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„Frauentausch“ mit Folgen : Vom Umtausch ausgeschlossen

Die drastischen Folgen ihres Auftritts, die die Familie nun zu spüren bekommt, waren, da hat der Sender sicher recht, „nicht absehbar“. Und trotzdem ist es eine sehr dünne Rechtfertigung, wenn die Pressesprecherin darauf hinweist, dass die Teilnehmer in Gesprächen „auf ihre Fernsehpräsenz“ vorbereitet werden, und überhaupt die Sendung den Kandidaten ja bekannt sei: „Die Protagonisten“, meint Raidt, „sind zugleich Zuschauer“, als wäre es egal, auf welcher Seite des Bildschirms sie stehen. Der Familie Leps jedenfalls hat es nicht einmal geholfen, dass sie schon vor der Teilnahme an „Frauentausch“ auf eine bizarre Medienkarriere zurückblicken konnte: Es ist ja immer gut gegangen, bei „Vera am Mittag“, bei „Britt“ und bei „Susan – Familienhilfe mit Herz“, wie sollten sie damit rechnen, dass diesmal alles anders kommt. Selbst wer die Dynamik der Mediengesellschaft kennt, hätte im schlimmsten Fall damit gerechnet, dass ein paar demütigende Szenen auf dem Mischpult von Stefan Raab landen; dass sie ihr Feedback in der Wirklichkeit finden, fiel bisher eher selten auf. Und umgekehrt erklärt vielleicht genau die Medialisierung der Familie, warum sich der Protest ihrer Mitbürger gegen die Opfer richtet, statt gegen die verantwortlichen Produzenten: Auch für die Zerbster sind Yvonne und Christian längst identisch mit den Medienfiguren, zu denen sie das Fernsehen gemacht hat.

Es ist kein Zufall, dass die Effekte dieser Hyperrealität in einer Kleinstadt heftiger erfahrbar werden als in der Metropole, und deshalb ist es mehr als eine skurrile Anekdote, dass sie auch in Zerbst schon einmal jemand zu spüren bekam. Nicht weit vom Haus der Leps, am Rand des Schlossparks, liegt das Restaurant „Zerbster Pavillon“. Vor eineinhalb Jahren hat Dagmar Fritzsche das Lokal übernommen, mitsamt seinem schlechten Ruf, und weil auch noch nach Monaten kaum Gäste kamen, hat auch sie bei RTL 2 angerufen und gefragt, ob nicht die sogenannten „Kochprofis“ einmal vorbeikommen könnten. Vom Einsatz der Fernsehköche und der Zusammenarbeit mit dem Fernsehteam schwärmt Fritzsche noch immer, und vielleicht würde sie auch heute ganz anders über die „Frauentausch“-Posse denken, wäre ihr damals nicht dieser eine kleine Satz herausgerutscht: „Ich will, dass das Nest aus seinem Schlaf erwacht.“

Das „Nest“ war sauer

Von den 300 Gästen, die noch bei der Neueröffnung ungeduldig vor der Tür warteten, kamen nach der Ausstrahlung der Sendung erstmal so gut wie keine mehr. „Das Nest“ war sauer, und schon damals verlangte der Bürgermeister eine Entschuldigung. „Ich hatte nie beabsichtigt, Zerbst in ein schlechtes Licht zu rücken“, sagt Fritzsche, aber den Satz öffentlich zurücknehmen wollte sie auch nicht. Ein halbes Jahr brauchte sie, um nach und nach ihre Stammgäste zurückzugewinnen, und auch wenn sie davon überzeugt ist, dass die Küche von der professionellen Hilfe profitiert hat, wird sie wohl noch eine Weile auf den Transitverkehr setzen müssen, der auf der Fahrt von Magdeburg nach Dessau hier vorbeikommt. Wer sich ein wenig in der Stadt umhört, stellt jedenfalls fest, dass von einem Imagegewinn kaum die Rede sein kann.

Natürlich sind die beiden Fälle kaum vergleichbar, und wenn schon eine nebensächliche Bemerkung einer Wirtin zu überraschend heftigen Reaktionen führt, dann liegt das sicher auch an den besonderen Befindlichkeiten der Kleinstadt. Dass aber die Auftritte all der Akteure des Realityfernsehens überhaupt eine Fortsetzung in der Wirklichkeit haben, ist eine Konsequenz, die Zuschauer und Produzenten mittlerweile völlig ausgeblendet haben. Dabei fällt es der Rezeption nicht schwer, darüber zu erschrecken, wo das Fernsehen heute überall hinkommt. Manchmal aber fängt der Horror erst an, wenn es wieder wegfährt.

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