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Grimme-Preise 2009 : Wenn die Umgebung Amok läuft

  • -Aktualisiert am

Wie die Erwachsenen ihr Leben aufbauen, um es wieder zu demolieren, und wie sie dabei ihre Kinder in Dienst oder nicht zur Kenntnis nehmen, davon handelt „Das wahre Leben“ mit ironischer Note und in der tröstlich behandelten Überzeugung, dass hinter jeder Ordnung ohnehin schon das nächste Chaos wartet. Volker Einrauchs (Autor) und Hermine Huntgeburths (Regie) „Teufelsbraten“ (Fernsehen: Der Film „Teufelsbraten“) ist die grandiose zweiteilige Verfilmung eines manierierten Romans von Ulla Hahn, „Das verborgene Wort“. Das unangepasste, literarisch begabte Kind Hildegard (als junge Erwachsene: Anna Fischer) fällt im katholischen, dörflichen Nachkriegsarbeitermilieu ihren Eltern (als Vater: Ulrich Noethen) „zur Last“; ganz im Gegenteil zum schwer vermittelbaren Einzelgänger Erwin (Matthias Brandt), der in Hans Steinbichlers „Die zweite Frau“ von der Mutter vergöttert wird. Auf ihre Initiative hin besorgt er sich in Rumänien eine „Katalogbraut“ (Maria Popistasu), die, einmal in der Mutter-Sohn-Idylle angekommen, sich der zugedachten Rolle nicht fügen will.

Florian Gaags rasanter Film „Wholetrain“ schließlich zeigt in kompositorisch genau aufeinander abgestimmtem Rhythmus von Bildern, Schnitt und Musik einen Ausschnitt der Sprayer-Subkultur als Gesamtkunstwerk. Statt um Verherrlichung krimineller Sachbeschädigung geht es um die subversive Form der Inbesitznahme urbaner Räume und die Selbstorganisation einer jugendlichen Clique mit eigenen Codes und eigenen Regeln.

Lebenszeit und Eigensinn

Der Mensch, sagt Alexander Kluge, könne eigentlich nur zweierlei sein Eigentum nennen: Lebenszeit und Eigensinn. Über Unangepasste, Sonderlinge und Stigmatisierte, über vergessene und überbehütete Kinder kann uns das Fernsehen besonders gut Geschichten erzählen, man sieht es an den Preisträgern dieses Jahres. Man muss es nur können. Und es muss an allen beteiligten Stellen Verantwortliche geben, die die besonderen und auf besondere Weise erzählten Filme unterstützen. „Engagiertes Fernsehen“ klingt schrecklich, aber ohne das Engagement vieler geht es dabei nicht. Zur noch profaneren Erbsenzählerei: Während im letzten Jahr das ZDF als der große Abräumer der Preise gelten durfte, kann sich in diesem Jahr die ARD, insbesondere der WDR, über drei von fünf Preisen freuen. Den einzigen im ZDF ausgestrahlten Spielfilm, „Wholetrain“, versendete der Mainzer Sender zudem um 0.25 Uhr in der Nacht.

Im Unterhaltungsfach gewinnt Bora Dagtekin mit der Krankenhaus-Sitcom „Doctor´s Diary“ (RTL, Endlich mal kein Krimi: die neue Arztserie „Doctor's Diary“ von RTL) nach „Türkisch für Anfänger“ (Die letzte Staffel von „Türkisch für Anfänger“) einen zweiten Grimme-Preis und Diana Amft als blonde Assistenzärztin ihren ersten. Dennis Kaupp und Jesko Friedrich werden für die NDR-Extra 3-Rubrik „Johannes Schlüter“ ausgezeichnet, in der ihre gleichnamige Kunstfigur beispielsweise als „Realitätsbeauftragter der katholischen Kirche“ oder „Achmed Schlüter, Verbrennflaggenproduzent aus Ramallah“ sein satirisches Unwesen treibt.

Eine Lanze für Jugendliche

Im Gegensatz zur Fiktion zieht es die ausgezeichneten Dokumentationen ins Weite der Welt, die negativen Globalisierungsfolgen bleiben auf der Agenda der Filmemacher. Auch im Fach „Information & Kultur“ dominiert in diesem Jahr eindeutig der WDR. China, Afghanistan und Iran sind unter anderem die Schauplätze von „Losers and Winners“, „Leben und Sterben für Kabul“, „Sonbol - Rallye durch den Gottesstaat“ (SWR-Reihe „Junger Dokumentarfilm“) und „Der große Ausverkauf“. Den Adolf-Grimme-Preis „Spezial“ erhalten Inge Classen und Katya Mader für Konzept und Redaktion der Reihe „Mädchengeschichten“, in der internationale Filmemacherinnen Siebzehnjährige aus unterschiedlichen Ländern porträtieren.

