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„Frauentausch“ mit Folgen : Vom Umtausch ausgeschlossen

15.000 Einwohner: Zerbst/Anhalt Bild: Staun

Die Reality-Soap „Frauentausch“ ist erschreckend erfolgreich. Im anhaltinischen Zerbst hat die Sendung nun drastische Folgen: Die ostdeutsche Kleinstadt wehrt sich gegen ihre Darstellung - doch richtet ihren Zorn gegen die Falschen.

          Der Kaffee ist längst kalt, als Bürgermeister Behrendt zum ersten Mal davon trinkt. Schon öfter hat er in den vergangenen Tagen der Presse erklärt, wie die Geschichte angefangen hat, diese dumme Geschichte, über die seit Wochen die ganze Stadt redet, und wie die Sache eskalierte, aber weil es um mehr geht, als um diesen Fall, um mehr als um die Stadt Zerbst und ihre 15.000 Einwohner, denen Helmut Behrendt seit 17 Jahren vorsteht, nimmt er ganz gerne die Gelegenheit wahr, etwas weiter auszuholen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So also führt der Weg sehr schnell zurück in die Geschichte der anhaltinischen Kreisstadt, zu Katharina der Großen, der Tochter aus dem Fürstentum Anhalt-Zerbst und weiter, in die letzten Kriegstage des Jahres 1945, als alliierte Luftangriffe die Stadt zu achtzig Prozent zerstörten und nicht mehr viel übrigließen von den mittelalterlichen Bauten, die Zerbst bis dato den Beinamen „Rothenburg ob der Tauber Mitteldeutschlands“ eingebracht hatten; zu den Kommunisten und ihrer „brutalen Bauweise“ und dem „Stadtumbauprogramm Ost“, das nun helfen soll, die Plattenbauten, in denen keiner mehr wohnen will, „zurückzubauen“, vor allem am Markt mit seiner Rolandfigur aus Sandstein, hinter dem sich eindrucksvoll die Ruine der spätgotischen Nikolaikirche erhebt, und, weniger eindrucksvoll, eine Leistungsschau der Wohnungsbauserie 70. „Wir sind ja sowieso schon eine geschundene Stadt“, sagt Behrendt, und tatsächlich hilft sein kleines Geschichtsreferat, um nachzuvollziehen, warum sich diese Stadt so heftig gegen ihre aktuelle Demütigung wehrt, auch wenn in der Reihe der historischen Schicksalsschläge die Dimensionen ein wenig durcheinandergeraten zu sein scheinen: erst kamen die Bomben, dann der Sozialismus, und jetzt auch noch das Fernsehen.

          Heruntergekommene Ecken

          Der Bürgermeister jedenfalls hat seine Stadt nicht wiedererkannt, als er vor drei Wochen die Bilder sah, die in der RTL-2-Sendung „Frauentausch“ von ihr gezeigt wurden, nicht, weil er ihre heruntergekommenen Ecken nicht kennen würde, die Häuser mit den eingeschlagenen Fenstern, die graubraunen Fassaden und eben jene Relikte der Ostmoderne, die sich in Zerbst doch immer wieder eher unvorteilhaft ins Stadtbild schieben. Repräsentativ waren die Bilder, die RTL 2 von der Stadt zeigte, trotzdem nicht, wobei man dem Kamerateam zugestehen muss, dass es nicht allzu lange suchen musste, um die passenden Kulissen zu finden, mit denen sie die wenig idyllischen Wohnverhältnisse der Zerbster Familie Leps ergänzen konnte, die im Mittelpunkt der Folge stand.

          Marktplatz mit Roland und Nikolaikirche

          Gerade das Altstadtgebiet, in dem das Haus der Familie steht, gilt auch in Zerbst seit langem als Schandfleck, und es wäre sicher übertrieben, ausgerechnet von einer Sendung wie „Frauentausch“ zu erwarten, darauf hinzuweisen, dass es eher die noch immer ungeklärten Eigentumsverhältnisse der Häuser sind, die ihre Restaurierung verhindern, als etwa der mangelnde Wille der Bewohner. Man darf den Produzenten sogar glauben, dass es ihnen bei der Darstellung, die Behrendt als „Hinrichtung der Stadt und des ganzen Ostens“ empfindet, nicht um die Diffamierung der Stadt ging, sondern ganz einfach darum, noch ein wenig Kontrastmittel in die ohnehin schon deutlich sichtbaren sozialen Gegensätze zu schütten.

