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„Mission Hollywood“ bei RTL : Glaube, Liebe, Striptease

Was eine Schauspielerin so können muss: Til Schweiger berät Kandidatin Annika Ernst in „Mission Hollywood” Bild: RTL

RTL hat die „Mission Hollywood“ gestartet. Darin tritt Til Schweiger als freundlicher Onkel auf, der Möchtegernschauspielerinnen hilft. Die aber müssen sich erst einmal ausziehen und einen Orgasmus vortäuschen.

          Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, einen neuen Senderchef zu „casten“? Oder den Unterhaltungsboss? Bei RTL wäre es langsam an der Zeit. Und wenn man bedenkt, wie sehr dieser Sender sich in seinem Programm der inszenierten Suche nach Talenten verschrieben hat („Deutschland sucht den Superstar“), wäre es auch nur folgerichtig. Wobei am Ende wahrscheinlich Graf Dracula oder Dolly Buster das Rennen machten, blickt man auf die Sendeleistung, die der Kölner Kanal vollbringt. Das sollte ja zueinander passen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nun wird also Deutschlands beste Schauspielerin gesucht, oder besser gesagt, eine junge Darstellerin, die eine Rolle in dem Kinofilm „Twilight“ übernehmen darf. Zwölf Kandidatinnen treten an, nur neun dürfen überhaupt mit nach Hollywood fliegen, um sich dort zu beharken. Mit Til Schweiger nach Hollywood fliegen, um genau zu sein, denn der gibt in dieser Show den Zeremonienmeister. Und das macht er alles in allem ganz sympathisch und sozialverträglich. Er ist das exakte Gegenteil von Heidi Klum, die in der Pro-Sieben-Show „Germany's Next Topmodel“ ihre Qualitäten als Menschenschinderin, die ihre Kandidatinnen quält und ganz nebenbei junge Zuschauerinnen in die Magersucht treibt, hinlänglich unter Beweis gestellt hat. Zwischen ihr als Dompteuse und Til Schweiger als Schauspielleiter liegen nicht nur in dieser Hinsicht Welten.

          Der weiße Bruder von Bruce Darnell

          Einen komischen Kompagnon hat Schweiger in seiner Show auch. Sein Name ist Bernard Hiller, er ist von Beruf tatsächlich Schauspiellehrer, arbeitet in Hollywood selbstverständlich nur mit den Größten der Branche und sagt so lustige Sachen wie: „Wer von Euch hat das Mut für diesen Abenteuer?“ Da erkennt jeder gleich: Das kann niemand anderes als der kleine weiße Bruder von Bruce Darnell sein. Doch ist bei „Mission Hollywood“ fürs Modische dann doch jemand anderes zuständig, der den jungen Frauen zur Farbe Lila rät, weil lila das neue Schwarz ist. Und zu schwarz natürlich so gut passt. Schwarz passt übrigens auch ganz toll zu schwarz. Und zu lila.

          Kennen wir die Szene nicht irgendwoher? Dina Babajic macht die Basinger

          Mit allzuviel Textilien dürfen sich die jungen Frauen aber zunächst nicht aufhalten. RTL wäre nicht RTL, wenn es nicht flugs um nackte Haut ginge. Die hoffnungsvollen Talente sollen nicht Shakespeare spielen, sondern die Hüllen fallen lassen, einen Orgasmus vortäuschen oder einen Zungenkuss von Frau zu Frau austauschen. Die Cineasten unter unseren Lesern haben die entsprechenden Filmszenen gleich erkannt: Es geht um den gespielten Orgasmus, den Meg Ryan im Diner in „Harry und Sally“ hinlegt, um Kim Basingers Striptease in „9 ½ Wochen“ und um den Schulungskuss unter Freundinnen in „Eiskalte Engel“. Was hätte RTL denn sonst schon einfallen können? Mit einem Aufzug aus „Nathan, der Weise“ dürfen wir schwerlich rechnen.

          „Solche Nippel habe ich nicht“

          Wobei wir sogleich eine Lanze für die Kandidatinnen brechen wollen. Denn die leisten im Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand. Sowohl die bildhübsche, treu-verheiratete Yesim, die als Model Geld verdient, als auch die in ihrem Glauben fest verwurzelte Friederike (ihr Glaube sei ihre „Flatrate“ sagte sie) haben wenig Lust auf Softporno. „Ich bin nicht prüde, aber ich will mich nicht am ersten Tag ausziehen“, sagt Yesim. In der Garderobe will sie sich zwecks Steigerung der erotischen Wirkung nicht einmal falsche Brustwarzen andrehen lassen: „Solche Nippel habe ich nicht.“ Sie behält sogar ihren BH an. Aus dem Off säuselt der RTL-Sprecher wenig später: „Aber die Konkurrenz schläft nicht - und mit niemandem.“ Der Text könnte aus einem Beate-Uhse-Katalog stammen.

          So geht es weiter, so geht es dahin, die jungen Frauen spielen die Szenen und landen schließlich vor dem Triumvirat, das über ihr Fortkommen entscheidet und drei der Talente schon nach der ersten Runde nach Hause schickt. Zu Bernard Hiller (der sehr schön „Ääkschnn“ sagen kann) und Til Schweiger hat sich Heiner Lauterbach als Dritter im Bunde der Jury gesellt. Bei den Kalauern, mit denen die Freunde Schweiger und Lauterbach die letzte halbe Stunde der ersten Doppelfolge rumbekommen, wäre allerdings normalerweise ein Obolus in Höhe ihrer Gesamtgage für die Machokasse fällig, geht es doch vor allem um die Echtheit und die Länge von Orgasmen. Was haben wir gelacht.

          „Du musst verlieren Dein Kopf“

          Gelacht haben wir dann doch, als Bernard Hiller wieder den Mund aufmachte und der aufrechten Yesim sagte: „Du musst verlieren Dein Kopf.“ Er muss es wohl wissen. Wir raten ihr, sie möge auf gar keinen Fall den Kopf verlieren. Denn nur mit Köpfchen kommt man weiter, vielleicht sogar bei einem nicht nur in diesem Punkt anspruchslosen Sender wie RTL.

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