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Fernsehvorschau: „Entführt!“ : Der Gemeinplatz ist der wahre Abgrund

  • -Aktualisiert am

Gefangen in einem gespenstischen Verlies: Hannah (Charleen Deetz), Enkelin eines Pharma-Magnaten Bild: Walter Wehner

Keinem gelingt es wie Regisseur Matti Geschonneck, menschliche Abgründe in Fernsehbilder zu bannen. Hinter jedem Schein lauert in seinen Filmen nicht das Sein, sondern neuer Schein. Das ist auch das Prinzip des heute anlaufenden Ausnahmefernsehfilms „Entführt!“ mit brillantem Ensemble.

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          Wie ein gewöhnlicher Familienausflug beginnt „Entführt!“ beim Bergsteigen. Richtig und falsch. Der Fernsehfilm „Entführt!“ beginnt zwar als Familienausflug, aber die Bergbesteigung, die Liane (Nina Kunzendorf) und Frank Bergmann (Mark Waschke) mit ihrer Tochter Hannah (Charleen Deetz) unternehmen, wirkt von Beginn an wie eine absichtlich mit Mehrsinnigkeiten durchsetzte Aufführung familiärer Harmonie. Gegeben wird das beliebte Spiel Mutter, Vater, Kind als fiktive Familienaufstellung mit Unbekannten.

          Der Eindruck, dass hier kaum etwas das und niemand gänzlich der ist, der er zu sein scheint, ist von Anfang an unabweisbar. Indizien unterschiedlicher Art weisen darauf hin, dass der Schein trügt und trügen soll. Vater Frank muss Mutter Liane mehrmals drängen, mit aufs Familienfoto zu kommen. Sie telefoniert am Handy, hat Wichtigeres zu bereden. In der Ehe scheint es zu kriseln. Das ist das eine. Das andere, Folgenschwerere: Zwischen die Selbstauslöserbilder der Digitalkamera, die man sieht, drängen sich Zoom-Einstellungen, die offenbar aus einer ganz anderen Perspektive geschossen werden. Die Familie lichtet sich selbst ab und wird gleichzeitig beobachtet, während die Filmkamera beides, das eigenhändige Ablichten und das fremde Observieren, beobachtet und in irritierende Parallelschnittfolgen fügt.

          Alles sonnenklar

          In den Vorab-Berichten zu „Entführt!“ wurde betont, dass man ganz genau aufpassen müsse, wer bei den zahlreichen Verwicklungen und Geheimnissen des Thrillers „Entführt!“ nicht den Faden verlieren wolle. Empfohlen wurde unter anderem in einschlägigen Fernsehzeitschriften, sich die Mühe des konzentrierten Zuschauens zu sparen und die DVD-Veröffentlichung dieses, so stehe zu vermuten, grandiosen Fernsehfilms abzuwarten. Beim wiederholten Hinsehen werde man das gleichermaßen spannende wie verwirrende Knäuel aus einer mehrere Generationen und Kontinente umfassenden Schuld- und Familiengeschichte nach und nach vermutlich entwirren können. Dieser Rat allerdings ist so unnötig, wie der Befund falsch ist.

          Irritation überall: Hannahs Mutter (Nina Kunzendorf) und der Kommissar (Heino Ferch)
          Irritation überall: Hannahs Mutter (Nina Kunzendorf) und der Kommissar (Heino Ferch) : Bild: Walter Wehner

          Ein Minimum an Konzentrationswillen reicht aus, um den Entwicklungen dieses angemessen komplex, aber keineswegs überkompliziert konstruierten zweiteiligen Thrillers und seinen haarscharf genau filmisch komponierten Szenenbildern zu folgen. Matti Geschonneck, ein erwiesener Spezialist für das Sehenlehren von Abgründen dort, wo alle Welt Gemeinplätze vermutet, macht diesmal zusammen mit seinen Buchautoren Hannah Hollinger und Jörg von Schlebrügge, mit seinem überragenden Kameramann Ngo The Chau, seinem Komponisten Florian Tessloff und seiner Cutterin Inge Behrens so gut wie alles richtig und innerhalb des Möglichkeitsbereichs des Fiktiven auch alles sonnenklar.

          Das Spiel mit der Einlösungsverweigerung

          Das Erzählprinzip der allmählichen, ereignisgetriebenen Enthüllung eines einzigen Kriminalfalles und seiner mannigfaltigen Hintergründe haben die Fernsehzuschauer, die vom Medium mehr als eindimensionale Unterhaltung erwarten, zuletzt bei „Kommissarin Lund“ geradezu enthusiastisch über Stunden und Wochen verfolgt. Auch „Entführt!“ verbindet ein auslösendes Kapitalverbrechen mit gesellschaftlichen und familiären Abgründen, psychologisiert dabei nicht, konzentriert sich aber im Verlauf erst breit gefächerter, nach und nach immer zugespitzterer Figuren- und Szenenführung auf die Person des Pharma-Magnaten Albert Targensee (Friedrich von Thun). Die Entführung seiner Enkelin Hannah und seines Schwiegersohns Frank und die absurd hohe Lösegeldforderung von 22 Millionen Euro sollen vor allem ihn treffen. Tochter Liane, die vor zwanzig Jahren aus zunächst unbekannten Gründen den Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen hat, scheint erst einmal nur ein bedauernswertes Bauernopfer abzugeben.

          Dass jedoch allen Figuren mindestens ein Rest an Irritierendem bleibt; dass hinter jedem Schein kein Sein, sondern neuer Schein sich zeigt, ist ein Prinzip des tatsächlichen Ausnahmefernsehfilms „Entführt!“. Auch die wohlfeil wirkungsvolle Besetzung der Figuren durch arrivierte Stars darf als weiteres raffiniertes, weil paradoxes Spiel mit eingelösten Zuschauererwartungen und gleichzeitiger Einlösungsverweigerung gelten. Ausnahmslos und anscheinend mühelos spielen sich Heino Ferch als der Kommissar, Friedrich von Thun als der Patriarch, Matthias Brandt als der Irre vom Dienst, Suzanne von Borsody als die große Unbekannte, Nina Kunzendorf als die unglückliche Starke (Liane Bergmann), Hanns Zischler als der Weggefährte und Andrea Sawatzki als die Kapriziöse bei aller schauspielerischen Individualität zugleich bravourös in ihre typisierenden Rollen hinein.

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