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Fünfzig Jahre „Sportschau“ : Die Querfeldeinfahrer sind weg

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Er hatte noch einen Pappkoffer im Studio: Addi Furler im März 1981 in der „Sportschau” Bild: WDR

Was waren das noch für Zeiten, als hier die Stammbäume von Rennpferden bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgt wurden: Die ARD zeigt, wie ihre „Sportschau“ zur Fußballshow wurde.

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          Sport ist in den Medien - für die Macher und für die Konsumenten - in erster Linie ein unterhaltender Stoff. Das war nicht immer so. Den Beginn der rasanten Boulevardisierung, des Starrummels, der Emotionalisierung lässt sich auf das Jahr 1988 datieren, als der erste private Fernsehsender (RTL mit der Sendung „Anpfiff“) in die Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga einstieg. Zur Show wurde Fußball dann endgültig 1992 bei Sat.1 („ran“). „Wir haben viel gelernt von den Privaten“, sagt Ernst Huberty, der in der ARD als „Mister Sportschau“ gilt. Wer hätte das gedacht.

          Leidenschaft war nicht im Spiel, als die „Sportschau“ vor fünfzig Jahren auf Sendung ging. Addi Furler, Günter Siefarth und Huberty präsentierten Sport fachlich, nüchtern, zurückhaltend - zumindest bis Hans-Joachim Rauschenbach mit seinen berüchtigten Wortspielen und waghalsigen Sprachbildern kam. Siefarth wurde später mit der (ebenfalls leidenschaftslosen) Kommentierung der ersten Mondlandung berühmt. „Alle zehn Jahre“, sagt Dieter Kürten vom ZDF, „ist die Moderation eine andere, wie das Essen oder die Mode.“ Dieter Adler meint: „Wie langatmig waren wir damals, um nichts anderes zu sagen.“

          Pferdestammbäume im 18. Jahrhundert

          1961 hatte Sport noch keinen sehr hohen Stellenwert im Fernsehen. Robert Lembke als Sportkoordinator der ARD schuf mit der „Sportschau“ ein „Nest für den Sport“ , wie Huberty es nennt. Dieter Adler spricht zum Jubiläum - das ein paar Monate zu früh begangen wird, denn die Erstsendung war am 4. Juni - von einem „Schaufenster für den Sport“, das damals geöffnet worden sei. Und dann sieht man, was wir alles verloren oder vergessen haben; Feldhandball und Kanupolo, Trab, Seitenwagenrennen und Querfeldein-Radfahren. „Die vermatschten Menschen“, sagt Reinhold Beckmann und zieht ein komisches Gesicht, „wo sind sie geblieben? Ich weiß gar nicht, ob es Querfeldeinfahrer noch gibt.“ Nicht mehr in der „Sportschau“ jedenfalls, die inzwischen eine „Fußball-Schau“ ist. Die elf Jahre, bis 2003, als Sat.1 die Bundesliga exklusiv übertrug, seien „eine schwere Zeit“ gewesen, heißt es in dem Geburtstagsbeitrag.

          Er grüßte wie ein Heinzelmännchen: Heribert Fassbender
          Er grüßte wie ein Heinzelmännchen: Heribert Fassbender : Bild: WDR

          Den immensen, vielleicht grotesken Stellenwert des Fußballs hat gerade die neue ARD-Vorsitzende, die WDR-Intendantin Monika Piel, herausgestellt: Das Erste brauche, trotz der hohen Rechtekosten (ein dreistelliger Millionenbetrag pro Saison), den Spitzenfußball. „Das hat etwas mit Gebührenakzeptanz zu tun. Wer die Gebühr zahlt, möchte auch seinen Lieblingssport sehen. Es ist eines der Programmangebote, bei dem wir auch junges Publikum erreichen.“ Die Übertragungen von Olympischen Spielen stellt Monika Piel dagegen zur Disposition. Es sei möglich, dass die ARD ganz oder teilweise auf die Spiele verzichte: „Das ist eine reine Geldfrage“. Dazu passt die Nachricht, dass die Leichtathletik-WM in diesem Sommer mit großer Wahrscheinlichkeit nicht live bei ARD (und ZDF) läuft (siehe: Leichtathletik im Fernsehen: Leben jenseits von live).

