sendefläche holt, die ihm das Zweite nicht mehr geben wollte und die - bei einem Fernsehsender - nur noch übertroffen wird von Stefan Raab, ohne den Pro Sieben dichtmachen könnte.

          Seit Jahr und Tag da

          Doch schauen wir uns die Damen und Herren einmal an, lässt sich zweierlei feststellen: Sie sind schon seit Jahr und Tag da und über ihrer langen Bildschirmpräsenz nicht jünger geworden. Und von Jüngeren - sagen wir einmal aus der Generation Mitte zwanzig, um die dreißig - ist gar nichts zu sehen. Früher fingen vielversprechende Jungtalente im Musikfernsehen an - wo es eine Konkurrenz seit dem Tod von Viva nicht mehr gibt - oder tobten sich im Rahmenprogramm der privaten Vollsender aus. Heute sehen wir, außer in der Comedy, allüberall, in der Unterhaltung und bei den halbwegs journalistischen Sendungen, die üblichen Verdächtigen: Barbara Eligmann, Wigald Boning und Kai Pflaume bei Sat.1; Sonya Kraus, Raab und Elton bei Pro Sieben; Günther Jauch, Birgit Schrowange, Sonja Zietlow und Dirk Bach bei RTL, Beckmann, Maischberger und Pilawa im Ersten, Kerner (noch), Lanz und die Köche im Zweiten.

          Plant die Talkshow als Meinungsquiz: Stefan Raab

          Es ist bezeichnend, dass man „DSDS“ nur mit Dieter Bohlen verbindet, dass Markus Kavka nach wie vor das bekannteste Gesicht von MTV in Deutschland ist und bei Sat.1 das Urgespann Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder noch am frischesten daherkommt. In „Genial daneben“ werden die beiden und Bernhard Hoëcker als der Dritte in ihrem Bunde bestens konserviert. Wenig zu sehen aber ist schon von Mittdreißigern wie Christian Ulmen; Sarah Kuttner kümmert sich um „Kleinanzeigen“ im dritten SWR-Programm, und Kurt Krömer bleibt eine Randfigur im Ersten.

          Witze über Kohl und Schröder

          Ein wenig wie im Unterhaltungsmuseum fühlt man sich bei alldem schon, erst recht, wenn man zu mitternächtlicher Stunde Sat.1 einschaltet und dort in Endloswiederholung die Neunziger-Jugendbande mit Anke Engelke, Bastian Pastewka und Ingolf Lück sieht, die Witze über Kohl und Schröder reißt.

          Das Internet könnte die Lücke als Talentschmiede füllen, vermag es aber nicht, wie man am Beispiel von Katrin Bauerfeind erkennen kann. Als Sprecherin der von „Spiegel Online“ übernommenen Rubrik „Ehrensenf“ sorgte sie für Furore, als Moderatorin beim Kulturkanal 3sat ist sie gleich in der Versenkung verschwunden, was auch daran liegen dürfte, dass man sie mit der satirischen Qualität der Texte, die sie bei „Ehrensenf“ vortrug, verwechselt hat.

          Ob die Sender sich mit dem Generationenabriss, den man für gewöhnlich den Zeitungen unterstellt, abgefunden haben? Den dezidiert Unangepassten wie Christian Ulmen scheinen sie jedenfalls nicht über den Weg zu trauen. Nicht mehr lange, und die Jungen werden auch Stefan Raab mit seinen Marathonshows neben Thomas Gottschalks „Wetten, dass . . ?“ stellen, unter der Rubrik „Gruftie TV“ verrechnen und sich nur noch von YouTube unterhalten lassen.

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