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„Flemming“ im ZDF : Der Tausendsassa in Seelenklempnergestalt

Flemming weiß Rat: „Wir wollen berühren – und berührt werden” Bild: Hans-Joachim Pfeiffer/ZDF

Nichts ist so unterhaltsam wie ein ratloser Psychologe: Das ZDF hat jetzt „Flemming“, einen Mann für alle Fälle, der uns den Freud um die Ohren haut. Man merkt, dass Drehbuchautor Gregor Edelmann in seine Hauptfigur vernarrt ist.

          Ein solches Geplänkel zum Beginn einer neuen Krimiserie muss man sich leisten. Es ist eine Flirterei vor dem Herrn, ein Vorliebesspiel sondergleichen. „Nicht besonders groß, gutaussehend, du glaubst nicht, was der für ein Jackett anhat“, sagt die Stewardess zu ihrer Kollegin. „Schick, teuer, aber die Tasche ist ausgerissen.“ Ein solcher Trick ist eigentlich unter dem Niveau des Psychologen Vincent Flemming (Samuel Finzi), aber er funktioniert. „Ihr Jackett ist gerissen“, sagt die junge Frau. „Ich dachte, das fragen Sie mich erst morgen“, entgegnet der Galan, der es darauf anlegt, durchschaut zu werden. Und so steigt die Umgarnte doch ins Taxi – ohne ihn. Er wird Mittel und Wege finden, dass sich ihre Wege wieder kreuzen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Umschwung, den der Autor Gregor Edelmann ins Drehbuch schreibt, erfolgt mit aller Härte. Vincent Flemming, der Tausendsassa in Psychologengestalt, berät die Polizei bei kniffligen Fällen. Eigentlich hat er gerade gekündigt, vor der Wache singt ihm der Polizeichor ein Ständchen zum Abschied. Doch es kommt, wie es zum Auftakt einer Serie kommen muss: Ein Junge ist entführt worden, Flemmings Rat ist gefragt, wovon seine frisch von ihm geschiedene Frau Ann Gittel (Claudia Michelsen) wenig begeistert ist. Sie führt das Kommissariat, dem ihr Ex-Mann für diesen Fall zugeteilt wird. Es wird nicht die einzige Ermittlung bleiben.

          Schon die erste von zunächst sechs Folgen führt an seelische Abgründe, aus denen niemand unbeschadet hervorgeht. Nicht die Mutter des Jungen, Irm Fokken (Inga Busch), nicht die Ermittler, aber doch der Vater (Peter Benedict), der bis vor kurzem von seinem Sohn nichts wusste und der erste Verdächtige ist. Ein One-Night-Stand sei es gewesen, sagt die verzweifelte Irm Fokken; der Psychologe weiß, dass dies nicht die ganze Wahrheit ist. Die Wahrheit, die er schließlich findet, bringt niemandem Erlösung.

          Frisch von Flemming geschieden: Ann Gittel (Claudia Michelsen, links)

          Aphorismen von Freud bis Pascal

          Die Tonlage, in der die Regisseurin Claudia Garde den Pilotfilm von „Flemming“ inszeniert, ist eine Gratwanderung. Das soeben getrennte Paar Gittel und Flemming fällt sich direkt nach dem Scheidungstermin in die Arme. Die Ehe funktioniere ohne Liebe, ihre Liebe aber nicht in der Ehe, sagt Hans Matthei (Hanns Zischler), Flemmings väterlicher Freund und Mentor. Damit ist für Verwicklungen aller Art gesorgt, für einen permanenten Rosenkrieg am Arbeitsplatz, ohne Rücksicht auf Verluste bei den genervten Kollegen. Sich selbst hilft der gewandte Psychologe, der in seiner eigenen Radioshow feinsinnige und bitterböse Partnerschaftslebenshilfe leistet, zuletzt oder auch gar nicht. „Wir wollen berühren – und berührt werden“, sagt er. Für das Berührtwerden wird bald die Stewardess zuständig sein, doch wir wissen, dass der Mann mit dem zerrissenen Jackett eine andere meint.

          Wie bei einer Exposition üblich, kommt alles etwas dicke. Die Figuren müssen eingeführt und ihre Hintergründe erklärt werden. Also hält Flemming eine Einführungsvorlesung nach der anderen, um Aphorismen von Sigmund Freud bis Blaise Pascal ist er nicht verlegen. In den kommenden Folgen wird ihm für derlei Ausführungen die Zeit fehlen.

          Der Tragöde hinter dem Hagestolz

          Man merkt, dass der Autor Gregor Edelmann in seine Hauptfigur vernarrt ist. Neben Flemming, den Samuel Finzi sprühfunkelnd spielt, verblassen die anderen, auch seine von Claudia Michelsen gespielte Ex-Frau Ann Gittel. Mit diesem Flemming setzen Autor und Sender die erfolgreiche Geschichte des „Letzten Zeugen“ fort, der preisgekrönten Serie, in welcher der verstorbene Ulrich Mühe brillierte. Der Psychologe von heute ist ein Bruder im Geiste des Pathologen, den Mühe gab, auch im Gemüt. Bei beiden verbirgt der unterhaltsame Hagestolz den Tragöden dahinter. Nur die Bemühtheit, mit der das Buch das Credo des Psychologen vermittelt wird, dem es um Heilung, nicht um Strafe geht, wirkt etwas penetrant. Ohne schuldlose Täter und schulbeladene Opfer scheint es hier nicht zu gehen.

          Vincent Flemming hat nur seine gescheiterte Beziehung zu verarbeiten. „Nichts macht so einsam wie eine gestorbene Ehe“, sagt er und betrinkt sich dann doch nicht mit Freund Hans. Die Stewardess wartet schon.

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