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„Giulia in Love?!“ auf Pro Sieben : Ein Herz für den Trash

Ein Romantiker im Rüschenhemd, sagt Siegel, würde von ihr zum Abendessen aufgefressen Bild: Holger Rauner

An der Casting-Show „Giulia in Love?!“ kann man vieles schlecht finden: die Idee, übers Fernsehen den Mann fürs Leben zu suchen, und die Gastgeberin Giulia Siegel sowieso. Man muss es aber nicht. Eine Sympathiebekundung.

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          Fangen wir also an: Es gibt etliche Gründe, diese Sendung nicht zu mögen. Casting-Shows kann man ja eh meist in die Tonne treten, und da müsste dieser hier doch ein Ehrenplatz gebühren. Das Konzept ist so geschmacklos wie unglaubwürdig. Wenn schon ein gecasteter „Superstar“ froh sein muss, nach einem Monat nicht völlig vergessen zu sein; wenn Til Schweigers Mädchenquälshow „Mission Hollywood“ besser „Mission Lindenstraße“ hieße, wo eine Karriere sehr viel realistischer scheint und sich Schweiger auch viel besser auskennt: Wollte da jemand wirklich glauben, man könne sich in einer Fernsehshow den Mann fürs Leben casten?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Kuppel-Show, deren Premiere gestern abend bei Pro Sieben lief, heißt „Giulia in Love?!“, und es gibt etliche Gründe, auch Giulia Siegel nicht zu mögen. Die Tochter des Schlagerschreibers Ralph Siegel ist zweifellos eine der größten Nervensägen in der Medienlandschaft, die keinen roten Teppich, keine Klatschspalte und keine Peinlichkeit auslässt. Sie nennt sich Giulia, obwohl sie Julia heißt, sie nennt sich Schauspielerin, obwohl sie keine ist. Hauptberuflich ist sie im Fernsehen, wobei völlig unerheblich ist, wo: „McDonald's Chart Show“, „Der Club der Ex-Frauen“ oder „Schwupps“ hießen die Marksteine der Fernsehgeschichte, in denen Siegel ihre Spuren hinterließ. Im RTL-Dschungelcamp war sie auch und schaffte es dort, zur meistgehassten Frau im Lande zu werden, die verwöhnt und wehleidig, link und überheblich wirkte. Und nun also „Giulia in Love?“: Schlimm, was für Trash das Fernsehen uns so alles vorsetzt.

          Ein Star, mit dem man nicht tauschen will

          Alle einverstanden? Das dachten wir uns. Dann müssen wir an dieser Stelle wohl sagen: auf wiederlesen. Im folgenden nämlich soll es darum gehen, warum wir „Giulia in Love?“ doch gar nicht so schlimm finden, ja warum wir die erste Folge sogar mochten. Wir finden ja nicht einmal Giulia Siegel so schlimm, sondern konnten ein wenig Respekt vor ihr schon immer nicht verhehlen. Sie ist eine Art Star, aber niemand, mit dem wir gern tauschen würden, und sie hat für das, was sie für Ruhm halten mag, hart gearbeitet. Man könnte es auch Drecksarbeit nennen. Sehr angenehm stellen wir uns die permanente Selbstentblößung in aller Öffentlichkeit jedenfalls nicht vor. Siegel, die drei Kinder hat, tut das, was sie wohl am besten kann und was von ihr erwartet wird. Ihren Dschungelcamp-Besuch hat sie generalstabsmäßig vorbereitet, hat sich schnell noch für den „Playboy“ entblättert und im Camp alles getan, um ein Profil zu gewinnen, das sie noch ein Weilchen für die Medien interessant macht. Um sich bereitwillig von der halben Nation hassen zu lassen, muss man schon tapfer sein. Es soll niemand sagen, dass sie ihren Job nicht ernstnähme.

          Mit einer guten Freundin und einem bildschirmbekannten Hochzeitsplaner nimmt Siegel die Kandidaten in Augenschein

          Auch „Giulia in Love?!“ nimmt sie spürbar ernst - so ernst jedenfalls, wie man eine Sendung, die ihre eigene Glaubwürdigkeit durch ein Fragezeichen im Titel anzweifelt, nehmen kann. Jetzt mache sie „echt ein Männer-Casting im Fernsehen, krass“, sagt Siegel mit gespieltem Entsetzen auf dem Weg zu den sechzig Kandidaten, die es durch die Vorauswahl schafften. Doch als sie dann aus dem Wagen steigt und die große Treppe nach oben steigt, vorbei an sechzig begeistert applaudierenden Männern, meint man ihr eine echte Kleinmädchenfreude anzumerken. „Ich liebe es, den Mann zu bedienen“, erklärt sie ihre Vorliebe. Wenn er von der Arbeit nach Hause komme, solle er erst einmal ein Bier trinken und ein wenig fernsehen, bevor er sich um die Familie kümmere - und sie bloß nicht beim Kochen in der Küche stören. Man darf es wohl als Sieg der Emanzipation werten, dass eine Frau sich heute so im Fernsehen äußern darf.

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