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Großartiger „Tatort“ aus Wien : Die Hoffnung stirbt zuerst

  • -Aktualisiert am

Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) hat einen kniffligen Fall. Auch seine Tochter Claudia (Sarah Tkotsch) hat mit der seltsamen Sekte zu tun Bild: rbb

Der neue Wiener „Tatort“ ermittelt gegen das Netzwerk einer Psychosekte. Harald Krassnitzer ist als Kommissar Eisner genau der richtige, um den Fall zu lösen. Dabei stößt er auch auf Maulwürfe in den eigenen Reihen. Sehr sehenswert.

          Vor wenigen Tagen machte die Meldung die Runde, dass die Stadt Hamburg die einzige deutsche Scientology-Beratungsstelle schließe, aus finanziellen Erwägungen, so zumindest die offizielle Begründung. Angeführt wurde die Einrichtung von der streitbaren und intern offenbar als schwierig geltenden Sekten-Expertin Ursula Caberta, gegen die aber auch Scientology trotz zahlreicher Kampagnen nicht ankam. Erst die Verwaltung bringt sie nun zu Fall.

          Um das ungleich finsterere Ende einer nicht weniger schwierigen Sekten-Expertin und Beratungsstellen-Leiterin dreht sich der ausgezeichnete österreichische „Tatort“ in der Regie von Michi Riebl (nach einem Buch von Lukas Sturm) mit dem nicht ganz so ausgezeichneten Titel „Glaube, Liebe, Tod“.

          Die Psychosekte, die hier im Fokus steht und „die globalisierte Sinnsuche durch Effizienz und Erfolg“ symbolisiert, nennt sich zwar Epitarsis, ist aber schon von fern als Scientology-Camouflage erkennbar: Nicht nur das Ziel der Unterwanderung der Gesellschaft von oben („Die Welt muss unser sein“) stimmt überein, selbst Details wie das reinigende „Auditing“ werden ausgiebig zitiert. Die Gegner von Epitarsis gelten als „feindliche Elemente“ (beim Original „Suppressive Persons“) und müssen mit allen Mitteln bekämpft werden.

          Herr Kaber, großartig gespielt von August Zirner, trauert um seine tote Tochter

          Die Sektenmitglieder decken sich gegenseitig

          Da liegt es nahe, dass die Organisation die tote Studentin Anna, die in einem gefängnisartigen Zimmer in einem Rohbau gefunden wurde, auf dem Gewissen haben könnte. Schließlich war sie Epitarsis-Mitglied und kurz davor, auszusteigen, so jedenfalls berichtet die Sekten-Jägerin Maria Levin (Michou Friesz) dem verzweifelten Vater (gespielt vom großartigen August Zirner).

          Doch wie weist man dies den Epitarsis-Mitgliedern nach, die sich gegenseitig decken? Wie erst ihren aalglatten und tatsächlich verdächtig gut Bescheid wissenden Glaubensmanagern, die sich ostentativ kooperationswillig geben, aber stets einen Schritt voraus zu sein scheinen? Woher diese ihre Kenntnisse über Polizei-Interna haben, wird schnell erkennbar: Einer der Kirchenoberen gehört zur Entourage des zuständigen Staatsanwalts.

          Hauptkommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ist ob seiner zurückgenommenen Art und wohltuenden Seriosität unter allen „Tatort“-Koryphäen der Richtige für diesen Fall. Die Vermünsterung der Reihe scheint bis nach Wien noch nicht vorgedrungen: Nicht eine Minute läppischen Klamauk hat man in dieser exzellenten Folge zu ertragen. Als der Pathologe zu seinen üblichen Pathologenwitzen ansetzt, schaut ihn der Kommissar nur abschätzig und traurig an.

          Was ein Kommissar verdient

          Die Eltern der Toten sind glaubhaft verzweifelt, und Eisner nähert sich ihnen tatsächlich einfühlsam. Das Geschehen will auch nicht - obwohl das doch gerade hier nahegelegen hätte - ein Tom-Cruise-Actionknüller werden, hängt nicht per Autojagd die Logik ab, sondern bezieht seine Kraft aus einer konzentrierten Langsamkeit: all das mehr als ungewöhnlich im deutschsprachigen Fernsehkrimigenre.

          Dass man sich nicht ungestraft mit einer weltweit agierenden Organisation wie Epitarsis anlegt, die über den Ermittler bestens im Bilde ist (wobei man endlich einmal erfährt, was so ein Fernsehkommissar verdient, nämlich 3650 Euro brutto), merkt Eisner spätestens, als seine Tochter in deren Fänge gerät und er plötzlich als befangen dasteht. Zugleich scheinen auch Annas Eltern viel stärker in das Geschehen involviert als zunächst angenommen, so gehört ihnen das Haus, in dem die Studentin gefunden wurde.

          Aussteigewillige Scientologen können sich in Deutschland auch künftig beraten lassen. Zuständig ist dann nur nicht mehr die Beratungsstelle, sondern - sicherlich höchst vertrauenerweckend - der Verfassungsschutz. Hätte man dies ins Drehbuch geschrieben, wäre dem Film wohl eine Volte ins Unglaubwürdige attestiert worden.

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