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Gastronomie : Wo gekocht wird, fallen Krümel

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Ein Abbruch wäre nicht leicht möglich gewesen, denn wer bei Imago TV unterschrieben hat, „nach bestem Bemühen sich nach den Wünschen des Produzenten zu richten“, kommt aus dem Vertrag nur schwer heraus. Dort steht: „Das Recht des Mitwirkenden, diese Vereinbarung ordentlich zu kündigen, wird ausgeschlossen.“ Kündigen darf allerdings die Produktionsfirma, jederzeit und ohne Einhaltung einer Frist. Den Mitwirkenden hingegen wird vertraglich das Recht abgesprochen, eine einstweilige Verfügung gegen die „Auswertungen“ zu erwirken. Das heißt: Die Inhaber können sich kaum gegen das wehren, was das Fernsehen nachher über sie erzählt. Imago TV möchte sich auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu dem Vorgehen nicht äußern und verweist an Kabel 1. Dort heißt es: „Zu Vertragsinhalten äußern wir uns grundsätzlich nicht.“

„Die können ja gar nichts!“

„Was dort passiert, ist für ein kleines Restaurant eine hundertprozentige Fahrt gegen die Wand“, sagt Anja Marschall, eine Testesserin, die Imago TV ins „Carpe Diem“, einen Familienbetrieb im schleswig-holsteinischen Wilster, einlud. Das Testessen ist fester Bestandteil von „Rosins Restaurants“. Am ersten Tag kommt der Sternekoch unangemeldet mit Kamerateam ins Lokal und beauftragt die Küche, binnen Stunden ein Menü für mehr als dreißig Gäste zu zaubern, die dann die Qualität beurteilen. Meist fallen die Bewertungen nicht gut aus. Anschließend zeigt Rosin dem Team, was zu verbessern wäre. Beim zweiten Testessen sind alle höchst zufrieden.

Um diese Dramaturgie durchzuhalten, muss bei „Rosins Restaurants“ gelegentlich nachgeholfen werden. Das Kamerateam taucht in vielen Fällen sonntags auf, wenn Supermärkte und Großhändler geschlossen haben. Dann gehen der Küche die Vorräte aus, der Koch muss Besorgungen an der Tankstelle machen oder sich Gemüse in der Dönerbude leihen. Wenn beim Testessen zwei Portionen fehlen und der Koch ratlos ist, hat auch der letzte Zuschauer begriffen, dass hier Dilettanten am Werk sein müssen. Dass statt der angekündigten 35 Gäste auch schon mal ein paar mehr im Lokal sitzen, erfährt das Publikum nicht.

Aber Rosin kann in die Kamera schimpfen: „Die können ja gar nichts! Hier muss ich ganz von vorne anfangen!“ Testesserin Marschall findet hingegen: „Es ist doch kein Versäumnis, wenn ein kleiner Betrieb nicht 35 Rinderfilets vorrätig hält, weil jeden Tag das Kamerateam von Kabel 1 vorbeikommen könnte.“ Dabei habe das „Carpe Diem“ durchaus von Rosins Besuch profitiert: Die Einrichtung wirke aufgeräumter, vor der Tür ließ der Sternekoch ein Schild anbringen, auf dem nicht mehr „Gourmetküche“ versprochen wird, sondern gutes mediterranes Essen.

Eine Spur dramatischer, aussichtsloser und lauter

„Das, was Rosin sagt, hat ja Hand und Fuß“, findet ein anderer Gastronom, der die Hilfe in Anspruch nahm. Wie die meisten Wirte hat er sich jedoch eine detailliertere Beratung erhofft - und nicht, dass ein Sternekoch durch den Betrieb saust, den Ratschlag gibt, alle Gerichte fünfzig Cent teurer zu machen und ein paar Blumenkübel wegzuräumen. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass es um unser Restaurant ging, sondern nur darum, das Schema für die Sendung durchzuziehen.“

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