          Erschreckend erfolgreich

          Auch in Folge 198 der Sendung also wechselten, wie es deren Konzept vorsieht, zwei Mütter ihre Familien: die Zerbsterin Yvonne (32) zog für zehn Tage in die Familie von Natalie (38) aus Hamburg, und umgekehrt. Dass im Rahmen dieses Fernsehexperiments zwei möglichst unterschiedliche Milieus mit voller Wucht aufeinanderprallen, ist das dramaturgische Motiv, mit dem die Sendung erschreckend erfolgreich ist. Soeben lief die 200. Folge von „Frauentausch“, die Quoten lagen zuletzt bei etwa zehn Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Nicht immer arten die sozialen Differenzen der Teilnehmer in ressentimentgeladenen Krawall aus, der Zerbster Folge aber gelang es zweifellos ganz gut, das menschenverachtende Potential des Formats auszuschöpfen. „Es ist nicht unsere Absicht, Vorurteile zu bedienen“, beteuert RTL-2-Sprecherin Susanne Raidt; umso erstaunlicher ist es, wie gut das trotzdem immer wieder gelingt.

          Gut möglich also, dass sich die Regie auch diesmal gar keine große Mühe geben musste, um sich über die arbeitslose und übergewichtige Yvonne lustig zu machen, die ihre Tage normalerweise mit Fernsehen oder Essen oder beidem gleichzeitig verbringt und für die die Fahrt nach Hamburg die bisher weiteste Reise ihres Lebens war. Es reichte, zum Beispiel, der Einkaufszettel, mit dem sie ihre Hamburger Gastfamilie in den Supermarkt schickt, um Auberginen und Avocado zu kaufen, woraufhin sie mit einer Artischocke zurückkehrt. Was für ein Zufall, dass auch Yvonnes Mann Christian (35), der nach einem Bandscheibenvorfall vor zwei Jahren die Suche nach einem neuen Job offensichtlich nicht mehr ganz so inspiriert angeht, nicht viel dazu beiträgt, den Ruf der Hartz-IV-Empfänger zu rehabilitieren. Dass Christian nicht der ausgeglichenste Zeitgenosse ist, bekommt sehr schnell auch Natalie zu spüren, eine zum Islam konvertierte gebürtige Polin, der man natürlich umgekehrt auch nicht vorwerfen kann, dass sie als Mitglied der „lebenslustigen Mini-EU-Familie aus dem hohen Norden“ (ihr Lebensgefährte ist Franzose) zum Gegenentwurf der mustergültigen Ost-Tristesse gemacht wird.

          Verletzter Lokalstolz

          Natürlich hätte jeder den Namen der Stadt Zerbst schon längst vergessen, wenn nicht ihre Bürger dagegen protestiert hätten, ihn falsch in Erinnerung zu behalten, und wer sich ein wenig auskennt mit den Mechanismen des Boulevardfernsehens, dem fällt es leicht, den verletzten Lokalstolz für naiv zu halten; am Ende aber besteht diese Naivität nur darin, dass eben doch noch ein paar Menschen das Fernsehen ernst nehmen, wenn es behauptet, dass es sich bei dem Genre Reality-Doku-Soap trotz aller Schmiererei noch um die Abbildung der Wirklichkeit handelt. Wie gründlich in der Rezeption dabei die Ebenen durcheinandergeraten können, offenbart sich in den traurigen Auswüchsen, die der Protest zwischenzeitlich angenommen hatte: Es dauerte nicht lange, bis sich die Empörung über das Fernsehen nicht mehr auf Leserbriefe beschränkte, sondern gegen die Familie selbst richtete. Weil sich Christian in der Sendung in einer Szene überzogen cholerisch über ein kaputtes Frühstücksbrettchen erregte, das Natalie beim Abwaschen zu Bruch gegangen war („Das kostet 2,50 Euro, das ist für mich viel Geld“), steckten ihm seine Mitbürger bald massenweise Ersatzbrettchen in den Briefkasten.

          Am Mittwochabend, rund eine Woche nach der Ausstrahlung der Folge am 8. Januar, standen dann plötzlich rund fünfzig aufgebrachte Menschen vor dem Haus der Leps, beschimpften die Familie und warfen rohe Eier und Flaschen gegen die Hauswand. Eine Woche später wiederholten sich die Proteste, wobei die mittlerweile mit vier Wagen Streife fahrende Polizei schlimmere Ausschreitungen verhinderte. Vergangenes Wochenende warfen Unbekannte nachts eine Scheibe ein und beschädigten die Rollläden. Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt, am vergangenen Mittwoch jedenfalls kam es zu keinen weiteren Ausschreitungen, aber noch immer finden sich ein paar geschmacklose Witzbolde, die der Familie leere Umzugskartons vor die Tür stellen. Dass es sich bei diesem Mob wohl größtenteils um gelangweilte Jugendliche handelt, dürfte die Laune der Familie kaum verbessern. Man muss Christian Leps angesichts dieser Hexenjagd für den Mut bewundern, überhaupt noch die Tür zu öffnen, wenn ein Reporter davorsteht, auch wenn er sie dann gleich mit den Worten wieder schließt, er habe zu der Sache nichts mehr zu sagen, schauen Sie sich doch das Haus an.

