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Fernsehvorschau : Pionier Lehmann

So jung, und schon soviele Sorgenfalten: Frederick Lau als Frank Lehmann in seiner Bremer WG Bild: WDR/Thomas Kost

Als der Herr Lehmann noch Frank Lehmann hieß und zur Bundeswehr musste: Hermine Huntgeburth hat für die ARD den Kult-Roman „Neue Vahr Süd“ von Sven Regener verfilmt. Ein 630-Seiten Roman in neunzig Fernsehminuten.

          1. Juli 1980: Frank Lehmann rückt in die Bundeswehr-Kaserne Dörverden-Barme in Niedersachsen ein. Ein Wehrpflichtigen-Schicksal, das er in jenem Jahr mit mehr als 200.000 jungen Männern teilt. Ein Schicksal, das er eventuell hätte vermeiden können, wenn er verweigert hätte. Hat er aber nicht. Hat er vergessen. Mit dieser schaurigen Einsicht beginnt der 2004 erschienene Erfolgsroman von Sven Regener, „Neue Vahr Süd“, dessen Titel auf ein Neubaugebiet in Bremen anspielt, in dem Lehmann aufwächst. Nach langem Zögern hat Regener die Fernsehrechte verkauft, die Regisseurin Hermine Huntgeburth hat sich nach einem Drehbuch von Christian Zübert darangemacht, den 630-Seiter in neunzig Sendeminuten abzuhandeln.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Nach der ersten Woche als Rekrut wird Frank Lehmann klar, dass er daheim nicht mehr erwünscht ist. Seine Eltern verstehen nicht, wie er das tun konnte – zur Bundeswehr gehen? Eine WG im Bremer Ostertorviertel nimmt ihn auf, aber sein bester Freund Martin (Eike Weinreich), der Germanistik studiert, entpuppt sich als Intrigant. Beim Bund läuft es auch verquer: Ausgerechnet Lehmann, den sein Klassenkamerad Harry als Hippietyp einstuft, ausgerechnet Lehmann wird mit 98:2 Stimmen zum Vertrauensmann gewählt. Weil er es geschafft hat, dem Standortgeistlichen die subtile Frage zu stellen: „Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, ein Problem zu haben?“

          Apfelkorn, Whisky, Rum, Cola

          Dabei hat er das nur ernst gemeint, Ironie ist Lehmanns Sache nicht, er kann einfach seine Kommentarfunktion nicht deaktivieren. Auch seine Annäherungen an die Damenwelt verlaufen ungeordnet, Sibille (Miriam Stein) wankt zwischen den Beziehungsangeboten, Birgit (Rosalie Thomass) geht zur Sache. Die Vorgesetzten sind – wie in der Vorlage – eher holzschnittartig gezeichnet. Ulrich Mattes hat als Kompanieführer seine liebe Not mit dem unkalkulierbaren W 15, der erst lernen muss, dass er jetzt „Pionier Lehmann“ heißt.

          Klappt noch nicht so richtig: Frank Lehmann (Frederick Lau) wird aus der Übung abberufen und muß zum Kompaniechef

          Die Ausstattung ist einem Historienfilm angemessen. Lehmann fährt einen auch damals schon betagten Opel Kadett, Schläger Harry (Albrecht Abraham Schuch) naturgemäß Manta, Zappa-Poster sind ebenso Pflicht wie Che Guevara, Apfelkorn, Whisky, Rum, Cola ebenso. Man diskutiert im Kollektiv, hört „The Jam“, trägt Unterhosen mit Eingriff. Der Drill der Unteroffiziere – die Hemden auf A 4! –, die Grillplatte Balkan für zwei Personen, alles authentisch. Nur Achselrasuren waren 1980 bei Männern unüblich.

          Die Längen der Vorlage

          Lehmanns nachträgliche Verweigerung scheitert, dann kommt es zum dramatischen Finale: Ein öffentliches Gelöbnis im Weserstadion ruft 10.000 Demonstranten auf den Plan. Nach den heftigen Krawallen schafft es Pionier Lehmann mit einer Überdosis Tabletten den Nachweis zu führen, dass er der Vaterlandsverteidigung nicht gewachsen ist – und entschwindet auf der Autobahn gen Berlin.

          Sven Regener war der Meinung, sein Roman sei nicht verfilmbar, „jedenfalls nicht jenseits des Monumentalfilms“. Nun hat Hermine Huntgeburth den Gegenbeweis angetreten und damit auch unvermeidlich auf die Längen der Vorlage verwiesen. Sie schnurrt den Stoff auf zwei Schwerpunkte zusammen – die Grundausbildungszeit und die alternative Szene am Ostertor. Zwei Welten, zwischen denen Lehmann pendelt und in denen er gleichermaßen nicht klarkommt.

          Dass der Geist der Romans dennoch erhalten bleibt, liegt zu einem guten Teil an Frederick Lau, der das Indifferente, Kleinbürgerliche der Figur Frank Lehmann überzeugend ausspielt. Wer sonst liefe schon mit einem Mantra wie diesem durch die Adoleszenz: „Man redet nicht über Anwesende in der dritten Person“?

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