          Fünfzig verschiedene Sportarten haben einst Platz gehabt in einem „Sportschau“-Jahr. Addi Furler bekam Zeit en masse, um sein Lieblingsthema, Pferderennsport, auszubreiten und auch mal den Stammbaum des „Galoppers des Jahres“ bis ins achtzehnte Jahrhundert zu verfolgen.

          „Tor des Monats“ gegen Torwandschießen

          Huberty sagt, die „Sportschau“ sei erst Kult geworden mit der Gründung der Fußball-Bundesliga 1963. Die ARD durfte zunächst nur zwei Spiele in Ausschnitten zeigen - und war in dieser vordigitalen Zeit auch noch darauf angewiesen, dass die Filmrollen per Motorradkurier rechtzeitig in Köln eintrafen. Am 24. August 1963 um siebzehn Uhr schoss Timo Konietzka das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. Zu sehen war davon in der ARD-“„Sportschau“ leider nichts. Als das Fernsehen sich zu interessieren begann für den Sport, zögerten die Veranstalter - auch der Deutsche Fußball-Bund - mit ihrer Zustimmung, fürchteten sie doch einen „Zuschauerklau“ durch Übertragungen. Als Einnahmequelle und Werbelokomotive sah das Fernsehen erst einmal niemand.

          1963 brachte der ARD nicht nur die Bundesliga, sondern auch erste Konkurrenz im Fernsehen, das „Aktuelle Sportstudio des ZDF“. „Die ZDF-Kollegen waren immer populärer“, stellt Heribert Faßbender fest, der irgendwann den Titel „Mister Sportschau 2“ verliehen bekam und den viele auch unter der Bezeichnung „'N Abend allerseits“ kennen. Das ZDF erfand 1966 das Torwandschießen - und machte das Erste mächtig neidisch. Im März 1971 konterte man dort mit dem „Tor des Monats“, das der frühere Fußballstar Günter Netzer als „großartige Erfindung“ bezeichnet (die Idee übernahm man aber von der BBC, die 1970 diesen Einfall hatte). Gerhard Faltermeier vom SSV Jahn Regensburg wurde als Erster ausgezeichnet. Und nicht Netzer, sondern Klaus Fischer - mit einem in der Tat für viele unvergesslichen Fallrückzieher im November 1977 - habe die „Mutter aller Tore des Monats“ erzielt, erfahren wir. 435 Mal wurde der Ehrentitel inzwischen vergeben, nicht nur an Männer und nicht nur an Profis.

          Pflichtprogramm für Fußballer

          Die Jubiläumssendung bringt Anekdoten, Pannen und Selbstbeweihräucherung, sie ist jedoch auch ein kurzer, spannender Abriss der Medien- und Sportentwicklung. Lange vorbei sind die Tage, als Interviews in der Kabine, im Mannschaftsbus oder während des Spiel an der Trainerbank geführt werden konnten, als es eine enge, fast harmonische Zweierbeziehung zwischen dem Fußball und seinen Berichterstattern gab. „Geht mal weg hier, sonst kriegt ihr nie wieder einen Interviewpartner“, sagt Otto Rehhagel als Trainer des SV Werder Bremen in einer der im Fernseharchiv gefundenen Szenen. Solch ein Reizklima ist heute normal zwischen Spielern, Trainern und Vereinsmanagern auf der einen und Reportern auf der anderen Seite.

          Viele Sportarten sind von Bildschirm verschwunden, und es wird klar, dass das Fernsehen die Macht hat zu entscheiden, was populär ist und wer ein Aschenputteldasein zu führen hat. Die wachsende Zahl der Sportarten, die heute außer bei den Olympischen Spielen keine Rolle mehr haben (oder nicht einmal mehr dann), hat das gebührenfinanzierte Fernsehen mit zu verantworten. Günter Netzer sagt: „Sportschau - das ist Pflichtaufgabe, das zu schauen.“ Als Fußballer hat er vielleicht immer noch recht.

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