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„Frauentausch“ mit Folgen : Vom Umtausch ausgeschlossen

Gut möglich also, dass sich die Regie auch diesmal gar keine große Mühe geben musste, um sich über die arbeitslose und übergewichtige Yvonne lustig zu machen, die ihre Tage normalerweise mit Fernsehen oder Essen oder beidem gleichzeitig verbringt und für die die Fahrt nach Hamburg die bisher weiteste Reise ihres Lebens war. Es reichte, zum Beispiel, der Einkaufszettel, mit dem sie ihre Hamburger Gastfamilie in den Supermarkt schickt, um Auberginen und Avocado zu kaufen, woraufhin sie mit einer Artischocke zurückkehrt. Was für ein Zufall, dass auch Yvonnes Mann Christian (35), der nach einem Bandscheibenvorfall vor zwei Jahren die Suche nach einem neuen Job offensichtlich nicht mehr ganz so inspiriert angeht, nicht viel dazu beiträgt, den Ruf der Hartz-IV-Empfänger zu rehabilitieren. Dass Christian nicht der ausgeglichenste Zeitgenosse ist, bekommt sehr schnell auch Natalie zu spüren, eine zum Islam konvertierte gebürtige Polin, der man natürlich umgekehrt auch nicht vorwerfen kann, dass sie als Mitglied der „lebenslustigen Mini-EU-Familie aus dem hohen Norden“ (ihr Lebensgefährte ist Franzose) zum Gegenentwurf der mustergültigen Ost-Tristesse gemacht wird.

Verletzter Lokalstolz

Natürlich hätte jeder den Namen der Stadt Zerbst schon längst vergessen, wenn nicht ihre Bürger dagegen protestiert hätten, ihn falsch in Erinnerung zu behalten, und wer sich ein wenig auskennt mit den Mechanismen des Boulevardfernsehens, dem fällt es leicht, den verletzten Lokalstolz für naiv zu halten; am Ende aber besteht diese Naivität nur darin, dass eben doch noch ein paar Menschen das Fernsehen ernst nehmen, wenn es behauptet, dass es sich bei dem Genre Reality-Doku-Soap trotz aller Schmiererei noch um die Abbildung der Wirklichkeit handelt. Wie gründlich in der Rezeption dabei die Ebenen durcheinandergeraten können, offenbart sich in den traurigen Auswüchsen, die der Protest zwischenzeitlich angenommen hatte: Es dauerte nicht lange, bis sich die Empörung über das Fernsehen nicht mehr auf Leserbriefe beschränkte, sondern gegen die Familie selbst richtete. Weil sich Christian in der Sendung in einer Szene überzogen cholerisch über ein kaputtes Frühstücksbrettchen erregte, das Natalie beim Abwaschen zu Bruch gegangen war („Das kostet 2,50 Euro, das ist für mich viel Geld“), steckten ihm seine Mitbürger bald massenweise Ersatzbrettchen in den Briefkasten.

Am Mittwochabend, rund eine Woche nach der Ausstrahlung der Folge am 8. Januar, standen dann plötzlich rund fünfzig aufgebrachte Menschen vor dem Haus der Leps, beschimpften die Familie und warfen rohe Eier und Flaschen gegen die Hauswand. Eine Woche später wiederholten sich die Proteste, wobei die mittlerweile mit vier Wagen Streife fahrende Polizei schlimmere Ausschreitungen verhinderte. Vergangenes Wochenende warfen Unbekannte nachts eine Scheibe ein und beschädigten die Rollläden. Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt, am vergangenen Mittwoch jedenfalls kam es zu keinen weiteren Ausschreitungen, aber noch immer finden sich ein paar geschmacklose Witzbolde, die der Familie leere Umzugskartons vor die Tür stellen. Dass es sich bei diesem Mob wohl größtenteils um gelangweilte Jugendliche handelt, dürfte die Laune der Familie kaum verbessern. Man muss Christian Leps angesichts dieser Hexenjagd für den Mut bewundern, überhaupt noch die Tür zu öffnen, wenn ein Reporter davorsteht, auch wenn er sie dann gleich mit den Worten wieder schließt, er habe zu der Sache nichts mehr zu sagen, schauen Sie sich doch das Haus an.

Sehr dünne Rechtfertigung

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