Im Nachhinein wirkt es, als habe die Grimme-Preis-Jury in diesem Jahr in besonderem Maß eine Lanze für Jugendliche (und junge Filmemacher) gebrochen. In einem oberflächlichen Sinn ist das ganz falsch, jedenfalls war es nicht extra beabsichtigt. In tieferem Sinn ist es nicht von der Hand zu weisen.

Alle Preisträger im Überblick

Wettbewerb Fiktion

Eva Zahn und Volker A. Zahn (Buch)
Nicole Weegmann (Regie)
Ludwig Trepte (Hauptdarstellung) für
„Ihr könnt Euch niemals sicher sein“ (ARD/WDR)
Produktion: Cologne Film, siehe Fernsehen: Das Drama „Ihr könnt euch niemals sicher sein“),

Matthias Pacht, Alexander Buresch (Buch)
Alain Gsponer (Regie)
Katja Riemann, Hannah Herzsprung (Hauptdarstellung) für
„Debüt im Ersten: Das wahre Leben“ (ARD/SWR/BR/SF),
Produktion: BurkertBareiss Development, TV60 Film,
GEP Medienfonds, C-Films

Volker Einrauch (Buch)
Hermine Huntgeburth (Regie)
Ulrich Noethen, Anna Fischer (Hauptdarstellung)
Bettina Schmidt (Ausstattung/Szenenbild) für
„Teufelsbraten“ (ARD/WDR/NDR/Arte),
Produktion: Colonia Media),
siehe: Fernsehen: Der Film „Teufelsbraten“)

Hans Steinbichler (Regie)
Matthias Brandt, Maria Popistasu (Hauptdarstellung) für
„Die zweite Frau“ (Arte/WDR),
Produktion: sperl + schott film

Florian Gaag (Buch/Regie)
Christian Rein (Kamera)
Kai Schröter (Schnitt) für
„Wholetrain“ (ZDF)
Produktion: Goldkind Film, Megaherz Film und Fernsehen, Yeti Films, Aerodynamic Films

Wettbewerb Information & Kultur

Ulrike Franke und Michael Loeken (Buch/Regie) für
Losers and Winners (WDR/Arte)
Produktion: filmproduktion loekenfranke

Hubert Seipel (Buch/Regie)
Christoph Mestmacher-Steiner und Heribert Blondiau (Redaktion) für
„Leben und Sterben für Kabul“ (NDR/WDR)
Produktion: NDR

Niko Apel (Buch/Regie) für
„Sonbol - Ralley durch den Gottesstaat“ (SWR)
Produktion: Sommerhaus Filmproduktion

Florian Opitz (Buch/Regie)
Andy Lehmann (Kamera) für
„Der große Ausverkauf“ (WDR/Arte/BR)
Produktion: spring-productions, Discofilm

Inge Classen und Katya Mader (Konzept und Redaktion) für
„Mädchengeschichten“ (ZDF/3sat)
Produktion: weltweit

Wettbewerb Unterhaltung

Bora Dagtekin (Buch)
Oliver Schmitz (stellv. für die Regie)
Diana Amft (stellv. für das Darstellerteam)
Steffi Ackermann (Produktion) für
„Doctor's Diary“ (RTL/ORF)
Produktion: Polyphon

Dennis Kaupp und Jesko Friedrich (Buch/Regie/Darstellung) für
Extra 3-Rubrik „Johannes Schlüter“ (NDR)
Produktion: NDR

Besondere Ehrung

Die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes für Verdienste um die Entwicklung des Fernsehens wird vergeben
an
Marietta Slomka und Claus Kleber (ZDF-„heute journal“)

Sonderpreis Kultur des Landes NRW

Harald Bergmann ( Buch/Regie/Montage) für
„Brinkmanns Zorn“ (WDR)
Produktion: Harald Bergmann Filmproduktion

Publikumspreis der Marler Gruppe

Thorsten Wettcke, Christoph Silber (Buch)
Richard Huber (Regie)
Martin Langer (Kamera)
Mehmet Kurtulus (Hauptdarstellung) für
„Tatort: Auf der Sonnenseite“ (ARD/NDR)
Produktion: Studio Hamburg

Eberhard-Fechner-Förderstipendium der VG Bild-Kunst

Suzan Sekerci (Buch/Regie) für
„Djangos Erben“ (SWR/Arte)
Produktion: Chroma Film

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