          Sehr dünne Rechtfertigung

          Die drastischen Folgen ihres Auftritts, die die Familie nun zu spüren bekommt, waren, da hat der Sender sicher recht, „nicht absehbar“. Und trotzdem ist es eine sehr dünne Rechtfertigung, wenn die Pressesprecherin darauf hinweist, dass die Teilnehmer in Gesprächen „auf ihre Fernsehpräsenz“ vorbereitet werden, und überhaupt die Sendung den Kandidaten ja bekannt sei: „Die Protagonisten“, meint Raidt, „sind zugleich Zuschauer“, als wäre es egal, auf welcher Seite des Bildschirms sie stehen. Der Familie Leps jedenfalls hat es nicht einmal geholfen, dass sie schon vor der Teilnahme an „Frauentausch“ auf eine bizarre Medienkarriere zurückblicken konnte: Es ist ja immer gut gegangen, bei „Vera am Mittag“, bei „Britt“ und bei „Susan – Familienhilfe mit Herz“, wie sollten sie damit rechnen, dass diesmal alles anders kommt. Selbst wer die Dynamik der Mediengesellschaft kennt, hätte im schlimmsten Fall damit gerechnet, dass ein paar demütigende Szenen auf dem Mischpult von Stefan Raab landen; dass sie ihr Feedback in der Wirklichkeit finden, fiel bisher eher selten auf. Und umgekehrt erklärt vielleicht genau die Medialisierung der Familie, warum sich der Protest ihrer Mitbürger gegen die Opfer richtet, statt gegen die verantwortlichen Produzenten: Auch für die Zerbster sind Yvonne und Christian längst identisch mit den Medienfiguren, zu denen sie das Fernsehen gemacht hat.

          Es ist kein Zufall, dass die Effekte dieser Hyperrealität in einer Kleinstadt heftiger erfahrbar werden als in der Metropole, und deshalb ist es mehr als eine skurrile Anekdote, dass sie auch in Zerbst schon einmal jemand zu spüren bekam. Nicht weit vom Haus der Leps, am Rand des Schlossparks, liegt das Restaurant „Zerbster Pavillon“. Vor eineinhalb Jahren hat Dagmar Fritzsche das Lokal übernommen, mitsamt seinem schlechten Ruf, und weil auch noch nach Monaten kaum Gäste kamen, hat auch sie bei RTL 2 angerufen und gefragt, ob nicht die sogenannten „Kochprofis“ einmal vorbeikommen könnten. Vom Einsatz der Fernsehköche und der Zusammenarbeit mit dem Fernsehteam schwärmt Fritzsche noch immer, und vielleicht würde sie auch heute ganz anders über die „Frauentausch“-Posse denken, wäre ihr damals nicht dieser eine kleine Satz herausgerutscht: „Ich will, dass das Nest aus seinem Schlaf erwacht.“

          Das „Nest“ war sauer

          Von den 300 Gästen, die noch bei der Neueröffnung ungeduldig vor der Tür warteten, kamen nach der Ausstrahlung der Sendung erstmal so gut wie keine mehr. „Das Nest“ war sauer, und schon damals verlangte der Bürgermeister eine Entschuldigung. „Ich hatte nie beabsichtigt, Zerbst in ein schlechtes Licht zu rücken“, sagt Fritzsche, aber den Satz öffentlich zurücknehmen wollte sie auch nicht. Ein halbes Jahr brauchte sie, um nach und nach ihre Stammgäste zurückzugewinnen, und auch wenn sie davon überzeugt ist, dass die Küche von der professionellen Hilfe profitiert hat, wird sie wohl noch eine Weile auf den Transitverkehr setzen müssen, der auf der Fahrt von Magdeburg nach Dessau hier vorbeikommt. Wer sich ein wenig in der Stadt umhört, stellt jedenfalls fest, dass von einem Imagegewinn kaum die Rede sein kann.

          Natürlich sind die beiden Fälle kaum vergleichbar, und wenn schon eine nebensächliche Bemerkung einer Wirtin zu überraschend heftigen Reaktionen führt, dann liegt das sicher auch an den besonderen Befindlichkeiten der Kleinstadt. Dass aber die Auftritte all der Akteure des Realityfernsehens überhaupt eine Fortsetzung in der Wirklichkeit haben, ist eine Konsequenz, die Zuschauer und Produzenten mittlerweile völlig ausgeblendet haben. Dabei fällt es der Rezeption nicht schwer, darüber zu erschrecken, wo das Fernsehen heute überall hinkommt. Manchmal aber fängt der Horror erst an, wenn es wieder wegfährt.

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